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Unsung Heroes

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Zwischen Heldensagen und ellenlangen Balladen lässt die Geschichte oft Platz für all jene, die sich nicht für die Versform eignen. Wenn auch das 21.Jahrhundert nicht das Zeitalter wahrer Helden und Edelmänner ist, so gilt es aber nun doch die Tassen auf ein etwas ungewöhnliches Duo zu heben. Dieses hat zwar noch nicht Geschichte gemacht, ist aber gerade dabei, sich dort seinen Platz zu sichern. Zwar nicht gerade in Schulbüchern oder Balladen, aber doch in einer Kultur, die heutzutage ebenso dringend der Helden bedarf wie die gemeine Weltgeschichte. Hip Hop ist die Kultur, um die es sich dreht, und unsere zwei Helden sind eigentlich ganz gewöhnliche junge Männer. Aber mit einer Mission. Verena Moog hebt die Tasse und spricht den Toast. Insite und Shiver, geboren und aufgewachsen im Westen Londons, sind Seit ’86 im Auftrag guter Beats und ehrlicher Lyrics unterwegs. Als Unsung Heroes haben sie schon eine Reihe Maxis veröffentlicht und nun auch endlich die erste LP, die weitab von Benz- und Butt-Alerts ein Statement zu HipHop liefert, das lange überfällig war. Nicht umsomst heißt die LP „Unleashed“ – entfesselt – und nur darum geht es. Und weil derartige Styles zwar meistens nicht in die Charts, doch aber in die Herzen wahrer Hip Hop- Headz führen, haben wir Insite von den Heroes zum Interview gebeten, damit diese – wenn schon nicht bei den Music Awards – dann doch hier ihre mehr als wohlverdiente Plattform bekommen.
Was inspiriert euch, gibt euch den Input, den ihr braucht? Spielt London dabei eine Rolle und/oder das Umfeld in dem ihr euch bewegt?
Insite: Okay, Zeit für eine tiefschürfende Antwort: Die Persönlichkeit eines Menschen setzt sich zusammen aus den Erfahrungen, die er im Leben sammelt. Kreative Inspiration kommt also aus unendlichen Quellen und natürlich auch daraus, daß man bestimmte Erlebnisse mit jemandem teilt. Shiver und ich wuchsen in der gleichen Gegend auf, und die Rare Groove/Hip Hop Szene, die in den Achzigern in London dominierte, hat uns natürlich beide inspiriert und geprägt! Ich bin ja ein bißchen älter als Shiver und habe sogar noch so legendäre Clubs wie das „Soul II Soul“ oder „Fingerpop“ erlebt. Diese Szene hat uns an die Plattenteller getrieben und als es uns nicht mehr reichte, immer nur das Zeug von anderen Leuten zu spielen, haben wir eben beschlossen, selber Musik zu machen. Der Rest ist Geschichte…naja, unsere Geschichte zumindest!
rap.de: Nun gut. Aber wie steht´s mit der Entwicklung von Hip Hop generell? Interessiert euch das überhaupt? Oder habt ihr eh eine eigene Vorstellung davon, wie oder was Hip Hop sein kann/könnte/sollte? Inwieweit spielt der Titel eurer Platte eine Rolle in dem Bild, das ihr euch von Hip Hop macht?
Insite: Okay, das ist eine ziemlich komplizierte Frage. Wir haben dem HipHop eigentlich von Anfang an bei seiner Entwicklung zugesehen, und wir haben wirklich viel gesehen. Ich bin schon fast ein B-Boy-Rentner! (lacht). Wir können diese Frage natürlich nur aus unserer Sicht der Dinge beantworten und ich sage nur schon mal vorab, daß wir sehr involviert sind, was die Entwicklung von Hip Hop angeht. Hip Hop bzw. Rap war früher ja einfach nur dazu da, seine Skills zu zeigen in den Lyrics. Es gab Leute wie Spoonie Gee, Big Daddy Kane, KRS 1 usw. und es gab zu dieser Zeit eine Menge guter Conscious-Lyrics aber auch unschlagbaren Humor, wie z.B. bei „Go see the Doctor“ von Kool Moe Dee! Heutzutage geht es meistens um andere Dinge. Geld spielt eben die wichtigste Rolle und das hat von der Gesellschaft auf den Hip Hop übergegriffen, weil Hip Hop genau wie Pop plötzlich vermarktet werden kann. Jeder hat sein Image und jeder hat seine eigene Einstellung zur Musik. Aber viel zu viele Leute wollen nur immer über Geld reden oder darüber, wie extravagant ihr Lebensstil ist. Klar, Wettbewerb war und ist immer wichtig gewesen im Hip Hop, aber es ging niemals ausschließlich darum. Früher, wenn ein

Rapper was konnte, dann hatte er es verdient, dafür bezahlt zu werden. Heutzutage soll man die Rapper dafür bezahlen, nur weil sie darüber rappen, wieviel Kohle sie verdienen! Dieser Scheiss ist langweilig. Unter diesem Aspekt versuchen wir ein paar Dinge hochzuhalten, indem wir mit Rappern arbeiten, die Consciousness, Skills und auch Humor mitbringen. Wir wollen, dass unsere Zuhörer über die Textfertigkeit unserer MCs staunen oder über die Witze lachen oder einfach nur dasitzen und sich über die Lyrics Gedanken machen. Gottseidank gibt es immer zwei Seiten der Medaille und so gab es in den letzten Jahre auch wieder eine Reihe MC´s, die die alten Tugenden pflegen. Und wir hatten echt Glück, mit einigen der Besten zu arbeiten! Wenn man sich z.B. die Texte von Ty richtig anhört – da merkt man was es heißt, Skills zu haben. Also!… Man kann durchaus sagen, dass der Titel „Unleashed“ eine stärkere Bedeutung hat. Wir entfesseln etwas mit unserer Arbeit, etwas, wofür wir lange gebraucht haben, um es zu schaffen. Wir lassen bestimmte Lyrics auf ein nichtsahnendes Publikum los, das oft genug auch noch ziemlich ignorant ist. Und wir hoffen, dass wir dadurch das Profil dieser Leute schärfen können, im UK, in anderen Staaten und natürlich auch nur uns selbst betreffend. Und wir lassen unsere Wertvorstellung von HipHop auf all die Scheisse los, die den HipHop runterzieht!
rap.de: Wurden die Aufnahmen für euer Album im Endeffekt so, wie ihr sie euch anfangs vorgestellt hattet? Oder ist sowas gar nicht möglich?
Insite: Naja, als wir mit den Aufnahmen starteten hatten wir ein grundsätzliches Bild davon, was wir mit der LP erreichen wollten. Aber als das Projekt in Bewegung war, wuchs es sozusagen organisch. Im Endeffekt wurde die Platte so, wie wir sie uns vorstellten, auch wenn das Arbeiten mit verschiedenen Künstlern immer bedeutet, dass auch deren Vorstellungen mit einfließen. Deshalb haben Kompromisse von Anfang an dazugehört. Aber wir haben mit Künstlern gearbeitet, die die gleiche Einstellung haben wie wir und so haben wir ein in sich geschlossenes Album erreicht , das sowohl Tiefe als auch Abwechslung in sich vereint… zumindest hoffen wir das!
rap.de: Und wer von euch beiden macht im Studio was?
Insite: Ich mach die ganze Programmierarbeit und Shiver macht die DJ-Sachen. Aber das Schreiben und Arrangieren machen wir zusammen. Genau wie die Beatbastelei.
rap.de: Und wie geht´s jetzt weiter für Euch?
Insite: Wir haben für Tys Soloalbum ein paar Tracks produziert und haben auch ein paar Remixe gemacht (u.a. für Encore! d.Red). Jetzt werden wir demnächst für Karim Kedras Soloprojekt was produzieren! So stay tuned listeners!
rap.de: Und was werdet ihr mal machen, wenn ihr mal zu alt seid für das alles? 
Insite: Ich werde ein Altersheim für B-Boys gründen!!! Dazu muß aber erstmal noch etwas Zeit verstreichen, denn auch wenn die Heroes vielleicht nicht mehr zum jungen Gemüse zählen so kommen sie doch fresher als die meisten! Und bis zur Rente dürfen wir sicher noch mit dem ein oder anderen Meisterwerk der heimlichen Helden des HipHop rechnen…

