Warum wir alle mehr Zugezogen Maskulin hören sollten

Zugezogen Maskulin sind sauer. Sauer auf uns und unsere Luxusprobleme, die ständige Suche nach Individualität, die verzerrte Sicht auf den Krieg, Fixierung auf Spaß und die Flucht in eine Welt voller witziger Unterhaltung. Der in Zetel geborenen Grim 104 und der aus Stralsund stammende Testo lernten sich über ein Praktikum bei rap.de kennen und meckern nun gemeinsam über die Missstände unserer Gesellschaft. Warum wir alle ihnen zuhören sollten? Das kommt jetzt.

Eine Droge, zwei Schicksale

Uns geht es gut. Kein Hunger, kein Krieg, keine Probleme. Vielleicht geht es uns sogar so gut, sodass wir unseren Wohlstand nicht mehr wertschätzen, ein verdrehtes Bild der Realität haben und merkwürdige Prioritäten setzen. Die Line „Was MDMA? Ich hab PTBS“ aus „Endlich wieder Krieg“ fasst dieses Phänomen sehr treffen zusammen.

Eine posttraumatische Belastungsstörung (kurz PTBS) ist eine psychische Erkrankung, die nach extrem belastenden Ereignissen wie dem Miterleben von Krieg oder Misshandlungen auftreten kann. Eine geringe Dosis der Partydroge MDMA kann den Heilungsprozess unterstützen. Die Line kann also auch als eine Art Rechtfertigung zum Drogenkonsum gesehen werden, wobei das lyrische Ich höchstwahrscheinlich kein Kriegstraumata erlitt sondern dieses durch die Aussage eher verharmlost.

Auch übermäßiger Drogenkonsum kann zu psychischer Erkrankung führen. Der unterschiedliche Einsatz dieser Droge zeigt ein Paradoxon in unserer Gesellschaft auf. Die eine Gruppe erlitt ein Trauma durch Gewalt und Hass, hat Albträume, Flashbacks, ist gefühlskalt. Die andere Gruppe nimmt die Substanz zu sich, um ein bisschen länger Spaß haben zu können und die eigenen Probleme kurzzeitig zu vergessen. Das Risiko, dadurch ähnliche Symptome wie die erste Gruppe zu bekommen, wird für ein wenig Alltagsflucht in kauf genommen.

Kokain statt Klimawandel

Zugezogen Maskulin kritisieren also nicht primär den Konsum von Drogen, sondern die grundsätzliche Haltung im Leben. Der westlichen Welt geht es so gut, dass sie sich ihre Probleme selbst schafft. Da uns die wirklichen Konfliktherde dieser Welt (noch) nicht direkt betreffen, besteht keine Notwendigkeit zum Handeln. Selbst wenn die Dringlichkeit erkannt wurde, sind die Strukturen hinter den Problemen meistens so groß, dass wir uns machtlos und überfordert fühlen und deshalb gar nichts tun. Letztendlich trifft das auf uns alle zu. ZM halten uns einen Spiegel vor, in den wir gar nicht hinein schauen wollen.

Um nicht hinein schauen zu müssen, lenken wir uns mit belangloser Unterhaltung ab. „Die zehn coolsten Antidepressiva und Knirscherschienen / Was sagt ihr zu „Kollegah trägt Versace“, schreibt’s uns in die Kommentare“ ist eine Line aus „Was für eine Zeit“.

Denn leichte Unterhaltung funktioniert. Songs über Kokain bekommen deutlich mehr Aufmerksamkeit, als Songs über den Klimawandel. Menschen bringen sich für Klickzahlen in Lebensgefahr und wir alle klicken. Dann langweilen wir uns, da es nichts gibt, das wir noch nicht gesehen haben.

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