Das Neue Prekariat

rap.de: Twista ist ja auch nie erfolgreich gewesen.

Basti: Wobei ich Tech N9ne krass feiere, weil der kann halt alles. Der kann singen, der kann alle Formen von Doubletime, Tripple-irgendwas, der kann… alles einfach.

rap.de: Tech N9ne ist ja zurzeit independent krass erfolgreich. Ist das ein Ansporn für euch, auch Independent zu bleiben?

Basti: Voll nicht. Wenn der erste Major kommt und viel Geld bietet, unterschreiben wir. Alle, die früher Verfechter der Independentkultur waren, sind ja heute irgendwie bei einem großen Label – oder waren mal zwischenzeitlich bei ’nem großen Label. Ohne jetzt Namen nennen zu wollen.

Beatmasta: Erst wenn sie scheitern gehen sie zurück und sagen: "Ey wir wollten nicht mehr, deswegen machen wir jetzt wieder Independent." Totaler Quatsch. Die wurden rausgeschmissen, ganz einfach. Muss man mal sagen.

Basti: Genau! Weil's nicht erfolgreich genug war. Wieso sollen wir nicht einen Schritt weiter gehen, wenn das Angebot kommt? Da sind die Vertriebsstrukturen auch ganz anders. Wären wir bei Universal und nicht bei Rough Trade, wo wir momentan sind, gäbe es auch eine ganz andere Struktur, ein ganz anderes Arbeiten. Da ist dann nicht der Vertriebsleiter zwei Wochen im Urlaub und hat nich tmal den Newsletter rausgeschickt, so dass der Handel gar nicht weiß, dass das Album "Bis einer weint" kommt. Wie es jetzt gerade der Fall ist.

rap.de: Newsletter hin oder her, wir wissen ja, das euer Album kommt. Und es ist sehr sozialkritisch geworden. Seid ihr in Wahrheit Moralisten?

Beatmasta: Schwere Frage. Es ergibt sich einfach, wenn man nicht doof ist und gewisse Ideen aufgreift. Dann kann man manchmal einfach nur zu gewissen Schlüssen kommen, glaube ich. Zum Beispiel bei "Egal": Wenn Basti aus einer Idee heraus sagt: "Ich find das scheiße, dass Sylvie van der Vaart ihren Krebs ausschlachtet“ und er dann einfach nur so Lines bringt, in denen er sie hasst, kann der Song am Ende doch sozialkritisch werden. Da war die Intention vielleicht am Anfang anders, aber es hat sich so ergeben.

Basti: Das Problem ist einfach, gerade diese Sylvie van der Vart, die regt mich wirklich auf. So viele Leute haben Krebs und sterben an Krebs. Und dann hat so 'ne Olle Krebs, kriegt 15.000 für nen Spiegel-Exclusiv-Interview, schreibt ein Buch darüber, das wird nen Beststeller, sie verdient mehr als je zuvor und schlachtet diesen Krebs aus. Und sie ist noch nicht einmal gestorben! Sie hat noch beide Tittten, alles ist cool. Ich wünsche ihr wirklich noch mal Krebs, ohne Scheiß. Einfach dafür, dass sie an einer Krankheit soviel Geld verdienen kann und die Masse interessiert's: "Oh, die arme Frau hat Krebs". Aber es sterben täglich tausende Menschen daran, und das interessiert keine Sau. Mich machen einfach manche Sachen richtig wütend, und dann muss ich auch einen Song drüber schreiben. Das mach ich natürlich auf eine humorvolle Schiene, aber die Leute, die nicht dumm sind, verstehen dann auch die Sozialkritik da drin. Viele haben ja auch geschrieben, dass sie mich abstechen für den "Egal"-Song.

rap.de: Wirklich?

Basti: Ja, voll. Animus, auf seiner Facebook Seite. Nee, also, der wollte mich nicht abstechen. Der hat aber auf seiner Pinnwand geschrieben: "Wenn ich diese Trailerparkjungs sehe, dann nehme ich mir die beiseite" und "Meine Tante ist an Krebs gestorben" und so. Totaler Blödsinn. Mein Opa hat auch Krebs.

Beatmasta: Darum geht es gar nicht.

Basti: Naja, und dann kamen wirklich minütlich Drohungen rein: "Wir stechen euch in Frankfurt von der Bühne, in Mannheim von der Bühne, in Heidelberg von der Bühne…", also von seinen Fans. Und dann hab ich halt Animus geschrieben und meinte: "Sag mal bitte deinen Fans, sie sollen mir nicht mein Postfach vollschreiben, von wegen, dass sie mich töten wollen." Das Ding war aber auch, auf Animus' Pinnwand haben das auch manche Leute gefeiert und meinten: "Peilst du den Humor nicht?" Dann hat er es gelöscht. Jetzt sind wir so verblieben, dass wir uns mal treffen wenn er in Berlin ist und uns darüber unterhalten. Ich hab's ihm ja auch erklärt. Ich halt ihn ja auch nicht für dumm. Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat. Soviel älter als ich ist er ja nicht, dass er sich wie ein Vater aufführen kann. Außerdem finde ich, in Musik kann man alles sagen.

Rap.de: Auch über deutsche Nationaltorwarte, die Selbstmord begangen haben…

Basti: Du meinst das Robert Enke-Ding. Das hatte ich ja auf "Wohnwagensiedlung" schon mal, und weil sich da alle so schön aufgeregt haben, hab ich dem noch mal vier Lines auf "Egal" gewidmet: "Mir doch egal, ich rauch mir eine Kokarette/ Und bin nach dem ersten Zug bereits so breit wie Robert Enke/ Mann, das war ein Torwartfehler, und die Eingeweide spritzen/ direkt vor den 16er, den hätt' er einfach halten müssen." Der Typ hat seine Familie im Stich gelassen, der hat sich umgebracht, dabei hat er Kinder. Er hat einfach so viele Leben zerstört, nur weil er so egoistisch war und sich sein Leben nimmt.

Beatmasta: Medienwirksam. Hat nur noch gefehlt, dass er RTL Bescheid sagt, wo er das macht.