Smudo

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Eigentlich hatten wir uns mit Smudo vor einigen Wochen getroffen, um über die vor kurzem erschienene Live und Unplugged- CD zu unterhalten. Doch wie das nun mal so ist, wenn man mit jemandem wie Smu – schon seit den Ur-Anfängen dabei und mit den Fantas lange Zeit Inbegriff deutschen HipHops – zusammensitzt, kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und aus einem Interview wird ein halbes Buch… Deswegen bringen wir euch ein Gespräch in fünf Teilen – über Talent, Vergangenheit und Zukunft, Geld, Erfolg und deutschen HipHop…
rap.de: Wie waren denn bis jetzt die Reaktionen auf die Unplugged-Geschichte? Wir haben uns nämlich gefragt, warum ihr das gemacht habt, bzw. welchen Sinn die Aktion hatte.
SMUDO: Also bis jetzt waren die Reaktionen eigentlich durchweg gut. Und zu dem Sinn von Unplugged gefragt: Nun ja, der Sinn liegt ja darin, dass der Fokus auf die Entstehung der Musik gelegt wird. Einfach den Strom abschalten und zu den Ursprüngen der Musik zurückkehren. Wobei zum Konzept natürlich auch dazugehört, dass die Leute dadurch, dass die Bühne mitten im Publikum steht, sehen können, wie die Musik gemacht wird und wie sie entsteht. Und als uns das Ganze angeboten wurde, kam einfach unsere sozialromantische Ader zum Vorschein.
rap.de: Du meintest gerade Reduzierung auf das Wesentliche…..
SMUDO: Ja, auf den sozialromantischen Gedanken der Stromlosigkeit.
rap.de: Vielleicht die falsche Formulierung, aber HipHop in seiner reduzierten Version heißt ja eigentlich 2 Turntables und ein Mic.
SMUDO: Klar, wenn man jetzt den HipHop-Knigge auspackt, dann steht da: 2 Turntables und ein Mic. Aber wir sehen uns ja echt nicht so als Fundamentalisten. Für uns war es einfach eine total spannende Hausaufgabe als die auf uns zukamen und meinten, sie würden mit uns gerne etwas unplugged machen.
rap.de: Die sind auf euch zugekommen?
SMUDO: Ja. Das ehrt uns ja, weil unplugged ja an und für sich eine sehr wertige Sache ist. Ich meine, es gab ja vor uns auch schon andere HipHop- Leute wie LLCool J oder Arrested Development , die das gemacht haben. 
Wobei ich LLs Auftritt etwas albern fand und die anderen wohl ihren Vertrag nicht richtig gelesen hatten und einfach ihre Plattenspieler mitgebracht haben. Deshalb dachten wir uns, wenn wir das machen, dann richtig, weil wenn wir Scheisse machen, dann machen wir uns lächerlich. Deshalb haben wir uns auch eine Menge Gedanken gemacht, was die Aufnahmen an und für sich oder die Höhle als Location betrifft und uns ein richtig krasses Konzept ausgedacht.
rap.de: Wer hat das Konzept erstellt?
SMUDO: Wir vier. Das war alles unsere Idee. Wobei uns bei der Umsetzung dann schon noch Leute geholfen haben.

…die Fantas im Rückblick 
rap.de: Ihr habt ja schon vorher Erfahrungen mit Livebands gesammelt, unter anderem Disjam aus Hamburg. Gab es dennoch einen Unterschied zu der Unplugged-Session?
SMUDO : Ja klar. Einfach schon mal: Wie setzt man jeden noch so kleinen elektronischen Sound letztendlich um, so dass er in das Konzept passt, wie setzt man Sounds, die man vorher mit dem Sampler oder einem Plattenspieler gemacht hat, jetzt mit einem Orchester konsequent um. Eine kleine Inspiration war dabei die Unplugged-Session von Björk , die ja auch ein elektronisches Album gemacht hatte und vor einem ähnlichen Problem stand. So haben wir uns mit unserem Drummer und dem Bassisten, mit denen wir teilweise schon seit 10 Jahren touren und die natürlich selbst genügend andere Musiker kennen, zusammengesetzt und uns gefragt wie man das am Besten machen könnte. Auf diesem Wege haben wir dann mit Hilfe unserer Musiker nach und nach Lösungen erarbeitet und Leute rekrutiert. Der Unterschied zu normalen Liveauftritten war einfach, diese große Masse an Musikern auch zu verwalten bzw. mit ihnen zu reden und auf deren Ideen und Einwürfe Rücksicht zu nehmen. Letztendlich war es auch unsere Aufgabe diesen ganzen Input zu sortieren und die autoritären Ansagen zu machen was davon gemacht wird und was nicht. Und da hatten wir halt Angst, dass uns diese Flut an Arbeit irgendwann erschlägt. Dennoch gab es auch positive Momente, schließlich hat jeder von uns etwas dazugelernt, z.B. über innere Stärke und deren Umgang.
rap.de : Für uns sieht diese Unplugged-Session wie der gelungene Schlusspunkt hinter der Geschichte der Fanta 4 aus. So nach dem Motto: „Wir haben alles erreicht, alle lieben uns und das ist die Krönung unseres Schaffens.“ Ist dem so oder wo geht es hin, bzw. speziell an dich die Frage, wie schaut es mit einem Soloalbum aus? 
SMUDO: Lob und Zufriedenheit waren schon immer ein schlechter Nährboden für Kreativität. Wenn immer nur alle zu dir kommen und dir sagen wie cool du bist, fällt dir irgendwann nichts mehr ein, was du noch machen könntest. Was letztendlich aber immer ein Problem ist, denn wenn du willst sind alle Musiker kleine harmoniesüchtige Egos, die applaudiert bekommen und für das was sie tun gelobt werden wollen. Das sind alles einsame Seelen auf der Suche nach Liebe. Was mir in dem Zusammenhang gerade einfällt, ist, dass mir aber gerade im HipHop so ein bißchen die Feindschaft untereinander fehlt. Momentan empfinden alle grenzenlose Sympathie füreinander und finden sich cool. Dabei ist doch gerade echte Feindschaft oder Provokation etwas, das – zumindest bei den Beteiligten – Unmengen an Kreativität frei setzt. Denn wenn du etwas Neues machen willst, dann musst du in allererster Linie dafür sorgen, dass die anderen sich fragen, was ist das denn. Deshalb finde ich King Kool Savas auch so gut, da er in diesem Genre auch mal provokant ist. Ich meine Sätze wie „deutscher Rap ist schwul und ohne Anti-Action“ gehören für mich in Gold an den Bahnhof gemeißelt. Das ist für mich Kunst. Ich meine, wir sind auch nicht die krassesten Rapper oder die geilsten Flower, aber wir bieten darüber hinaus eine Attitüde und eine Lebenseinstellung, die den Fans gefällt. Und zum Thema Soloalbum kann ich nur vermelden, dass von meiner Seite aus kein Interesse besteht. Ich meine, ich bin momentan schon recht gut ausgelastet und genieße einfach die wenigen Pausen, die ich habe, weil ich auch jemand bin, der gerne lebt und nicht nur im Studio abhängen und sich den Kopf zerbrechen will. Und diese Pausen braucht man auch um kreativ zu sein, denn selbst der kreativste Mensch ist das nicht jeden Tag. Man braucht einfach seine Pausen und Einflüsse, um frisch zu bleiben. Da kannst du in die Karriere jeder Band schauen. In der Regel findest du 1-2 Hammersongs. Alles andere ist gut oder geht in Ordnung: Aber so wirklich geniale Sachen findet man ganz, ganz selten. Ich halte z.B. „MfG" für eines unserer genialsten Lieder. Aber so etwas passiert dir wie gesagt nur 1-2 mal in deiner Karriere. Solchen Momenten darf man nicht hinterherlaufen. Deshalb werden wir jetzt auch 1 Jahr Pause machen und danach sehen, ob wir noch Bock haben. Denn eigentlich haben wir schon seit dem zweiten Album keinen Bock mehr. Da kam uns MTV mit seiner Unplugged-Session eigentlich sehr gelegen, weil wir damit zu einem kreativen Job gekommen sind, ohne uns gleich 2 Jahre vergraben und basteln zu müssen. Wobei ich denke Thomas und Michi mit ihren Soloalben und ich mit meiner Motorsportkarriere, das wird dem ganzen wieder neuen Wind geben. Ich meine die Jahre und die gemeinsam gemachten Erfahrungen als Band schweißen einfach zusammen. Deshalb würde es mich schon wundern, wenn wir nichts mehr zusammen machen würden. Aber weiter als ein Jahr in die Zukunft blicken kann ich auch nicht. Aber die Frage war schon angebracht, denn wenn ich ehrlich sein soll, ging mir der Gedanke, das jetzt Schluss ist, auch schon durch den Kopf.

