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rap.de: Und im umgedrehten Fall: War es so, als ihr auf Jamaika wart, dass Pierre ins Hintertreffen geraten ist und ihr eher angesprochen wurdet? 

Frank: Ich kannte ja vorher nur Ghana und Deutschland. Und in GhanaWestafrika ist das eher so, dass du als weißer Mensch eher sehr positiv betrachtet wirst und einen Exotenbonus hast. In Jamaika habe ich das erste Mal erfahren, dass es wirklich so ist, dass die Leute auf mich zugehen und Pierre gar nicht angeschaut wird. Er ist da ein Weißer unter Schwarzen. Das kenne ich so nicht. Die Leute sind nicht böswillig oder rassistisch gegen Pierre vorgegangen, aber dieses etwas arrogante Missachten war schon da.  

Pierre: Das Ding ist natürlich, wenn man in dieses Land fährt, muss man das vorher wissen und darauf eingestellt sein. Natürlich sind in der Geschichte des Landes die Weißen die Sklavenhalter, jetzt mal ganz klipp und klar, das ist die Grundgeschichte, auf der dieses Land basiert. Es ist klar, dass sie sich jetzt, wo das Land unabhängig ist und es den Leuten noch dazu nicht besonders gut geht, vielleicht herausnehmen, einfach mal über den weißen Typ hinwegzusehen anstatt freundlich auf ihn zuzugehen und womöglich noch einen Diener zu machen. Das ist auch ein Generationsding.  

Frank: Und unabhängig von allen geschichtlichen Hintergründen, haben sie es ja auch im Musikbereich geschafft, on Top zu sein. Sie wissen, was sie geleistet haben und was Jamaika, diese kleine Insel, in den letzten Jahren an weltbekannten Musikern hervorgebracht hat. Und das lassen sie eben auch raushängen. 
 

rap.de: Meint ihr, dass sich Reggae oder Dancehall in Europa oder Deutschland endgültig durchsetzen und auch halten wird, ich meine für die breite Masse und Käuferschaft? 

Basti: Ich glaube, dass sich Reggae eben seit Jahren immer weiter durchsetzt. Es gibt immer mehr Soundsystems und vor allem immer mehr, die auch spielen und gebucht werden. Du kannst das auch sehen in Bezug auf Amerikanischen HipHop, wo immer mehr Leute Dancehall-mäßige Beats benutzen oder auch selber bauen. Oder, vor ein paar Jahren, No Doubt-Tunes mit Bounty Killer oder Lady Saw gemacht haben oder Sean Paul im Mainstream schwer eingeschlagen ist. Deswegen würde ich schon sagen, dass sich Reggae schon immer weiter etabliert. Und in Deutschland oder Europa ist das, denke ich, auch so. Ich meine, Gentleman ist mit einem reinen Reggae-Conscious-Album auf Patois mehr oder weniger Album des Jahres gewesen. Das zeigt doch ganz deutlich, dass die Entwicklung hier auf jeden Fall noch nicht vorbei ist und sich immer mehr steigert. Und wir haben jetzt auch gesehen,  dass es in anderen Ländern sowieso eine große Basis dafür gibt – in Frankreich z.B., wo es viele Afros gibt, da hat Reggae eh eine Szene. Und Bob Marley wird weltweit gehört, also findet Reggae sowieso überall statt und hat somit eine Chance. Das ist, glaube ich, nicht bei besonders vielen Musikrichtungen so stark der Fall.  

Frank: Ich unterscheide da immer zwischen Ländern mit Kolonialvergangenheit und welchen, die diese nicht hatten. Deutschland hatte das zwar auch, aber in Frankreich gibt es viel mehr Afrikaner und Leute, die aus Ländern kommen, in denen diese Musik viel größere Bedeutung hat, so dass sie in der Musikkultur viel fester verankert ist. Ich habe immer das Gefühl, dass Reggae in Deutschland mit Summer, Sunshine und kiffen verbunden wird. Nur für einen kleinen Anteil von Leuten, eine kleine Menge, ist es wirklich Musik, die man mit Jazz und Soul vergleicht, und die fest verankert ist, in der Musikkultur.  

rap.de: In Deutschland geltet ihr, gemeinsam mit Gentleman, als die „Flaggschiffe“ der deutschen Reggaeszene. Woran mag es liegen, dass sich auf Dauer weitere deutsche Acts auf diesem Terrain nicht wirklich durchsetzen können, ihr aber doch immer ziemlich stetig? 

Basti: Ich hoffe doch mal an der Qualität.