Konzertbericht

Es war an einem lauen Sommerabend… Quatsch. Lau war der Abend schon mal gar nicht, eher trüb und grau, und außerdem fangen so mit Sicherheit keine guten Artikel an. Es war also ein stinknormaler Mittwochabend Mitte Juni, als in Berlin ein Konzert von historischen Ausmaßen über die sprichwörtliche (in diesem Fall aber auch die buchstäbliche) Bühne ging. Nur hat davon, soviel sei gleich vorweggenommen, kaum jemand etwas mitbekommen. Anders als seine Kumpels und Kollegen von der Odd Future Wolf Gang ist der gute Based God Lil B nämlich in Deutschland bislang fast gänzlich unbekannt, ein unbeschriebenes Blatt, ein, jaja, Insidertipp. Und so machten sich an besagtem Mittwochabend nur etwa 50 Menschen ins Friedrichshainer Cassiopeia auf, um dort ein wahres Fest der Sinnenfreude und des friedlichen Beisammenseins zu feiern.
Das Cassiopeia ist kein besonders sinnlicher oder gar spiritueller Ort. Schön ist es hier nicht. Der Boden ist immer dreckig, auch wenn er fünf Minuten zuvor frisch gewischt wurde, es ist eine seltsam verwinkelte und unwegsame Location, wie geschaffen für Punk-Konzerte oder Skater-Parties und es gibt nur unsägliche Biermarken (die wir an dieser Stelle verschweigen, sie sind schließlich nicht schwer zu erraten, da sie in fast jedem Club in Berlin ausgeschenkt werden, obwohl sie nicht schmecken und keinen Charakter haben). Eigentlich nicht der richtige Ort für das, was der amerikanische Verbündete so treffend eine Celebration nennt. Und doch ereignete sich genau das an diesem eigentlich unheiligen Ort. Menschen fielen sich glücklich in die Arme, strahlten sich mit glasigen Augen an und stammelten trunken vor Glück Dankesbekundungen an ihren Schöpfer in die gar nicht besonders milde Nachtluft. Was war geschehen?
Nun, geschehen war ein Konzert von Lil B, sein erstes und demnach bislang einziges in Deutschland. Da dieser wie gesagt in deutschen Landen bisher leider nicht die ihm eigentlich zustehende Majestätenverehrung erfährt, eine kurze Erklärung an dieser Stelle: Lil B stammt aus dem Universitätsstädtchen Berkeley in der Bay Area, hat früher mal ziemlich normale Hyphy-Musik mit seiner ersten Crew The Pack gemacht (größter und gleichzeitig einziger Hit: „Vans“), dann aber irgendwann den Based God in sich entdeckt. „Based“ wiederum stammt aus dem umgangssprachlichen Slang der Bay Area und bedeutet so viel „auf Drogen“ oder „verrückt“. Lil B aber eignete sich den Begriff in guter afroamerikanischer Tradition an und verwandelte ihn in etwas positives. „Based“ bedeutet in seinem Sinne „gut drauf“ oder „bestens gelaunt“. In Rekordzeit flutete Lil B in den vergangenen drei Jahren das Internet mit neuen Songs, oft in unfassbar grottiger Qualität, vor allem, was seine Rapskills angeht, aber immer mit einer ebenso unfassbaren Überzeugung, einer kaum zu bändigenden Energie und vor allem, einem charmanten Augenzwinkern. Er brach so gut wie alle ungeschriebenen Regeln des HipHop-Kodes, bezeichnete sich als „pretty bitch„, als „fag“ (Schwuchtel) und als „rich hoe„, verglich sich mit einer Vielzahl von Prominenten, mit denen er null Ähnlichkeit hat (u.a. Justin Bieber, Miley Cyrus, Bill Clinton, Jesus) und nannte sein kürzlich erschienens Album einfach mal so „I’m Gay„. Pünktlich zum Erscheinungsdatum informierte er seine Trillionen Fans via Twitter und Facebook eher beiläufig darüber („So, das Album ist jetzt da, ihr könnt es euch auf iTunes runterladen„), nur, um im nächsten Atemzug den illegalen Downloadlink gleich mitzuposten („Aber wenn ihr keine Kohle habt, hier der kostenlose Link„). Hahaha. Man möchte eigentlich gerne wissen, was das Label, in diesem Fall immerhin Warner, zu dieser Aktion so meinte.

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