Deso Dogg

rap.de: Was ist jetzt mit deinem Bruder? Der ist doch auch beim Training, oder?

Deso Dogg: Ja, den habe ich auch zum Training geholt. Er hat auch die Kurve gekriegt. Ich habe ihn zum Breakdance geschickt, da hat er dann im Wedding trainiert. Und ich glaube, dass ihn das Breaken abgelenkt hat. Und die Besuche im Knast haben ihn auch therapiert. 

rap.de: Möchtest du jetzt friedlich oder sogar spießig leben?

Deso Dogg: Mann, Du fragst immer die geilsten Fragen. Also, ich bin immer noch rebellisch. Ich habe meinen Charakter behalten, aber ich bin nicht mehr so…Früher, habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich mache…Ich bin jetzt auf einer anderen Ebene rebellisch. Was meine Musik angeht, bin ich sehr politisch geworden.  Früher habe ich halt nur Gangsta-Rap gemacht, als ich auch noch auf der Straße aktiv war. Da war es dann alles voller Gewalt. Und seit es meine Tochter und meinen Sohn gibt, muss ich da umdenken. Ich wollte meiner Tochter meine CD schenken und habe dann überlegt, "Eigentlich können die das gar nicht hören, das ist einfach zu krasse Musik“.

Dann habe ich überlegt, gegen wen ich eigentlich fighte. Ich will ja auch was vermitteln. Diese Rapper da draußen sind nicht meine Gegner, sonst hätte ich die doch alle tausendmal gedisst.

Mein Hauptfeind ist eigentlich der Staat, die Politik, die Staatshüter. Ich glaube nicht, dass ich ein Spießer geworden bin, ich bin nur schlauer geworden. 

[…]
 
rap.de: Ist es bei den Kämpfern eher so, dass die mehr handeln und weniger labern, im Gegensatz zu den Rappern?

Deso Dogg: Der Unterschied zwischen Rappern und Kämpfern bei mir ist, dass ich mich mit den Rappern nicht abgebe.

Die Kämpfer kennen sich nicht und gehen ohne Hass in den Ring. Ich gehe mit Liebe in den Kampf. Ein Kampf ist einfach menschlicher.

Wenn wir beide kämpfen würden, dann würde ich Dir die Hand geben und viel Erfolg wünschen, du würdest dasselbe tun. Und dann würden wir kämpfen. Es gibt dort keine Ungerechtigkeit. Ich würde nie nachschlagen, wenn ich sehe, dass Du K.O. bist, oder so was. Ich würde nicht Deine Mutter beleidigen, Deinen Vater beleidigen oder stompen, wenn Du schon K.O. bist. Ich würde von Dir ablassen, der Ringrichter würde den Kampf abblasen, ich würde bei Dir bleiben und fragen, "Alles okay, alles gut gelaufen?!“. Nummern austauschen, vielleicht nach dem Kampf was essen oder trinken gehen, vielleicht mal beim anderen trainieren. Das ist schön friedlich. Rap ist so anti, so aggressiv. 

rap.de: Wäre es gut, wenn die Rapper manchmal in den Ring steigen würden, damit die sich besser verstehen?

Deso Dogg: Ich kann jedem nur empfehlen, Kampfsport zu betreiben. Und wenn ihr Euch nicht leiden könnt, dann geht in den Ring, geht in den Käfig. Geht auf die Matte! Wenn du Streit mit einem anderen Rapper hast, dann forderst du ihn zum Kampf auf. Wenn er nicht kommt, dann hat er eh schon verkackt!

Und das ist auch gerechter Kampf, mit Regeln, mit einem Schiedsrichter. Nicht so wie auf der Straße, wo dann der eine ein Messer zückt oder mit einem Sniper-Gewehr auf dich schießen lässt. Kämpfen im Ring ist eine ganz andere Welt. Da kann jeder zeigen, was er drauf hast. 

rap.de: Und es ist auch keine Schande zu verlieren.

Deso Dogg: Ja, finde ich auch. Meinen ersten Kampf habe ich verloren, da bin ich K.O. gegangen und hatte kein Problem damit.

Ich bin mit einem Adrenalin-Überschuss reingegangen und das war einfach krass. 

rap.de: Wie hat sich das ausgewirkt bei dir?

