Konzertbericht

Indessen fährt der Based God fort, eine Auswahl seiner größten YouTube-Hits zu spielen. „Wonton Soup“ darf natürlich nicht fehlen, „Justin Bieber„, „I Cook“ und „Pretty Bitch“ ebensowenig. Dazu gibt es ein paar echte Based Freestyles, die eigentlich hauptsächlich in endlosen Wiederholungen der Begriffe „Swag„, „Bitch„, „suck„, „my“ und „dick“ bestehen – großartige Variationen gibt es dabei eher nicht. Trotzdem hat das komischerweise überhaupt keinen sexistischen Touch, niemand im Publikum hat ein Problem, diese Performance als eine gleichzeitige Parodie und Hommage an klassischen Südstaatenrap zu deuten. Herrlich. Aber auch, falls irgendjemand doch nicht so schnell mitkommt, hat Lil B vorgesorgt: Nach „Violate That Bitch“ wird er kurz ernst und betont, dass die Aufforderung zur Vergewaltigung natürlich nicht wörtlich gemeint sei. „Ich wollte einfach nur ein Lied machen, zu dem man gut Sex haben kann. Aber nehmt das bitte nicht wörtlich, ja? Vergewaltigen ist nämlich nicht cool. Das ist nur ein Spruch, so wie „Beat that pussy up“ von den Ying Yang Twins, okay?“ Er lacht ein bisschen verlegen. Nun hat es auch der Letzte kapiert.

Und weiter geht die Show. Stets aufmerksam und höflich verschenkt Lil B nach etwa einer Stunde einfach mal den gesamten Kasten mit Wasserflaschen ans Publikum. Das so beschenkte reicht die Flaschen einvernehmlich herum, jeder bekommt ein paar Schlucke, hier ist niemand allein, alle bilden eine glückliche, fröhliche Gemeinde – so schwul sich das vielleicht anhören mag: Es ist echt. Authentisch. Nicht gefaket. Je länger das Konzert andauert, umso mehr verschwimmen die Grenzen zwischen gut und böse, richtig und falsch. Gemeinsam erreichen wir alle ein höheres Bewusstsein, wo es keine Unterschiede mehr gibt, wo der Löwe und das Lamm dasselbe sind, wo niemand Angst haben muss, weder vor sich selbst noch vor anderen.
Hat er am Anfang eher die flotteren Stücke im Cooking-Style (seinem selbst erfundenen Tanz, den man am besten zu seinen Südstaaten-infizierten Songs tanzen kann) gespielt, widmet sich Lil B nun verstärkt den tragenderen Spoken-Word-artigen Stücken des neuen Albums. Immer flächiger und pathetischer dröhnen die Beats aus den Boxen, immer eindringlicher werden Lil Bs Ansprachen, er preist alles Gute und Schöne und Wahre, die Liebe, die Menschen, die Familie, die Freunde, automatisch heben alle die Hände, sogar ich, der ich sowas sonst nie auf Konzerten mache, weil ich es albern finde, zu tun, was mir ein Sänger oder eine Sängerin von der Bühne herab sagt, aber hier ist es anders, Lil B schreibt einem nichts vor, die Hände zucken von selbst nach oben, wollen nach den Sternen greifen, er müsste gar nichts sagen, er sagt es nur aus rhythmischen Gründen, weil es so gut passt.

Erneut preist er Deutschland an, als kenne er das Land seit Jahren genau, bedankt sich demütig dafür, dass man ihn hier akzeptiert, genau so sagt er es, nicht „liebt“ oder „verehrt“, Gott bewahre nein, akzeptiert. Weil er in all seiner Selbstherrlichkeit und Pracht, mit all seinem Swag und seinen „Based God fucked my bitch“-Sprüchen eben doch ein unsicherer kleiner Junge ist. Ein unsicherer kleiner Junge, der aber dennoch die Fähigkeit hat, aus normalen, eher schlechtgelaunten Menschen eine euphorische, empfindsame Einheit zu formen, sie über ihren kläglichen Tellerrand hinausblicken zu lassen und sie zu, ja verdammt, erleuchten. Es ist eigentlich kein Konzert mehr, sondern ein Gottesdienst, nur dass kein Priester anwesend ist, sondern Gott selbst, alle zusammen sind Gott, wir sind Gott.

Dann ist es vorbei. Nach einer etwa achtminütigen Ansprache auf einem Synthiegewaber komplett ohne Drums, in der er nochmal Zusammenhalt, Liebe und positives Denken preist, steigt Lil B von der Bühne. Weit allerdings kommt er nicht. Sofort ist er von einer Meute alter und neugewonnener Jünger umgeben, ein gewisser Casper übrigens mittendrin. Geduldig unterschreibt er alles, was man ihm hinhält (vielleicht sogar Bankdarlehnen, wer weiß), lächelt freundlich in jede Kamera, die sich ihm entgegenstreckt und macht allgemein genau da weiter, wo er auf der Bühne gar nicht augehört hat. Nur Interview mag er jetzt keine geben. Eine Dusche und etwas zu essen sind ihm wichtiger. Man kann es verstehen. Alles, was er zu sagen hat, hat er sowieso auf der Bühne gesagt, mit Worten, aber auch ohne. Was jetzt noch käme, die immergleichen, kleinlichen Journalistenfragen, kann man so einem strahlenden Helden einfach nicht zumuten. Das wäre Quatsch. So taumelt man friedlich hinaus in die Nacht, schenkt einem abgerissenen Typen an der Tramhaltestelle spontan 40 Euro, grinst jeden Entgegenkommenden an wie blöd und jauchzt ab und zu noch halblaut vor sich hin. Was für ein verrückter und denkwürdiger Abend das doch war. Schade, dass nicht noch viel mehr Menschen daran teilnehmen wollten.

Autor: Oliver Marquart