Telly Tellz

In den Medien nimmt die hiesige Debatte über Integrationsmaßnahmen ihren Lauf und führt dazu, dass sich immer mehr Rapper zu Wort melden. Mit seinem Mixtape “Mischlingskinder“ bezieht nun auch Telly Tellz Stellung. Als vielversprechender Künstler aus dem Hause Rattos Locos spricht der Newcomer Klartext und diskutiert mit rap.de über sein Leben als Großstadtkind, seinen Kampf um eine soziale Position innerhalb der deutschen Gesellschaft sowie seine Definition einer wahren Freundschaft. Unterstütztung erhält er während des Interviews von seinem Produzenten und Labelboss Blacky White.

rap.de: Wenn man dieses Mixtape und Dich so hört, dann könnte man denken, Du und Nate, ihr seid Zwillingsbrüder im Geist. Ihr habt da auch so eine spezielle Art zum Rappen entwickelt. Siehst Du das auch so?

Telly: Ja, eine eigene Art. Wir haben halt einen ähnlichen Charakter, dadurch dass wir beste Freunde sind. Aber ich würde nicht sagen, dass wir den gleichen Rapstyle haben.

rap.de: Naja, nicht den gleichen, aber doch ein wenig ähnlich und man merkt schon, dass ihr aus der gleichen Schule kommt, finde ich. Es gibt ja so Videos von Euch, wie Ihr im Studio sitzt und gemeinsam rappt. Ist das dann so etwas wie ein Trainingscamp?

Telly: Nein. Musik ist immer anders. Musik ist immer ein Gefühlsding. Deswegen kann man auch nicht sagen: “Dann passiert genau das.“ Ich kann zum Beispiel nicht Texte schreiben, wenn ich´s will. Ich kann nur einen Text schreiben, wenn die Bedingungen stimmen.

rap.de: Was sind das für Bedingungen?

Telly: Mentale Bedingungen, dass ich gut drauf bin und alles einigermaßen läuft bei mir im Leben. Manchmal geht’s auch gar nicht. Dann schreib ich vielleicht nur nen depressiven Text oder gar keinen Text, weil ich im Kopf völlig am Arsch bin.

rap.de: Viele sagen ja, dass wenn sie gut drauf sind, dann  haben sie überhaupt keinen Bock, Texte zu schreiben. Bei Dir scheint das genau anders herum zu sein.

Telly: Wenn ich gut drauf bin, dann hab ich richtig Bock, Texte zu schreiben. Ich will doch, dass das, was ich aufs Papier bring und was für immer da ist, mit einer guten Energie passiert.

rap.de: Jetzt strahlen aber Deine Text nicht immer nur gute Energie aus. Die handeln ja meistens von Problemen. Wie kriegst Du das dann hin?

Telly: Das stimmt auf jeden Fall. Das ist Verarbeitung. Das ist das Ventil und ich guck auf die Zeiten, wo ich nicht so gut drauf war. Texte schreiben ist einfach nur die Vergangenheit kreativ in Reime und Flow umzusetzen. Wenn ich gerade richtig fokussiert bin, wenn ich Durchblick habe, wenn meine Sicht gerade nicht vernebelt ist, dann kann ich gut schreiben und dann erinnere ich mich halt an eine schlechte oder eine gute Situation. Das ist dann bei dem Mixtape dabei rausgekommen, weniger oder mehr von den schlechten Situationen. Leider mehr schlechte Situationen. (Gelächter)

rap.de: Was vernebelt Deine Sicht?

Telly: Die Ignoranz von Menschen. Armut, kein Geld zu haben. Rassismus. Nicht mit dem System klar zu kommen. Zu viel Gras rauchen. (Gelächter)
Es sind viele Faktoren, die zur schlechten Laune führen. Ich mach auch viel Sport. Ich bin ein Sport-Freak. Früher war es Basketball, da war ich auch in der Hamburger Auswahl und so. Ich hab fast jeden Tag trainiert, heutzutage ist es eher Thaiboxen. Was mach ich noch?

rap.de: Was ist aus der Hamburger Auswahl geworden?

Telly: Im Endeffekt hab ich das dann an den Nagel gehängt. Ich bin nach Ami-Land gegangen in nem Austauschjahr und da war ich noch motiviert: “Okay, ich werd irgendwann in die NBA kommen.“ So wie tausend Millionen andere Leute auch. Aber dann bin ich aus Amerika wiederkommen und wurde  ein bisschen bescheidener, weil das in Amerika ein anderes Ding ist. Besonders was den Basketball angeht. Ich hab zwar gesehen, dass ich sogar eine Chance hätte, aber dann hätte ich mich ausschließlich darauf konzentrieren müssen. Dann bin ich aber wieder nach Deutschland gekommen und das Leben war einfach anders. Ich hab einfach einen anderen Kopf gehabt, ich hab mehr auf mentale und psychische Sachen geachtet. Ich wollte ein bisschen mehr Party machen. Dann sind auch ein paar Probleme mit meinen Eltern gekommen. Ich bin zum ersten Mal zu Hause rausgeflogen und so ist der Fokus halt verloren gegangen. Irgendwann ist dann Rap gekommen und hat den Fokus wieder gebracht.

rap.de: Wie ist es zu diesem Austauschjahr gekommen? War das Standard in Deiner Schule oder in Deinem Viertel?

Telly: Früher hatte ich so eine Einstellung: “Was will ich hier? Ich gehöre hier irgendwie nicht hin, nach Deutschland“. Da war immer so ein Haken. Das ist der Konflikt, den ich auch mit “Mischlingskind“ aufgreife. Ich sage das auch in einem Lied: “Manchmal fühle ich mich, als wäre ich am falschen Ort, zur falschen Zeit. Ich bin der Oldschool-Nigga und zu allem bereit. Nur dass, dir das in Deutschland nicht wirklich was bringt. Die Ehre der Männlichkeit, der Wert sinkt.“ Und ich dachte mir immer: “Nein Mann, Defensivmodus. Ich will hier weg. Ich will irgendwo anders hin“ und dann dachte ich mir eben, Ami-Land sei das Ultimative. Wie im Fernsehen: Das will ich auch haben.
Das sind halt Vor- und Nachteile in Ami-Land. Es gibt halt jedes Extrem dort. Es gibt halt geile Basketballspieler, mit einem lockeren Lebensstil. Die Menschen sind locker drauf. Es gibt aber auch derbe viele Bratzen. Als ich wieder zurück gekommen bin, habe ich dann meine Vorteile hier gesehen, meine alten Freunde und gemerkt, dass ich ein Deutscher bin.

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