Deso Dogg: Erst war alles ganz normal. Ich habe mein Training gemacht und mich auf den Kampf vorbereitet. Dann steige ich in den Ring und bumm! Meine Haut ist taub geworden, ich konnte nicht mehr richtig hören, Tunnelblick, Mund trocken, Spucke weg und Aggression, Abwehr. Wenn du zum Beispiel gestochen wirst oder jemand auf dich schießt, schüttet der Körper Adrenalin gegen die Schmerzen aus.

Das Ding war, dass ich frisch gebrochene Zehen hatte und trotzdem kämpfen wollte. Ich bin dann rein, Käfig war da, 2500 Leute. Das ist nicht wie ein Rap-Auftritt. Es ist zwar ähnlich, aber du gehst mit einer ganz anderen Handlungsweise daran. Du gehst nicht dahin, um zu rappen, sondern um zu kloppen. Und da muss die Technik stimmen, da muss das alles klappen.

Ich bin dann in den Ring gegangen, wollte mit Low Kicks anfangen und habe dann auf einmal gemerkt, "Geht ja gar nicht, mein Zeh ist ja gebrochen“. Das war der letzte Gedanke, den ich hatte. Ich bin dann ehrenamtlich gefallen, wollte wieder aufstehen und habe meinen Trainer dann gefragt, "Und, geht’s jetzt weiter?!?!“ und der meinte, "Nö, das war’s schon“.

Das habe ich erst mal nicht verstanden, dann hat er mir erklärt, dass ich die Deckung unten gelassen habe und der andere mir einen Lucky Punch gegeben hat. Durch das Adrenalin war ich einfach nicht konzentriert genug.

Die anderen Kämpfer sind gekommen und meinten, "Gut gemacht!“ Die haben das ja auch alles mal erlebt. Das ist anders als die Leute hier. Die meinen gleich, "Wie, du hast verloren?“. Ich sage denen dann, "Ey, geh du erst mal in den Käfig, geh mal zum Training!“. Die gehen ja noch nicht mal zum Training. Die sollen erst mal zu so einer Veranstaltung gehen, wo 2500 Motherfucker sitzen, die sehen wollen, dass sich da zwei Leute die Köpfe einschlagen. Ich bin ehrenvoll reingegangen und ehrenvoll raus gegangen. Und ich werde immer wieder kämpfen. Ich werde immer wieder in den Ring gehen. Ich werde immer wieder in den Käfig gehen. Ob ich gewinne oder falle, das gehört mit dazu, das ist der Sport.

rap.de: Bist du süchtig nach dem Adrenalin-Kick?

Deso Dogg: Ich glaube, dass ist eine Körper-Droge, nach der man süchtig werden kann. Als ich damals kriminell war, da hatte ich ja auch Adrenalin-Auschüttung.

Ich habe sehr oft kriminelle Sachen gemacht, die ich eigentlich nicht nötig hatte, aber ich mochte das Gefühl: Action, Action, Action! Und so ist es im Kampf auch. Nach diesem ersten Kampf wollte ich nur noch kämpfen.

Ich habe zu dem Veranstalter gesagt, "Besorgt mir sofort einen neuen Kampf! Sofort!" und wenn es eine Woche später einen Kampf gegeben hätte, ich wäre da sofort hin gegangen, obwohl ich mich eigentlich noch auskurieren sollte.

Und dann waren die Norddeutschen Meisterschaften im BJJ und ich war sehr krank und hatte auch vorher kein Training. Einen Tag vorher habe ich dann doch noch mit dem Training angefangen. Denn ich habe mir gesagt, "Ich muss kämpfen“. Ich wollte Magdeburg wieder gut machen! Den ersten Kampf habe ich da nach Punkten verloren. Ich habe meinen Fuß auf die Matte gestellt, und ich schwör es dir: Wieder so ein Adrenalin-Schub. Und da habe ich dann schon gemerkt, dass ich mehr aufpassen muss: "Deso! Atmen! Adrenalin kontrollieren!“ Dann hat mein Gegner mich angepackt und ich hab ihn angepackt und dann war es endlich unten.

Ich war zwar noch ein bisschen hektisch, aber ich habe mir mit meinem Gegner so eine Schlacht geliefert, es hat mir so richtig Spaß gemacht.

Ich werde immer wieder kämpfen.