Smudo

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rap.de : Wenn man sich eure Karriere so anschaut, und z.B. die Alben nimmt, kann man eigentlich sagen, dass ihr – was das Marketing angeht – eigentlich alles richtig gemacht habt.
SMUDO : Das lässt sich jetzt im nachhinein ja alles so schön hinreden, aber solche Sachen entstehen ja. So etwas denkt man sich nicht aus. Dieser Drang, etwas anderes zu machen und auch darzustellen, als der Großteil der Leute, basiert zu aller erst auf verletztem künstlerischem Ego. In zweiter Linie ist es natürlich auch eine Marketingeinstellung, die wir aber nicht als solche sehen. Deshalb ist es ein Leichtes von mir zu sagen, dass es kein Marketingkonzept war, was dahinter steckte. Denn bei einer Band ist dieses Liebesbedürfnis, von Leuten cool gefunden zu werden, automatisch Marketing. Dinge, wie z.B. den größten gemeinsamen Nenner zwischen Künstler und Konsument zu finden und trotzdem das machen zu können, worauf man Bock hat, kommen dabei automatisch. Ob du willst oder nicht. Aber im Nachhinein lässt sich ja sowieso alles schön hindrehen. Ehrlich gesagt haben wir erst mit der Lauschgift ein Selbstbewusstsein dafür bekommen, was unsere Darstellung in der Öffentlichkeit angeht. Das erste Album war einfach so konzipiert, dass wir das, was wir vorher auf Demo hatten einfach noch mal im Studio aufgenommen haben. Während „4 Gewinnt“ unser Popalbum war. Wir hatten einfach ein wenig Blut geleckt was Melodien und Hooks anging und fingen an, an Refrains zu arbeiten, mit dem festen Willen damit in die Charts zu kommen. Etwas, was es ja bis dahin in Deutschland noch nicht gab. Deshalb ist dieses Album auch so poppig geworden. Wir haben damals aus blanker Neugier, z.B. im Fernsehen, echt jeden Scheiß gemacht und uns damit unseren Erfolg auch redlich verdient. Ein Erfolg, der allerdings nur ein kurzer gewesen wäre, wenn wir uns nicht doch noch besonnen hätten. Jetzt aber nicht so nach dem Motto „Oh Gott“, sondern das nützt uns nichts so weiter zu machen, sondern weil wir beleidigt waren. Denn auch dadurch, dass wir viele Fehler gemacht haben, sind wir teilweise verzerrt und manchmal auch nur in Ausschnitten in den Medien wiedergegeben worden. Danach haben wir „Die vierte Dimension“ gemacht, nach der aber die Stimmung in der Plattenfirma total Scheisse war, weil die sich von dieser – was die Verkaufszahlen angeht – doch ein wenig mehr erwartet hatten. Anschließend sind wir halt vollkommen abgedreht und haben dieses Megavier Projekt ins Leben gerufen, mit dem wir dann eine Menge Auftritte in kleineren Clubs hatten. Was viele mal wieder als recht clevere Marketingidee abgetan haben. Aber das war es nicht. Naja, und dann kam, nach einer relativ langen Pause, das „Lauschgift“-Album. Ein Album, bei dem wir uns dann schon selbst fragten, ob wir noch etwas gelten in der Szene. Ich meine, HipHop hatte sich in der Zwischenzeit enorm entwickelt und es war das erste mal, dass es auch eine richtige Szene gab. Und da haben wir uns schon Gedanken gemacht, ob wir da überhaupt mitspielen bei den Konsumenten und den Fans. Oder anders herum gefragt, haben wir überhaupt noch Fans, bzw. müssen wir uns überhaupt daran messen oder sind wir outstanding? Das wir tatsächlich so etwas wie outstanding sind, haben wir aber erst nach der Veröffentlichung der „Lauschgift“, dem damit verbundenen Erfolg sowie dem Respekt der Kollegen erfahren. Und erst da haben wir ein richtiges Selbstwertgefühl bekommen was uns selbst betrifft. Insofern macht das das „4:99“-Album schon zu etwas Besonderem, da bei diesem alle mit einem anderen Feeling rangegangen sind und dieses somit auf irgendeine Art und Weise zum studioreskesten von allen wurde. Sozusagen das Genesis-Album der Fantas. Im Nachhinein kann man sich das natürlich alles so hindrehen, aber eigentlich machen wir nur unsere Musik mit mal mehr und mal weniger Sorge, ob das funktionieren könnte. 

rap.de : Wie ist das eigentlich, für uns bist du der hiphopigste unter den Fantas. Ist es da nicht manchmal etwas schwer, sich gegen die anderen, insbesondere Thomas , durchzusetzen? 
SMUDO : Nein. Im Gegenteil ich finde die Situation sogar sehr reizvoll. Außerdem finde ich nicht das ich der hiphopigste von allen bin. Ich denke eher, dass Michi das ist. Aber das ist bestimmt auch Ansichtssache. Vielleicht täuscht das auch ein wenig, weil ich noch kein Soloalbum rausgebracht habe
rap.de : Warum eigentlich nicht?
SMUDO : Ach das ist so anstrengend. Und mal abgesehen davon, bin ich einfach ein Teamtyp und hätte Angst die Verantwortung für alles selbst übernehmen zu müssen, weil ich dann derjenige wäre, der wenn etwas schief läuft, auch angeschissen werden würde. Ich will und kann alleine kaum arbeiten. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Und die sind nun wirklich nicht so gut. Ich finde es einfach erfrischend, dass wir eine Band sind. Da sind einfach noch drei andere Typen, die alle anders sind als ich.
Die unterschiedlichen Charaktere zeichnen eine gute Band aus – es gibt genügend Bands, die gemeinsam einfach viel zu ähnlich sind und sicherlich die gleichen Lieblingsplatten haben und in die selben Clubs gehen. Aber die haben sich doch kaum was zu sagen! Bei denen entstehen einfach keine Konflikte, aus deren Kompromissen neue Ideen entstehen. Und so ist das doch bei vielen Bands, die eigentlich ganz gut sind, aber dennoch nicht die ganz große Qualität haben. Ich meine, in meiner Tätigkeit als A&R und weil ich auch viel Bands begleite, ist es für mich, zu einer Regel geworden, dass – wenn sich die Bandmitglieder zu ähnlich sind – die Band auch scheisse ist.

