Deso Dogg

rap.de: 2009 hieß es: "Gangster- oder Straßenrap ist tot“. Was sagst du dazu?

Deso Dogg: Ich glaube auf jeden Fall, dass es hier in Deutschland eine Menge Künstler gibt, die diese Schiene ins falsche Licht gerückt haben.

Was ist Gangsterrap? Gangsterrap kann eigentlich kein Blumentopf sein, für mich ist das wirklich Rap von einem Gangster oder jemandem, der Gangster war. Aber wenn jetzt Fler einen Track "Gangster, Gangster“ nennt, dann frage ich mich, warum er das macht. Was hat das mit ihm zu tun? Gar nichts.

rap.de: Vielleicht kennt er ein paar Gangster?

Deso Dogg: Mag sein, dass er ein paar Gangster kennt, aber was hat das mit ihm zu tun? Er sagt doch selber, er ist Gangster und Boss in seinem eigenen Geschäft.

Ich habe davon die Nase voll, von diesem ganzen Gangster Ding und es ist auf jeden Fall am Sterben. Du guckst ins Internet rein und jeder nennt sich Gangster.

Wann waren diese Leute in einer Gang? Ich kenne die Gang-Zeiten noch und habe da aktiv mitgewirkt. In den 80er Jahren gab es noch richtige Gangs, jetzt nicht mehr. Es gibt die Mafia, es gibt einzelne Gruppen, aber es gibt keine wirklichen Gangs.

rap.de: Doch, Motorrad-Gangs!

Deso Dogg: Ja, ok, die Motorrad-Gangs. Die Bandidos und die Hells Angels sind da, aber die gab es ja auch schon immer. Ich meine so richtige Straßengangs, wie es sie damals mit Gangkriegen, Blockverteilung und Nummernverteilung gab, die gibt es nicht mehr.

So Bomberjacken, wo dann hinten draufsteht "Pitbull Hakan“ und vorne "Wedding 65“. Richtig mit Codexen und Revieren.

Nach dem die Mauer gefallen war, war die Blütezeit der Gangs. Wir haben welche gegründet, um uns vor Nazis zu schützen. Die wollten sich ja ganz schnell hier breit machen und deshalb haben wir Gangs gegründet, zurück geschlagen und die vertrieben.

Ich meine, Nazis gibt’s hier ohne Ende. Neukölln ist für mich Hochburg der Nazis, Wedding auch. Die haben richtig Gebäude, ihre Büros und ihre Druckereien da. Die arbeiten da ununterbrochen.

Aber zurück zum Thema Gangsterrap ist am Sterben. Auf jeden Fall sehe ich, dass Gangsterrap ganz krass missbraucht und kaputt gemacht wurde, um irgendwas zu erreichen oder um Geld zu machen. Aber es ist falsch gemacht worden. Es stirbt, weil die Leute, die das größtenteils verkörpern, nicht ernst genommen werden. Die Leute können das gar nicht mehr hören, dass alle hart sind. Die machen erst Gangsterrap und fangen dann damit an, mit irgendwelchen Leuten Arsch zu wackeln, enge Hemden und große Sonnenbrillen anzuziehen. Da sage ich mir ok, die haben da was falsch verstanden.

rap.de: Was haben sie denn falsch verstanden?

Deso Dogg: Ich glaube, die haben den Sinn der Sache des Gangsterraps falsch verstanden. Den Sinn der Sache und die Herkunft.

rap.de: Aber das Problem hat man ja immer. Bei N.W.A. war es ja auch so, dass nur Eazy E ansatzweise in einer Straßengang war.

Deso Dogg: Ja, die anderen waren Studenten, Entertainer, Ingenieure oder kleine Dealer. Eazy E war ja eigentlich der Chef von allen, der das Geld rangeschafft hat.

Das ist das, was ich hier bei den so genannten Gangsterrappern vermisse. Die Herkunft, den Grund, warum sie die Musik so machen, wie sie sie machen. Dann sollen sie sagen, sie machen Straßenrap und rappen über die Straße. Das ist ok, ich akzeptiere das. Ich hab nichts gegen die Leute, ich schwöre es. Ich habe auch nichts gegen die Leute, die harte Musik machen, aber versucht doch realistisch zu sein. Versucht doch das zu sein, was ihr seid.

Hier ist nicht Amerika, hier ist nicht New York, hier ist nicht Compton, Brooklyn oder Harlem, also bleibt mal realistisch. Sagt das, was ihr seht. Sagt das, was ihr lebt.

"Ich knall euch ab, blablabla“ – wo? Wo hat ein Fler jemanden erschossen, wo hat ein Bushido jemanden erschossen, wo hat ein… hier, wie heißen die… ein Kollegah einen erschossen? Nur weil sie ein bisschen Kokain verticken oder von jemandem mit Waffen beschützt werden, sind sie plötzlich auch Gangster? Nein! Sagt, ihr macht Business. Straßen-Business-Rapper, das passt viel besser.

Die belügen sich doch selber diese Leute, ich könnte das nicht. Das ist kein Diss, das ist die Realität.

rap.de: Du hast auf deinem Album einen Track für deine andere "Gang“, die Alliance, einen Brazilian Jiu-Jitsu Verband. Ist das Deine neue Heimat? 

Deso Dogg: Ja. Ich fühle mich denen sehr verbunden und wir sind richtig zusammen geflossen. Meinem Trainer Ulf habe ich jede Menge zu verdanken.

Das Ding ist, als ich meinen Autounfall hatte und mit der Musik Pause gemacht habe, war ich wieder anderweitig beschäftigt.

Als ich aber gesagt habe, dass ich zum Training komme und wieder richtig durchziehen will, hat der mich nicht mehr in Ruhe gelassen. Der hat mich angerufen, der hat mich besucht, der war bis zwei Uhr Nachts mit mir unterwegs, bis ich richtig müde war.

Der wollte sicher sein, dass ich von ihm aus direkt nach Hause gehe und morgens wieder zu ihm zum Training komme.

Ich hatte wie gesagt wieder so ne Zeit, wo ich draußen andere Dienstleistungen geleistet habe und ich war wirklich kurz davor, wieder in den Bau zu gehen. Der Alliance und Ulf habe ich zu verdanken, dass ich noch draußen bin. Ich habe jetzt mit diesen ganzen Sachen auch komplett Schluss gemacht. Ich habe Nummern gelöscht und gesagt, dass ich nichts mehr damit zu tun haben will.

Ich hatte mich da wirklich um gar nichts mehr gekümmert, nur noch ums Geld verdienen. Kennst du das, wenn man nur noch macht und tut, nicht mehr nach links oder rechts guckt und gar nicht mehr aufpasst? Das ist der Moment, wo sie dann kommen und dich dran kriegen.

Ulf und die Alliance haben mich davon weg gerissen und dafür bin ich ihnen sehr, sehr dankbar. Die kriegen von mir vollste Unterstützung in meinen Texten, in meiner Musik, im Support, in Interviews und im Kampf. Egal wo, das ist meine neue Familie. 

rap.de: Das heißt, du bist jetzt wirklich hauptberuflich und Vollzeit beim Training?

Deso Dogg: Ja.