Horrorcore: Mehr Nervenkitzel, nicht nur an Halloween

Ob Enemy, Tarek K.I.Z. oder Grim 104 – der Gruselmonat Oktober veranlasst einige Künstler*innen, für ihre Videos tief in der Special-Effects-Schublade zu kramen. Für eingefleischte Horrorcore Fans ist jedoch das ganze Jahr über Halloween. In diesem düsteren Subgenre des HipHop dreht sich alles um Gewalt und Unheimliches. Hier werden Themen besungen, die über das hinausgehen, was im Mainstream Rap zu ertragen ist. Missbrauch, Suizid und Bluttaten in Musiktexten ist nicht jedermanns Sache und so wird der Horrorcore in eine dunkle Ecke in den Keller geschoben. Dorthin, wo sich nur die echten Fans hin trauen.

Das Rezept für einen Horrorcore-Song

So wie bei anderen Subgenres fällt es schwer, diese Art von Rap peinlichst genau abzugrenzen. Selbstverständlich lassen sich in Horrorcore-Songs häufig Samples aus Horrorfilmen finden oder Geräusche, die für Gänsehaut sorgen. Aber es können keine bestimmten Instrumente oder Melodien ausschließlich dem Horrorcore zugeordnet werden. So wie beispielsweise beim Pornorap bestimmen die Texte das Genre.

Für jeden „Geschmack“ ist etwas dabei, es ist keine Grenze hin zum Untragbaren gesetzt. Dementsprechend gibt es vergleichsweise seichte Anspielungen auf Triebtäter und Horrorhäuser wie bei K.I.Z. auf ihrem „Hahnenkampf“-Album. Die Ausführungen können aber auch viel detaillierter und persönlicher sein, so zum Beispiel bei Crystal F:

„Während die Anderen am Kotzen sind stell ich mir vor der Krötenbauch wär‘ von meinem Sitznachbarn das Doppelkinn
Oder die Luftröhre von Sarah aus der ersten Reihe
In meiner Vorstellung röchelt sie die letzten Schmerzensschreie“
 
(Crystal F„Missgeburt“)

Tabuthemen faszinieren

Kurz gesagt: der Tod fasziniert die Menschen, genau wie andere Tabuthemen auch. Alles worüber wir wenig wissen und nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wird, ist interessant. In Amerika boomt die Halloween- und Horrorbranche noch weitaus mehr als hier in Deutschland. Dort finden sich die Anfänge von Horrorcore bereits in den späten 80ern mit Alben von Ganksta N-I-P und Insane Poetry. Hierzulande ist dieser Hype weit weniger ausgeprägt. Einer der Wegbereiter für deutschen Horrorcore ist ohne Frage MC Basstard. Er brachte 2002 seine Platte „Obscuritas Eterna“ raus, die aufgrund der direkten Texte wenig später indiziert wurde. Dieses Album ist bis heute ein Meilenstein des Genres.

Aber auch im weniger gruselfanatischen Deutschland schießen Crimepodcasts wie Pilze aus dem Boden und die Verfilmungen von Stephen Kings Büchern spielen Millionen ein. Diese Inhalte aus Filmen, Büchern oder Liedern müssen sich gegenseitig übertrumpfen, um Fans für sich zu gewinnen. Das führt dazu, dass wir immer weiter abstumpfen und mehr brauchen: Mehr Blut, mehr Gewalt, mehr Horror. So locken uns wage Anspielungen an den Axtmörder im dunklen Wald kaum noch hinterm Ofen hervor. Es müssen schon konkrete Beschreibungen von Taten sein, am besten noch mit spezieller Waffe und detaillierter Ausführung. So zum Beispiel bei Blokkmonstas neuerem Werk:

„Reißt du deine Klappe auf, klappt das Klappmesser auf
reißt dir deine Fresse ein und versinkt dann im Bauch“
(Blokkmonsta„Stechen behindert“)

Nur Anspielungen reichen nicht mehr 

Dass sich die Horrorcore-Spirale in den letzten Jahren ins Unermessliche gedreht hat, weiß auch der Staat. Die BPJM indiziert heutzutage deutlich weniger Rap-Alben als noch vor zehn Jahren. Trotz dieser lascheren Gesetze wird Horrorcore-Künstler*innen teilweise sogar vorgeworfen, ihre Hörer zu Bluttaten zu animieren. Ob diese Anschuldigungen Bestand haben und jemand einen Mord begeht, nur weil er zu viel Horrorcore gehört hat? Diese Diskussion lässt sich mit der Debatte um Ballerspiele und deren Folgen vergleichen – und da ist es eigentlich ziemlich eindeutig: Nein.

Doch warum tut man sich das an?

Es gibt viele gute Gründe, Rap mit Horror-Elementen zu hören. Während im klassischen Rap mit Statussymbolen geflext wird und Frauen beleidigt werden, wird im Horrorcore einfach jeder fiktiv umgebracht. Was für eine schöne Abwechslung! Und wenn wir mal ehrlich sind, gibt es wenig, was bei schlechter Laune so gut hilft wie eine große Portion aggressiver Musik. Wer von uns hat nicht schon an einem ganz miesen Tag an Mord und Totschlag gedacht? Und mit Horrorcore kann man Tabus erleben, ohne sie wirklich ausführen zu müssen. Genau das ist der wichtige Unterschied.

Menschen, die Horrorcore hören, sind nämlich keine Psychopathen, die zu Hause in Särgen schlafen und Schweineblut trinken. Sie suchen das kleine bisschen Nervenkitzel auf dem Weg zur Arbeit in der vollen U-Bahn oder im Stau auf der Stadtautobahn, wenn sie ihr eigenes Leben anödet. Und weil der klassische Nine to Five-Job wohl noch einige weitere Generationen langweilen wird, wird Horrorcore noch lange interessant bleiben. Einmal im Jahr ist es gesellschaftlich akzeptiert, seine Neugierde an diesen Themen öffentlich zu zelebrieren. Wenn man Horrorcore aber mal aus seiner Saisonschublade heraus holt, schafft es das Genre vielleicht auch mal ins allgemeine Bewusstsein von Rap.

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