Smudo

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rap.de : Sag mal, ist es eigentlich ein Vorurteil oder stimmt es, dass wenn man an den Markt will, man sich – was seine künstlerischen Fähigkeiten angeht – sich in irgendwelche Formen pressen lassen muss? Und wenn, ist dieser Prozess letztendlich vielleicht sogar befruchtend?

SMUDO : Also, das ist auf jeden Fall ein Vorurteil. Und da rede ich jetzt nicht nur für uns, sondern auch mit meinen allgemeinen Erfahrungen im Musikbiz. Auch bei den Großen. Im Gegenteil, die finden es sogar geil wenn jemand seinen eigenen Kopf hat. Das Wort Künstler hat für die einfach einen guten Touch. Ich glaube, dass das sogar dazu gehört, ein wenig ausgeflippt zu sein, weil das einfach auch ein Garant dafür ist, ein Künstler zu sein. Einfach, dass man jemand ist. Selbst dem großen Sony-Boss ist eine Band die 15 verschiedene Alben rausbringt lieber, als eine die 4 mal dasselbe veröffentlicht und dann niemanden mehr interessiert. Leider gibt es viel zu wenige von diesen Bands. Und damit solche dann auch groß werden und finanziert werden können, müssen halt irgendwelche Schrottbands her. Und dadurch gibt es dann dieses Vorurteil. Aber wenn du ein Typ und kreativ bist und viele Sachen machst, sollte es mich wundern, wenn du keinen Deal bekommst.
rap.de : Glaubst du an Realness?

SMUDO : Authentizität ist eine Form von Imagepflege.
rap.de : Aber kann sie auch real sein?

SMUDO : Ja. Und real ist ja auch ein Begriff den ich benutze, um etwas einzuteilen. Wobei ich mit real nicht meine, dass ich morgens nach dem aufstehen, erstmal zum Frühstück eine Wand tagge… Ich meine, ich nehme das schon sehr ernst, aber es gibt auch Fundamentalisten, die nehmen das dann zu ernst und sind dann nicht mehr kritikfähig, weil sie sich nur noch in ihre Argumentation flüchten. Ein Zustand, in dem ich dann sage: „Hört mal, das ist doch aber nicht gut,“ und als Antwort kommt „ aber das ist real“. Das ist aber meiner Meinung nach eine Einstellung, bei der weder er, noch ich, wenn ich sein Fan wäre, etwas davon hätte. Und so etwas ist doch scheisse. Ich denke man sollte sich mit seiner Realness nicht im Weg stehen, bei dem, was man erreichen will. Denn eine gewisse Form der Realness kann letztendlich auch darin gipfeln, dass Leute nicht mehr das machen, was sie eigentlich sind, sondern das machen, von dem sie denken, dass es real ist. Und da hört es halt für mich auf. Das ist ein wirklich kompliziertes Thema und muss jeder für sich selbst entscheiden. Man muss sich heutzutage auch mal trauen Fehler zu machen, denn aus Fehlern wird man schließlich schlau. Ich persönlich finde es einfach besser etwas zu machen und nachher festzustellen, dass man einen Fehler gemacht hat, als sich zu verkrampfen und zu sagen: ich werde keine Fehler machen! und damit in die Verlegenheit zu kommen, dass es keiner merkt, wenn man mal einen Fehler gemacht hat, weil sich niemand mehr dafür interessiert. Mal Abgesehen davon, ist keine Fehler zu machen auch etwas langweilig…


rap.de : Was waren eure größten Fehler? 

SMUDO : Also, zu Dieter Thomas Heck zu gehen war sicherlich kein Fehler. Hohes C ( eine Werbekampagne; Anmerk. des Autors) wiederum war ein Fehler. Das haben wir gemerkt, als wir es unterschrieben haben. Wir haben einfach gesehen, das einem solche Sachen echt übel genommen werden können. Und das kann man mit Geld einfach nicht aufwiegen. Deshalb sagen wir heute auch nein, wenn solche Angebote kommen. Darum kann man, wo wir vorhin bei Fehlern waren, auch nicht sagen, dass es umsonst war. Wir haben ja daraus gelernt. Trotzdem hat es wehgetan. Aber wir hatten damals auch unsere Gründe es zu tun. Es gibt an jedem Ding eben immer zwei Seiten. Im Nachhinein gab es viele Sachen die man abschließend als Fehler bezeichnen könnte. Manchmal nur ganz banale Sachen, Kleinigkeiten eben. Aber in einigen Fällen haben wir uns auch blenden lassen vom großen Geld.
rap.de : Ist euch das öfters passiert, dass ihr euch habt blenden lassen vom großen Geld?

SMUDO : Ich möchte das jetzt nicht so stehen lassen, weil es gab auch andere Sachen, die Fehler waren, die aber überhaupt ganz und gar nichts mit Geld zu tun hatten. Es war z.B. ein Fehler, dieses kleine Rennen mit Thomas in Stuttgart zu machen. Dabei hat er nämlich seinen Ford Taunus kaputtgefahren.

Smudo

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rap.de : Wie seht ihr das eigentlich im Nachhinein: Ihr hattet ja, ob ihr wolltet oder nicht, ständig – im Positiven wie auch im Negativen – so eine Art Vorbildfunktion….
SMUDO : „….so nach dem Motto, so ’n Scheiß wie die machen, mach ich nicht oder den Fehler haben die schon mal gemacht, den muss ich nicht noch mal machen.“ Und so weiter und so weiter. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass wir in vielen Punkten einfach die Ersten waren, sondern an unserer Größe.
rap.de : Habt ihr das eigentlich jemals selbst so gesehen, dass ihr die Ersten wart die bestimmte Sachen als erste gemacht haben und somit auch als Beispiel gedient habt, wie man es machen oder eben lieber nicht machen sollte?
SMUDO : Ein bisschen. Zum Beispiel damals als wir den Plattenvertrag unterschrieben haben, da kannten wir einfach niemanden der mit deutschsprachigem HipHop einen großen Deal hatte. Und als wir damals unterschrieben haben, war einer unserer ersten Gedanken, wir werden die Ersten sein. Und immer wenn in der Zukunft jemand darüber reden würde, müsste er sagen, dass es damit anfing. Das war uns schon so ein bisschen bewusst. Wir wollten damals auch bewusst zu einem großen Label, bei dem wir auch bekannt werden würden. Der Pioniergeist, das Selbstbewusstsein, die Promigeilheit, all das waren auch damals schon Sachen, die uns getrieben haben. Aber dass man mit „4 Gewinnt“ ein Hitalbum mit Hitsingle haben würde, war eher ein Wunschgedanke von uns. Das es dann passierte, war etwas, womit wir im Leben nicht gerechnet hatten. Das war weit über unsere Vorstellungen hinaus. Oder mal mit 2 Drummern oder einer Funk&Soul-Band auf der Bühne zu stehen, das waren Träume von uns. Aber das sind auch so Sachen wo wir uns gesagt haben: Damit sind wir, zumindest in Deutschland, die Ersten. International gab es solche Sachen, denke ich mal, schon viel eher, nur kann man so etwas ja manchmal schlecht nachvollziehen. Gerade was die multikulturelle Szene in Amerika betrifft. Das war da drüben ja schon immer ein recht guter Nährboden für gute Musik. Und so etwas gibt es in Deutschland einfach nicht. Hier wird Musik immer von Bürgerlichen gemacht. Hier ist es ja z.B. nicht so, dass du auf einem Baumwollfeld deinen Rücken ausgepeitscht bekommst und deine Traurigkeit dann auf der Gitarre zum Ausdruck bringst. Und dann anschließend vom Baumwollfeld runtergesignt wirst und zum millionenschweren Majoract wirst. Bei uns wäre das Äquivalent dazu der heroinsüchtige Junkie, der zum Star wird. Und das gibt es bei uns nicht. Bei uns kommt die Musik aus dem Bürgertum. Und in diesem Aspekt finde ich auch die Realnessdiskussion echt lächerlich. Der deutsche Untergrund-HipHop, ich will damit nicht sagen, dass alle reich sind, kommt letztendlich auch nicht von ganz unten. Denn da ganz unten wird bestimmt keine Musik gemacht, weil sie da kulturell einfach nicht stattfindet. In den Staaten hingegen, findet man die Musik auch auf der untersten Ebene statt, weil die Schwarzen dort z.B. eine Oma haben, die sie jeden Sonntag mit in die Kirche schleppt. Und den Onkel, der seine „ich bin Bauer und werde auf dem Feld ausgepeitscht“- Lieder spielt, gibt es sicherlich auch noch. Schau dir nur mal James Brown an, der ist bei den Riots in N.Y. auf die Straße gegangen, hat ein Konzert gegeben, um seine Brüder und Schwestern davon abzuhalten sich gegenseitig umzubringen. Dort wird Musik sofort in Verbindung mit einer eigenständigen Kultur gebracht. Und das gibt es bei uns einfach nicht. Wir werden immer theoretisch sein und immer importieren. Musik und speziell HipHop, hat in den Staaten eine andere kulturelle Bedeutung als bei uns.

