Prinz Pi über 2011

rap.de: Du sprichst gerade eine Entwicklung an, die dieses Jahr stark vorangeschritten ist. Die hat angefangen mit Marteria oder auch schon mit Peter Fox…

Prinz Pi: … dann kam ich und dann kam Casper und hat die Tür endgültig aufgetreten.

rap.de:  Und inzwischen stehen schon wieder die nächsten vor der Tür.

Prinz Pi: Und jetzt stürmen Kraftklub da durch. Und die sind so viele, die kommen auch noch durch die Fenster. (Gelächter)

rap.de: Oder die Orsons.

Prinz Pi: Ja, könnte auch sein, das wird man auch noch sehen.

rap.de: Und natürlich Leute wie Rockstah, Ahzumjot, Olson…

Prinz Pi: Aber das sind in meinen Augen schon richtige Rapper-Rapper.

rap.de: Ja? Aber beispielsweise das Ahzumjot-Album ist doch recht experimentell.

Prinz Pi: Aber das ist doch voll Kid Cudi-mäßig. Ich weiß dass man ihm das nicht sagen darf, aber warum denn nicht? Das liegt doch völlig auf der Hand. Er sieht aus wie Kid Cudi, er kleidet sich wie Kid Cudi, er rappt wie Kid Cudi

rap.de: Er rappt doch nicht wie Kid Cudi.

Prinz Pi: Natürlich rappt er wie Kid Cudi! Also, ich habe die Musik gehört, ohne ihn vorher gesehen haben und dachte sofort: Kid Cudi. Ich meine das ja auch nicht böse, ich bin ja Kid Cudi-Fan. Und Rockstah rappt richtig geil, aber in seinem Wortschatz sind voll viele richtige Rapwörter drin. Bei Rockstah tauchen Wörter auf, die aus diesem HipHop-Kosmos stammen. Deswegen kann man die Querverweise bei Rockstah nur verstehen, wenn man aus selbst aus diesem HipHop-Kosmos stammt. Oder aus dem Gamer-Kosmos. Ein Typ wie Casper benutzt in seiner Sprache keine Rapwörter. Den versteht jeder. Ich meine das also nicht von der Art oder der Attitüde her, sondern einfach von ihrem Wortschatz. Ich überlege gerade, wer meine Texte wohl so versteht. Ich habe ja sehr unterschiedliche Fans.

rap.de: Deine Texte verstehen nur Philosophiestudenten.

Prinz Pi: Nur Philosophiestudenten ab dem 3. Semester. (grinst) Weißt du, was total schlimmes passiert ist? Mein Album wurde in der Bravo als Tipp genannt. Ich hasse ja die Bravo. Aber was soll ich machen? Kann ich die nicht verklagen? Naja, wahrscheinlich nicht.

rap.de: Wagen wir einen kleinen Ausblick auf 2012. Was, denkst du, wird da so passieren?

Prinz Pi: Ich denke, dass sich dieser Trend fortsetzt und weiterentwickelt. Es gab ja mal eine Zeit, da gab es Bands wie Fettes Brot. Die waren eine Konsensband. Die fand jeder cool, auch wenn er nicht per se HipHop cool fand. Das war Mainstream. Auch bei Fünf Sterne Deluxe war das so. Ich glaube, was Kraftklub und Casper machen, nimmt eine ähnliche Entwicklung. HipHop-basierte Musik kommt wieder im Mainstream an. Das eröffnet dann auch Perspektiven für Künstler wie mich, die noch nicht ganz so Mainstream sind und auch nicht sein wollen. Aber die halt auch von Leuten gut gefunden werden, die nicht per se HipHop cool finden. Das ist eine geile Entwicklung und ich glaube, die wird sich noch weiter fortsetzen.

(Es folgen einige fachmännische Ratschläge von Pi zum richtigen Einsatz von Wasabi)

Ich kann total viele Gastrotipps geben. Ich könnte auch Gastrokritiker werden. Demnächst schreibe ich auch eine Kolumne für ein bekanntes deutsches Magazin. Unter Pseudonym. Ich sage jetzt auch nicht, welches Magazin. Das müssen die Leute schon erraten.

rap.de: Kann man angesichts der neueren Entwicklungen überhaupt noch von einer deutschen Rap-Szene sprechen?

