Credibil – Renæssance [Review]

Jetzt mal ganz ehrlich: Ich hatte ein bisschen Angst, mir „Renæssance“ anzuhören. Vor ein paar Wochen hatte Walde von der Famefabrik mir den Link geschickt – ich zögerte aber ein wenig, ihn mir anzuhören. Zu oft hatte ich schon Debütalben von vielversprechenden, hoffnungsfrohen jungen Acts gehört, die mich einfach nur enttäuscht hatten.

Und Credibil ist so ein vielversprechender, hoffnungsfroher. Die Vorschusslorbeeren von Savas mal außer acht gelassen: Was er mit seinem „Deutschen Demotape“ abgeliefert hat, war schon krass. Die EP „Molokopf“ zeigte, dass der Frankfurter auch eigene Konzepte umsetzen kann. Alles gute Vorzeichen also – aber trotzdem blieb etwas Skepsis.

Was dann, nachdem ich meine Hemmungen überwunden hatte, aus meinen Kopfhörern drang, fegte meine Unsicherheit nicht nur komplett beiseite. Nein, ich muss ehrlich sagen, dass meine kühnsten Erwartungen noch übertroffen wurden. Natürlich sollte man mit dem Gebrauch von Superlativen extrem vorsichtig sein, aber ich wage mich in diesem Fall einfach mal ganz weit raus: „Renæssance“ ist das beste deutsche Rapalbum der letzten Jahre.

Das fängt damit an, dass Credibil ein technisch wie lyrisch unglaublich guter Rapper ist, der ohne erkennbare Mühe Flowpatterns raushauen kann, die dich mit den Ohren schlackern lassen, und dabei trotzdem (oder gerade deshalb) interessante und tiefgreifende Thematiken behandeln kann. Nichts an seiner Kunst wirkt aufgesetzt oder gekünstelt, Arroganz oder Ignoranz sind Stilmittel, auf die er komplett verzichtet – ohne, dass dabei Langeweile aufkäme.

Nun war mir auch vor dem Album schon bekannt, dass er über die Fertigkeiten und Qualitäten verfügt – dass er es aber auch noch schafft, diese auf „Renæssance“ in ein schlüssiges Gesamtkonzept einzufügen, hätte ich so nicht erwartet. Das Album ist Kopfkino bzw. Kopftheater vom feinsten. Unterteilt durch sogenannte „Akt Apellas“ (wann hatte ein deutscher Rapper zuletzt überzeugende Skits?) folgt das Album einem roten Faden, der die Geschichte Credibils als Superhelden-Narrativ erzählt – jedoch nicht comicartig und plakativ, sondern (zum Teil bedrückend) ehrlich, fühlbar, ja, von mir aus auch deep, wenn dieser ausgelutschte Begriff denn der Wahrheitsfindung dient. 

Renæssance“ ist persönlich, politisch, philosophisch – und dabei zu keinem Zeitpunkt aufdringlich, klugscheißerisch oder weinerlich, Dabei wird weder der Zeigefinger ausgepackt noch das beliebte Selbstmitleid. Wenn Credibil in „Augenblick“ seine Verbitterung über seinen Erzeuger, der ihm nie ein Vater war, schonungslos in wütende Zeilen packt, dann ist das im Ergebnis der persönlichste deutsche Rapsong, den ich seit langem gehört habe. Das ist keine seichte, oberflächliche Verarbeitung von Klischee-Gefühlen, das hier tut weh.

Weh tut es auch, wenn Credibil  in „Bang Bang“ die Geschichte von Christy Schwundeck erzählt, die in einem Frankfurter Jobcenter von einer Polizistin erschossen wurde. Okay, denkt man vielleicht, klar, aktuelles Thema wegen der sog. Flüchtlingskrise. Löblich. Bisschen konstruiert aber. Und dann stellt man fest: Die Geschichte hat er sich nicht ausgedacht – die ist wirklich passiert.

Ich schreibe, weil ich muss, nur selten weil ich will“ rappt Credibil in „Toter Winkel“ , einem Song, in dem er der ebenfalls abgedroschenen Phrase vom Sichtbarmachen der Unsichtbaren, Stimme der Stimmlosen etc. einfach so neues Leben einhaucht, ohne viel Trara, einfach so, mit treffenden Zeilen. Ich habe keine neutrale Distanz zu diesem Werk, ich gebe es zu. Ich will sie auch nicht haben. Das ist einfach Gänsehaut. Punkt.

Gegen Ende, nachdem er seine eigene Kindheit sowie seine Heimatstadt Frankfurt und die Geschichten, die er und andere darin erlebt haben, erzählt hat, wagt er sich dann weit raus. „Goldener Sch(l)uss“ befasst sich mit existenziellen Fragen nach Leben, Tod und ob danach noch etwas kommt – das Nichts oder die Ewigkeit. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass auch hier keine billigen Phrasen oder tausendmal gehörten Klischees aufgewärmt werden.

Der Behauptung, dass Rapper die Dichter und Denker von heute seien, werden nicht viele Rapper gerecht. Credibil schon. Mit „Renæssance“ hat er ein unglaublich dichtes, atmosphärisches, stimmiges, kluges und gutgerapptes Debütalbum vorgelegt – meiner Meinung nach das beste Debüt seit „Embryo“ .

VÖ Datum: 23. Oktober 2016
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