rap.de : Aber es gab doch auch in Deutschland, am Anfang mit den Türken, eine sozial schwache Schicht, die sich aber irgendwann als HipHop aus Deutschland zu deutschsprachigem HipHop wurde, abgewendet haben.
SMUDO : Das ist richtig. Aber der politisch korrekte Kulturaustausch eines jungen Türken aus unserem Land müsste doch eigentlich so aussehen, dass er auf einem Instrument, was sein Vater gespielt hat, spielen würde. Statt dessen adoptiert er die amerikanische Version einer Untergrundmusik. Und egal ob er das jetzt mit leichten Nuancen versetzt, indem er auf türkisch rappt oder eine Sitar mit reinbringt, ist es noch lange nicht das, was ich mit musikkultureller Geschichte meine, auf der das Ganze fußt. Das ist etwas ganz anderes. Er verbindet diese Musik ja nicht mit seiner Kultur.
rap.de : Aber wie hast du denn als Deutscher dieses Dilemma jetzt für dich gelöst?
SMUDO : Selbstverständlich ist unsere Musik auch nur adoptiert, aber ich beteilige mich ja auch nicht an dieser Realness-Diskussion. Grundsätzlich bin ich der Meinung, es soll sein, was gemacht wird. Die Leute machen es ja, weil es ihnen Spaß macht und sie Fans dieser Musik und der damit verbundenen Untergrund-Attitude sind. Oder weil sie dazu tanzen, mit ihren Kumpels abhängen und sich dabei wohl fühlen. Und dagegen habe ich ja auch nichts. Für mich ist diese Sache aus diesem Grund auch kein Dilemma, weil ich da einfach nicht mitdiskutiere. Ich mache was mir gefällt und nicht weil ich es für eine künstlerische Arbeit halte. Und auch bei mir hat das Ganze keine kulturhistorische Relevanz, weil auch ich aus dem Bürgertum komme. Bei mir war es z.B. nur so, dass mein Vater die Temptations gehört hat. Das war’s. Und wo wir schon mal dabei sind, wenn es um solche Relevanzen in Deutschland geht, braucht man mir gar nicht mit Volksmusik zu kommen, weil es so etwas für mich hier nicht gibt.

Pyranja

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rap.de: Jetzt, wo du zunehmend bekannt wirst, ist es für dich ein Gefühl wie im Traum?
Pyranja: Nein, so schlimm ist es nicht, aber es ist schon ziemlich irreal.
rap.de: Kommt es oft vor, dass du damit konfrontiert wirst, dass du eine weibliche Rapperin bist?
Pyranja: Ja, das passiert mir total oft. Das Ding ist, dass ich es verstehe, es mich aber hardcore nervt. Für mich gibt’s da keinen großen Unterschied. Ich ordne mich selbst nicht bewusst in die Kategorie der female MC ein. Mir ist jedoch 100%ig klar, dass ich als Mann bei weitem nicht die Aufmerksamkeit hätte, die ich jetzt bekomme.
rap.de: Wo kommst du eigentlich ursprünglich her?
Pyranja: Ich komme eigentlich aus Rostock, wo ich auch schon gerappt habe, z.B. mit Underground Crew oder Iguana .
rap.de: Bist du denn nach Berlin gekommen, weil du dir gesagt hast, dass du nun richtig loslegen und Musik machen willst?
Pyranja: Nein. Ich bin nach Berlin gegangen, weil es für mich einfach nötig war, mal meinen Lebensort zu wechseln. Ich kann es nämlich absolut nicht haben, wenn ich etwas super auswendig kenne, ob es nun die Wege oder die Leute sind. Ich brauche immer neuen Input.
rap.de: Gab es denn den sogenannten „Kleinstadtmief“, der mit Neid und Intrigen untereinander verbunden ist?
Pyranja: Ich habe schon gemerkt, dass viele Leute gesagt haben, ich sei ein schlechter MC. Dies ging so weit, dass ich hinterrücks aus Gruppen rausgeschmissen wurde. Eigentlich wollte ich nie Solokünstlerin werden, aber ich habe gemerkt, dass es nicht funktioniert. So bin ich zunächst allein nach Berlin gekommen und habe allmählich neue Leute gefunden, wie z.B. jetzt DJ Quest und Serafin vom Mikrokosmos ,mit denen ich auf Tour gehen werde.
rap.de: Was ist für dich das Schlimmste am deutschen HipHop?
Pyranja: Für mich gibt es zwei Sachen: Die eine ist, dass alle meinen, sie wüssten es besser als man selbst; die andere ist der Neid.
rap.de: Wie bist du eigentlich zum Def Jam-Deal gekommen?
Pyranja: Auch die haben wie zahlreiche andere Leute angerufen. Ich habe zwar noch mehr Verträge mit viel besseren Bedingungen angeboten bekommen, die ich aber abgelehnt habe, da ich mit den Leuten einen komischen Vibe hatte. Man weiß eben nicht, wem man vertrauen kann.
rap.de: Du bist also ein misstrauischer Mensch?
Pyranja: Wenn jemand misstrauisch ist, dann bin ich es. Das ist aber gerade in diesem Business auch sehr wichtig.
rap.de: Hast du deshalb auch deine Kontakte quer durch Deutschland verteilt? Du kommst ja schließlich aus Rostock, hast dein Label in Berlin, dein Studio in Düsseldorf und deine Leute in Köln. 
Pyranja: Ja, genau das würde ich auch jedem Newcomer raten. Man darf bloß nicht alles in eine Hand geben, z.B. Plattenfirma, Verlag und Management in einer Person. Falls dann nämlich doch mal etwas schiefgeht, hast du plötzlich alle gegen dich. So bilde ich quasi die Handfläche und die anderen sind sozusagen die Finger, die autark arbeiten. Wenn dann ein Finger ausfällt, kann der Rest der Hand noch weiterarbeiten.