Prinz Pi: Voll, auf jeden Fall. Die deutsche HipHop-Szene ist so facettenreich und groß wie noch nie. Als ich angefangen habe zu rappen, gab es Berlin. Und den Rest von Deutschland. Als Lokalpatriot fand natürlich alles scheiße, was nicht Berlin war, klar.  Dann hat man sich so peu a peu geöffnet und gesagt, der und der ist doch ganz cool, aber immer mit dem Zusatz "…obwohl er nicht aus Berlin ist!". Gut, Frankfurt wurde immer irgendwie akzeptiert, meine Freundin kommt ja auch Frankfurt. Darum bin ich natürlich down mit Dietzenbach und Offenbach. Wenn ich das Weihnachtsfest im dortigen Ghetto verbringe, muss ich damit natürlich down sein. Jedenfalls, mittlerweile gibt es so krass viel Musik, die mir persönlich gefällt. Coole Leute, die sich entwickelt haben und ihr ganz eigenes Süppchen kochen, das ist geil. Tua zum Beispiel, der macht über Jahre hinweg seinen eigenen Style und ist krasser Meister in allen Disziplinen, der kann krass rappen, krass singen, hat 1a-Texte, bringt es immer super auf den Punkt, produziert super, mischt super. Tua ist der vollkommene Krieger. Der Zehnkämpfer, der kann alles. Und trinken kann er auch (grinst). Er ist sehr groß und wahrscheinlich auch sehr stark. Er könnte sicher auch so manchen Gangsta-Rapper im Faustkampf niederstrecken. Dann gibt es Leute wie Peter Fox, Casper, K.I.Z., Kraftklub, RAF , dann neue Leute wie Olson, Cro, Rockstah, Ahzumjot, die Orsons nicht zu vergessen, Maeckes und Plan B, die mit der Theatersache ja schon seit Jahren ein eigenes, cooles Comedy-Ding machen… Dass ich so viele Beispiel aufzählen kann, von denen ich Fan bin,  gefällt mir selber voll gut – das hätte es früher nicht gegeben. Da hätte ich nur um mich gedisst und gesagt, wen ich alles scheiße finde. Ich finde auch immer noch ganz viele Leute scheiße.

rap.de: Warum? Einfach so oder weil sie schlechten Rap machen?

Prinz Pi: Wegen der Verdummung. Ich weiß, dass viele Leute sich selbst jede Verantwortung absprechen. Aber man muss immer für sein Handeln Verantwortung übernehmen. Ich kann mich als Künstler natürlich auch hinstellen und behaupten, wenn ich in meiner Musik sage, dass man kleine Kinder fressen soll, sei das meine künstlerische Freiheit. Aber man muss sich der  Verantwortung für mögliche Konsequenzen aus dem, was man sagt, schon stellen. Vielleicht ermutigt man dadurch ja jemanden zu etwas. Es gibt in "Apocalypse Now" diese berühmte Szene, wo die Soldaten das Dorf plattmachen und dazu WagnersWalkürenritt“ hören. Die sind von dieser Musik so aufgeputscht, dass sie komplett durchdrehen. Musik hat eben diese krasse Wirkung auf Menschen, im guten wie im schlechten. Das darf man nicht abstreiten. Man kann sich nicht nur freuen, wenn jemand einem sagt, deine Musik hat mir geholfen, aber keine Verantwortung übernehmen wollen, wenn jemand sagt, schlimme Dinge sind passiert, weil ich deine Musik cool fand. Die Kids sind eben nicht volljährig, wenn jemand denen beispielsweise erzählt, dass Frauen und Männer nicht miteinander befreundet sein können oder so einen mittelalterlichen Scheiß, dann nehmen die das für bare Münze. Die können eben nicht unterscheiden zwischen Fiktion und Realität. Müssen sie auch nicht können.