Review: Vega – 069

Auch in diesem Jahr erscheint eine neue Vega Platte. „069” ist bereits das siebte Studioalbum und folgt auf „Locke”, das im letzten Jahr zur gleichen Zeit erschien. Den Spagat, sich neu zu erfinden, der Bushalte-Attitüde aber dennoch treu zu bleiben, hat der moderne Vega schon des öfteren gemeistert. Lyrisch schafft es der Frankfurter immer noch, Zeilen für die Ewigkeit auf Piano-Beats zu zaubern, die man sich ohne jedwede Zweifel auf die Brust tätowieren lassen könnte. Musikalisch ist der Halbitaliener jedoch längst nicht mehr der kleine dickliche Eintracht-Ultra mit markanter Stimme. Zwölf Jahre sind seit „Lieber Bleib Ich Broke” vergangen und ein gewisser Reifeprozess ist deutlich zu erkennen. Die Zutaten für eine Vega LP sind in großen Teilen dennoch die gleichen geblieben.

Gleiche Zutaten neues Rezept

Bleiben wir bei der Küchen-Metapher. Am Rezept für seine Alben hat sich über die Jahre wenig verändert. Ein paar Solo-Tracks, das ein oder andere Feature aus dem eigenen Camp und einige hochkarätige Gäste zieren die Credits von „069”. Beim Producing haben bei allen Songs entweder Efe Ökmen oder Jumpa mitgemischt. Das sorgt für Kontinuität, lässt jedoch an manchen Stellen eine leichte Eintönigkeit aufkommen. Diese wird nur durch die bemerkenswert stimmigen Hooks aufgebrochen. Auf keinem Album war Vega im Bezug auf Chorus und Bridge so stark. Er verwendet Singsang gekonnt und kreiert damit in fast jedem seiner Tracks einen einprägsamen und melodischen Refrain, ohne dabei auf Autotune angewiesen zu sein.

Wuchtige Intros und Outros haben sich mittlerweile als ein Signature Move von Vega etabliert und so verhält es sich auch wieder mit „069”. Das „Intro” ist geradezu brachial – sowohl atmosphärisch als auch textlich. Vom Gesamteindruck ist es allerdings auch fast schon der stärkste Song auf der LP.

Stilistisch macht Vega im Vergleich zu „Locke” eine kleine Reise in die Vergangenheit. Der Sound enthält wieder mehr Piano- und Geigenbeats. Während auf „Locke” Tracks wie „Unterwegs” doch sehr dem modernen 808-Sound entsprechen, baut Vega auf seinem neuen Album wieder mehr auf melodische Samples. Der Hesse stülpt old-schooligen Sound in ein modernes Gewand, verzichtet jedoch im Vergleich zum Vorgänger deutlich häufiger auf Snare-Rolls und Hi-Hats. Hierdurch wird der Nostalgie-Regler wieder ein gutes Stück höher geschraubt und Ansätze von Drill und Trap sind nur selten hörbar. Manche Fans wird das mit großer Sicherheit freuen.

Seine größte Stärke

Noch immer schafft es der Junge mit der Kreissägenstimme, Wörter wie Nadelstiche zu platzieren, um damit fantastische Bilder zu malen. Inhaltlich unterscheidet sich „069” kaum von anderen Alben. Dass seine Stadt einen großen Einfluss auf die Musik hat, wissen wir schon lange. Der Titel des Albums verrät, dass es sich thematisch auch dieses Mal wieder viel um das Leben in der Main-Metropole dreht. Drogenmissbrauch, Spielsucht, aber auch Glamour sind Teile dieses Kosmos. „Der ganze Wagen ist ein Pulverfass, Kofferraum so voll, dass die Karre nicht mal hundert schafft”. Vega porträtiert diese Thematiken stets eindrucksvoll und mit einer Präzision, die ihres Gleichen sucht. Es ist ihm außerdem hoch anzurechnen, dass er sich noch nie vor gesellschaftlichen Statements gescheut hat: „In Babylon, Wolken reißen auf. Man baut am höchsten in den Himmеl, wo man Gott am meisten braucht”.

Was auf der LP ein wenig fehlt, ist die thematische Abwechslung. Außer dem Song „Sobald du gehst” drehen sich alle Lieder um die gleichen Motive. Dadurch sind sie nur schwer zu unterscheiden. Kreative Hooks und gut gewählte Features gleichen das zwar etwas aus – die ein oder andere inhaltliche Abwechslung zu Straße, Drogen und Frauen hätte dem Album wohl dennoch mehr Varietät verliehen.

Der Hass für die Rap-Szene, genau wie die überschwängliche Liebe zur Eintracht haben etwas weniger Gewicht bekommen als in der Vergangenheit. Dafür haben nun Themen wie Kleidung und andere Statussymbole mehr Platz in Vegas Texten eingenommen. Zeilen wie „Häng‘ mit irgendeiner Melanie Auf irgendeiner Fashion Week” oder „Brenn mit den Achis, Fendi die Tasche” zeigen bedauerlicherweise, dass auch der Junge von der Bushalte sich nicht ganz dem Zeitgeist entziehen kann. Derartiges Flexen hat Vega nicht nötig. Allerdings rappt man in der Regel über das, was einen umgibt und der Labelboss ist von Eintracht-Kurve und Kneipenschlägereien mittlerweile einfach „So Weit Weg”.

Der moderne Vega

„069” ist kein Konzeptalbum – und das muss es auch nicht sein. Es ist vielmehr eine sehr solide Aneinanderreihung von Tracks mit dem ein oder anderen erfrischenden Feature. Lyrisch beweist der Frankfurter, dass er ein Original ist und sich immer noch vom Rest der Szene abhebt. Man wird auf „069” wohl nicht als das stärkste Vega Album zurückblicken, trotzdem wird es bei jedem Hören besser. Vor allem mit Blick auf die Refrains hat Vega gleich mehrere Schritte nach vorne gemacht. Sie sind melodisch und einprägsam und sicher eine der großen Stärken von „069”. Er sollte zukünftig nicht zu sehr in die Roli-, Fendi-, Benzer-Schiene abdriften, denn von dieser Sorte Rap haben wir in Deutschland mittlerweile genug. Vega ist sicher kein Rapper, der diesen Vibe in seinen Texten nötig hat. Trotz seiner disziplinierten Linie ist beim Freunde-von-Niemand-Boss zweifelsfrei eine stetige Entwicklung zu erkennen. Letztlich ist „069” ein kraftvolles, aber eher düsteres Album. Vega liefert damit eine ausdrucksstarke Hommage an die Stadt Frankfurt und das dortige Leben.