 
rap.de: Inwiefern lässt du dir bei deiner Musik oder deiner Show von anderen Menschen reinreden? Dies ist natürlich auch im konstruktiven Sinn gemeint.
Pyranja: Selbst wenn die Show cool war und ich ein geiles Gefühl habe, frage ich meine Leute, zu denen ich Vertrauen habe, wie sie es fanden. Mein Ausgangspunkt war schon immer, dass niemand perfekt ist. HipHop bedeutet nämlich auch ständige Evolution.
rap.de: Wo kommt denn deine Inspiration her? Deine Texte sind ja schließlich ziemlich persönlich.
Pyranja: Ich lasse einfach alles auf mich wirken und brauche nur noch aufzuschreiben. Eigentlich ist es so voll easy, Inspiration zu bekommen. Das kann ich aber auch erst seit kurzer Zeit. Mein Problem ist jedoch, dass das ganze Business-Ding im Rap total überhand nimmt, so dass man davon leicht erschlagen werden kann. Im Grunde genommen will ich ja nur rappen, weshalb ich das alles wegzuschieben versuche.
rap.de: Wie stellst du das denn genau an?
Pyranja: Ich habe mir gerade einen kleinen Traum erfüllt, und zwar habe ich mir ein Achtspurgerät geholt und ein Mikro. So kann ich tagelang damit verbringen, zu Hause Rap zu machen. Ich muss niemanden lange bitten, sein Studio benutzen zu dürfen. Irgendwann dreht sich der Spieß dann auch um.
rap.de: Wie meinst du das?
Pyranja: Tja, am Anfang bettelt man halt viel. So bin ich zum Beispiel zweieinhalb Jahre mit Underdog Crew durch Deutschland getourt, nur um eine Strophe mitrappen zu dürfen. Dafür, dass ich mitkommen durfte, habe ich Benzingeld gezahlt. Das habe ich gemacht, weil es mir wichtig war, auch in den kleinen Dörfern zu stehen, damit sich die Leute meinen Namen merken. So hatte ich auch damals schon viele Live-Auftritte. Das ist für mich Rap. In Deutschland wird leider viel zu viel auf’s Geld geguckt, weil oft große Firmen dahinterstecken. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Leute cool sind und die Struktur stimmt.
rap.de: Was ist das für ein Gefühl, aus Rostock weggegangen zu sein, weil man dort nicht ernst genommen wurde – und wie ist das Gefühl, zurückzukehren?
Pyranja: Seither bin ich noch nicht wieder dort aufgetreten. Es ist ja auch nicht so, dass ich da keine Freunde hatte. Die schlechte Stimmung und das Wegdrängen geschahen ja unterbewusst. Trotz allem möchte ich dort gerne mal auftreten. Es gibt neuerdings viele Leute, die mich früher gedisst haben und nun einen Song mit mir aufnehmen wollen. Aber so etwas vergesse ich nicht so leicht. Diese Wut im Bauch gegenüber solchen Menschen spiegele ich auch in einigen meiner Texte wieder.
rap.de: Fühlst du dich eigentlich gar nicht verletzlich, wenn du so persönliche Texte schreibst?
Pyranja: Die Gefahr besteht immer. Wer macht denn schon Musik, wenn diese nicht persönlich ist? Darüber habe ich auch vor kurzem mit Serafin diskutiert. Wir sind zu dem gleichen Schlussgekommen, nämlich, dass die Essenz unserer Musik ist, dass man den Menschen etwas von sich hinterlassen möchte. Für mich ist Musik ein Stück Seele. Genau wie die großen Maler stecke ich Gefühle in mein Werk. Ich bin auch viel selbstbewusster geworden, obwohl ich auf einmal eine Angriffsfläche für die Leute bilde. Wenn man aber Freunde und ein Team hat, die völlig hinter einem stehen, dann ist alles tight. Es ist egal, dass es Menschen gibt, die meine Musik nicht mögen. Je bekannter man wird, desto mehr Fans bekommt man. Gleichzeitig bilden sich auch mehr Gruppen, die einen scheiße finden.
rap.de: Kannst du uns ein wenig über die EP und dein Album erzählen?
Pyranja: Die EP habe ich im August aufgenommen, davon gibt’s jetzt zwei Promo-Maxis. Allein, dass ca. 500 Leute die Maxis kennen, ist für mich ein riesiger Erfolg. Die EP kommt am 29. Januar heraus, da sind insgesamt fünf Tracks drauf. Für mein Album schreibe ich zur Zeit einige Tracks, aber ich lasse mir da genug Zeit. Das Wichtigste für mich stellen im Moment nämlich die Auftritte dar. Im Frühjahr ist auch eine Def Jam-Put da Needle-Tour mit u.a. Creutzfeld Jacob , Savas und mir geplant. Das Auftreten macht mir so viel Spaß, das hat erst einmal Vorrang. Das Album wird deshalb wohl auch kaum vor dem nächsten Jahr erscheinen.
rap.de: Von wem lässt du dir da die Musik machen?
Pyranja: Im Moment steht fest, dass Peer und Shiv von DCS sowie Krutsch aus Berlin dabei sein werden. Außerdem mache ich mit Flipstar nd mit Curse einen gemeinsamen Track.
rap.de: Kommen denn auch Leute auf dich zu, die dir einen Beat anbieten, um mit dir zu rappen?
Pyranja: Ja, die gab es auch früher schon. Das Problem daran ist, dass diese einem eine CD mit teilweise 50 Beats in die Hand drücken. Diese kann man dann gar nicht verinnerlichen. Es war bis auf DCS aber nie jemand dabei, der gesagt hat: „Wir gehen jetzt zusammen ins Studio und machen das so lange, bis du vollkommen zufrieden bist.“ Und nur so konnte dann auch die EP entstehen.

Rano

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Mit Rano: „Ihr wisst nicht, was Beef ist“ hat einer der ersten Künstler, die auf dem neuen Kölner Label Overstolz gesignt sind, vor Basti und mir in der rap .de-Redaktionslounge Platz genommen. Mitgebracht hat er Vinyl des Chestnut vs. flowinImmO -Releases „Madshit“ (Overstolz OV 003) sowie natürlich ein paar Kopien seiner eigenen Veröffentlichung, die den Titel „Schwarzes Gold“ (OV 002 – Vertrieb jeweils über EFA) trägt. Danach befragt, wie er bei Overstolz gelandet ist, erklärt er:
Mark (Gründer und Labelchef von Overstolz – Anm. d. Red.) hatte ich kennengelernt, als ich noch mit Akim Walta und MZEE zu tun hatte. Akim hat dann leider vergessen, dass er noch einen Artist hat, und irgendwann hat Mark bei MZEE angefangen und dann dort ein Demotape von mir in die Finger bekommen, das ihn wohl so geflasht hat, dass er mich anrief. Als ich hörte, dass er ein neuer Mitarbeiter von MZEE ist, war ich erst mal angepisst, weil ich auf die nicht mehr gut zu sprechen bin. Wir haben uns dann aber trotzdem öfter getroffen und gemeinsam fernab von diesem ganzen Unterschreiben-Scheiß gechillt. Mittlerweile verbindet uns auch mehr das Persönliche als der Businesskram.“ Nach diesen eher kritischen Worten in Richtung MZEE drängt sich natürlich die Frage auf, weshalb Rano dort überhaupt landete, woraufhin er äußert:
„Mitte der 90er hatte ich halt MC René als Vorbild, den ich auch bei Live-Auftritten unterstützt habe. Deshalb war MZEE damals auch etwas, was ich nice fand. Zuerst war ich dort auch nur im Verlag, aber dann wäre es beinahe so weit gekommen, dass ich noch ´nen Management-Vertrag unterschrieben hätte, was aber nicht meine Schiene war, nachdem ich gemerkt hatte, was das für Verträge sind“.  Sein Verhältnis zu MC René scheint auch abgekühlt, was aber wohl eher mit Differenzen auf künstlerischer Ebene zusammenhängt: „Ich habe ihm eben gesagt, was ich von dem halte, was er jetzt macht, und ich denke, dass er etwas geknickt ist. Das spiegelt sich dann auch wider, wenn man sich trifft – es beschränkt sich mehr auf Händeshaken und dieses Low-Budget-Gespräch.“ Rano kommt ursprünglich aus Osnabrück, von wo er mit 17 Jahren weggezogen ist. „Ich habe die Schule nicht fertig gemacht, ich bin in der siebten Klasse abgegangen, weil ich einfach ein bisschen zu faul gewesen bin. Ich bin dann nur noch auf Jams gefahren, habe gechillt und den Schulkram hinter mir gelassen.“ Wenn man diesen äußerst sympathisch und intelligent wirkenden Typen erlebt, der auf reichlich eloquente Art in beinahe astreinem Hochdeutsch aus seinem Leben erzählt, kann man weder verstehen, dass er noch zwei Jahre vor dem Hauptschulabschluss ist, noch würde man annehmen, dass er eins von seinen 23 Lebensjahren hinter Gittern verbracht hat: „Ich bin von Osnabrück nach Köln gezogen, wo ich dann für ein halbes Jahr war und ein paar Sachen mit René gemacht habe. Dann lief ein bisschen was schief, und ich war dann für 12 Monate drin“. Seinen Zivildienst hat er dann in Hannover gemacht, wo er insgesamt zweieinhalb Jahre gelebt hat.

  Aus Hannover („Hannover-Bimmerode, bloß Bimmerode nicht vergessen“ meint Rano schmunzelnd) kommt auch sein DJ – DJ Amir -, den Rano aber schon vorher von dessen Mixtapes kannte: „Er ist ein extrem sympathischer Typ, und ich kenne eigentlich niemandem, der mit ihm nicht klar kommt. Ich fand seine Scratches immer sehr cool, und als ich ihn das erste Mal sah, hab´ ich ihm dann gesagt, dass ich auch seine Tapes mag. Er wohnt jetzt in Dortmund, macht da auch ein bisschen was mit dem Langen und versorgt alle möglichen Leute mit Cuts – für den Sputnik macht er z.B. Cuts, für mich, für den Langen usw. …“ Mit der Produktion der „Schwarzes Gold“-EP begann Rano, der mit bürgerlichem Namen übrigens Rachid Naouar heißt, im März dieses Jahres. Offensichtlich lief die Aufnahmephase jedoch mit Hindernissen an: „Angefangen haben wir mit ´Ihr wisst nicht, was Beef ist´, und dann gab es noch einen zweiten Track – es sollte ursprünglich nur eine normale 12-Inch werden. Nach ´ner Woche haben wir die Dinger wieder gelöscht, weil ich nicht mehr gekickt war. Zwei Monaten später hatten wir dann aber neue Beats für die Stücke, und da hat es mir dann wieder gefallen.“ Die EP beinhaltet ausschließlich Battle-Tracks und soll als Statement Rachids zur aktuellen Situation des deutschen HipHop verstanden werden. „Es gibt auf jeden Fall auch coole deutsche Sachen,“ , meint er, „es ist nicht so, dass alles scheiße ist, sonst müsste ich ja sagen, dass mein Kram auch scheiße ist…“ „Taktloss sagt das ja…“, erwidert Basti grinsend.
Rano: „Es gibt eben viele Sachen, mit denen ich mich einfach nicht identifizieren kann – es gibt viel deutschen Rap, der mir nichts sagt. Mich interessiert es z.B. nicht, ob irgendein Typ wegen Kiffen vergesslich ist, und mich interessiert es auch nicht, ob irgendein Typ 20 Kilo Weed am Tag raucht. Wenn ich Freundeskreis höre – das ist jetzt vielleicht ein komisches Beispiel, aber die haben einfach coole Themen. Wenn die erzählen, dass sie auf dem Spielplatz waren, wo Spritzen rumgelegen haben – das hab ich halt auch erlebt. Andere Sachen kann ich dann wieder nicht nachvollziehen – was hat z.B. Phillie mit Rap zu tun? Ich weiß gar nicht, ob der überhaupt schon mal auf ´ner Jam war. Und solche Leute überwiegen im deutschen Rap, was halt nicht mein Ding ist.“ Der Sound seiner EP ist verhältnismäßig nüchtern – von zu viel „Geklapper“ hält Rano wenig:
„Das fand ich an Savas sehr cool, dass die ersten Sachen – ey Mann, Alder, hör dir mal an, wie dreckig die Beats klingen. Das sind halt Vibes, die ich fühle – da geht es dann nicht darum ´Oh Gott, das ist nicht ausproduziert…´, da geb ich einen Scheiß drauf. Es muss vom Gesamtbild her cool sein. Für meine EP brauchte ich einfach trockene Sachen, und die haben Playmo und ich dann zusammengeschustert. Ich stehe schon auf Samples, aber nicht darauf, dass dann da 20 Samples kombiniert werden und anschließend die Samples oder der Beat die Lyrics unterdrücken.“
Bekanntlich ist Rano auch Mitglied des „Stammtischs“, dessen Logo nun auch wieder auf dem Vinyl der EP auftaucht. Zwischenzeitlich scheint es kleinere Spannungen gegeben zu haben, die nun aber überstanden sind: „Stammtisch gibt es noch. Auf der Maxi, die Spontan gedroppt hat und auf der auch ein Stammtisch-Track drauf ist, auf dem man mich nicht hört… da ist halt was schief gelaufen, womit ich nicht klar kam und weshalb ich gesagt habe ´Zieht es alleine durch´. Jetzt sind die Fronten aber wieder geklärt, und die Vibes stimmen alle. Wir hooken uns nun auch wieder gegenseitig. Auf dem Album wird es auch auf jeden Fall einen Track mit den Jungs geben.“ Das angesprochene Album auf Overstolz ist vorerst für Mitte Oktober nächsten Jahres geplant. Die Hälfte der Tracks dazu soll bereits im Kasten sein, und es wird wohl auch einen geben, in dem sich Rano mit seiner „Knastphase“ auseinandersetzt, wie er sie nennt. „Die LP soll tiefgründiger werden, vom Sound her wohl nicht richtig anders, auch wenn es ein paar Beats mit etwas mehr Samples und kleineren Melodien geben könnte“ , erzählt er gegen Ende des Interviews. Über Liveauftritte konnte Rachid zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht viel sagen, weil man offensichtlich noch auf der Suche nach einer passenden Bookingagentur ist.

Orishas

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HipHop ist überall. Auf den Böden aller Kontinente wird gebreakt und in bald allen Sprachen gerappt. Manchmal geht HipHop den direkten Weg, manchmal braucht er Umwege – wie im Falle der kubanischen Orishas, die in Paris leben und arbeiten. Vicente Celi traf sich mit der Speerspitze der "Revolution Cubana"… Da HipHop seinen eigenen Weg in jedes Land findet – mit seiner speziellen kulturellen Geschichte, die wiederum in den HipHop zurückfliesst -, stellt sich die Musik unserer geliebten Kultur international so schillernd dar. Nun hat Kuba eine musikalische Tradition, die auch in Europa immer beachtet wurde und zuletzt mit dem Soundtrack zu Buena Vista Social Club für breites Aufsehen sorgte. Und auch HipHop und Cuba hatten schon einige Berührungspunkte. Angefangen bei der Herkunft amerikanischer Künstler wie Tony Touch aus dem Mutterland des Rums und der Zigarre; aufgehört bei Wyclef Jeans Adaption von Fidel Castros Lieblingslied „Guantanamera“: HipHop und Cuba, da muss was gehen. Stellt sich also erst mal die Frage, wie die Kultur ins letzte Land der Revolution fand.
Ruzzo: HipHop wird als kulturelle Bewegung vom Staat akzeptiert. Seit 1980 hört man schwarze Musik in Cuba. Ab 89 gab es einen Breakdance- und Graffiti-Boom. 91 starb die Bewegung: der Sprüher hörte auf zu sprühen, der Tänzer zu tanzen und der DJ, der die Mix-Tapes zusammenstellte, hörte damit auf.
Also war es eine Mode?
Ruzzo: Am Anfang sah es so aus wie eine Mode, aber es war schon eine etablierte Bewegung. Es gab nur keine Unterstützung von den Medien. Sie sagten, es wäre die Musik des Feindes. Amerikanische Texte auf amerikanischen Beats sahen sie als was Verrücktes an. Ohne Unterstützung aber stirbt alles. 1995 sah und hörte man Rap im Fernsehen, in „Tiempo“, einer Musiksendung. Da traten geweihte Musiker mit jahrelanger Erfahrung im kulturellem Umfeld der Insel auf und wir wurden zur einer Spezialsendung eingeladen. Danach sprach es sich rum und es wurde mit heftigen Opfern ein Festival organisiert, das erste Rap-Festival. Inzwischen ist es etabliert. Auf diesem Festival fanden zum ersten Mal sehr viele Leute Gefallen an Rap. Es wurde ein Program mit drei Gruppen gemacht. Eine machte nur Rap, das waren wir. Andere Rock mit Rap und die letzten mixten Merengue mit Rap. Das waren alle Farben der Bewegung. Nach diesem Programm ging es los, die Leute kamen und tanzten und die Leute machten weiter und weiter.
Jetzt gibt es mehrere Gruppen?
Ruzzo: Jetzt gibt es mehr als 250 Gruppen auf der Insel. Zu diesem Festival kommen alle diese Gruppen, es wird eine Auswahl getroffen und es gibt einen Verein, «hermanos seis» (Brüder sechs). Die haben ein Haus in jeder Provinz in Cuba und machen das Casting für das Festival. Aber da gibt’s nichts, keine Sampling-Kultur, es gibt keine DJs, es gibt nichts um diese Musik zu machen.
Wie seid ihr aus Kuba rausgekommen?
Ruzzo: Bei einem Austausch. Roldán war Sänger einer Son-Gruppe (Son: Ein kubanischer Musikstil, Anm. d. Red.), kam nach Frankreich und jetzt hat er Frau und Kinder da. Ich hatte eine andere HipHop-Gruppe in Havana. Wir hatten einige Austauschpräsentationen in den USA und in Frankreich. Die Franzosen haben uns ein Angebot gemacht, wir sind zurück nach Cuba, und anschliessend sind wir wieder raus, um ein paar Demos zu machen.

Also bist du Son-Sänger?
Roldán: In Kuba war ich immer Son-Sänger. Ich habe auch andere Sachen gesungen, Trova, Balladen, und anderes. Professionell begann ich mit Son Cubano. Ausserdem habe ich fünf Jahre klassische Gitarre an der Universität in Kuba studiert. Diese Musikalität merkt man ihren Produktionen an. Orishas sampeln zwar, aber dies als Arbeitsgrundlage ihrer Beats. Mit den Samples wird das Material entwickelt und strukturiert, dass dann von Musikern wieder nachgespielt wird. Der Effekt sind klassische HipHop-Beats mit sehr harmo- nischem Fluss, die auch einigen Nicht-Heads ge- fallen sollten. Weite Passagen der Songs sind nicht gerappt, sondern sehnsuchtsvoll gesungen; die Rhytmik ist um latin-typische Percussion ergänzt. Wahrscheinlich zählen Orishas zu den wenigen Bands, die man auch mit seinen Eltern hören kann und die beiden Seiten gefällt.
Ruzzo: Wir wollen einen neuen Sound kreieren. Es ist etwas, das noch keiner gemacht hat. Andere haben es versucht, Tony Touch und die anderen Immigranten in den USA haben eine Fusion auf diesem Niveau versucht, aber haben nicht das Gleichgewicht gehabt.
Yotuel: Es gibt sehr viele Künstler die sagen: „Ich möchte auch in so einem Sound wie Orishas was machen.“ Wir geben den Leuten die Möglichkeit eine andere Form von Hip Hop zu hören. Die Leute haben gehört, wie Tony Touch und Mellow Man Ace die Musik mischen, aber eine Formation die 50% HipHop mit 50% Gesang vermischt, in der der Rapper die gleiche Funktion wie der Sänger hat, das ist was Neues.
Seid ihr die Entwicklung des nächsten Schrittes neuer kubanischer Musik?
Ruzzo: Die Hauptidee des Projekts ist es, die Musik der „Alten“, die verloren geht zu, zu erhalten. In Kuba hört niemand mehr traditionelle Musik; nur diejenigen die sie machen und die Spezialisten. Die meisten Rechte an der Musik haben die USA. RCA und andere – die haben es alles mitgenommen! Um eine Produktion mit internationalem Niveau zu machen, muss man raus. In Kuba gibt es nicht die Mittel.
Was haltet ihr vom Latin Boom?
Ruzzo: Es gibt Leute die den Boom ausnutzen. Sie tun so als wären sie Latinos, aber haben noch nie eine „Clave“ gespielt (Clave ist eine rhythmische Figur, die in der Karibik mit der Muttermilch eingenommen wird – wer sie nicht beherrscht, darf Latin nicht machen. Ein fast religiöses Prinzip! Anm. d. Red.) Es ist wie eine Mode und es gibt Leute, die die Hand ins Feuer legen ohne zu wissen, was sie machen und wie es funktioniert.
Yotuel: Ich teile diese Leute in zwei Gruppen auf: Die einen verantwortlich, kultiviert und mit einer Ideologie, mit einer Message ausgestattet und die anderen, die nach dem Komerziellen, Oberflächlichen, sehr Ästhetischen gehen. Beide Gruppen sorgen dafür, dass man die Musik kennen lernt. Orishas hat keinen Boom gehabt. Uns reicht der Respekt, den die Menschen vor uns haben. Wir sind mit den Verkaufszahlen nicht sehr zufrieden, weil wir dachten, dass, wenn wir neue Musik mit wertvollen Texten auf den Markt bringen, die Leute sagen würden: „Geil, das ist Musik für ewig".

Wie seht ihr die Entwickung im HipHop-Latino?
Yotuel: Wir sind selbst überrascht, dass Sen Dog und Mellow Man Ace Kubaner sind. Big P. war Kubaner, Cuban Linx sind Kubaner. Wir wussten nicht, dass so viele Latinos in der Hip Hop Bewegung fortgeschritten sind. Das Ding ist, dass die englisch singen und nicht ihre Wurzeln verteidigen. Ein ganz wichtiger Punkt, denn er weist auf eine kulturelle Lücke zwischen Kuba und den USA und ein Missverständnis der Orishas hin. So wird in den USA Alles und Jeder ethnisiert (so dass z.B. Leute hispanischer oder italienischer Abstammung nicht als „weiss“ gelten). Dass die Ethnisierten sich ihrer Gruppe dementsprechend zugehörig fühlen und für sie repräsentieren wollen, war schon früh Prinzip im HipHop. Nur ist Mellow Man Ace eben US- Bürger kubanischer Herkunft. Ich weiss nicht, ob er selbst in Kuba gelebt hat oder ob es seine (Gross-) Eltern waren, welche die Karibik verliessen. Welche Wurzeln sollen da verteidigt werden? Wenn sich also Leute wie Mellow Man Ace als Kubaner bezeichnen, beziehen sie sich damit auf den US-amerikanischen Kontext. Wenn Yotuel diese Aussage aber in Kuba hört, bezieht er sie auf seine Kultur und wundert sich, warum die kubanischen Jungs aus den amerikanischen Städten nicht „ihre Wurzeln verteidigen“, sprich: nicht auf spanisch rappen. Für’s erste war das Missverständnis aber produktiv. Orishas haben einen sehr homogenen, warmen Sound und die Flows der Raps beschwingen ebenso, wie der Gesang. Viva la revolución cubana!

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