Deutschrap, lass den Schlagermove! [Kommentar]

Empört, erstaunt und entsetzt – so würde ich meine Reaktionen auf den gemeinsamen Schlagermove, äh Song von Olexesh und Vanessa Mai „Wir 2 immer 1“ beschreiben. Davon mal abgesehen, dass er mir musikalisch nicht gefällt, fragte ich mich zunächst, was diesen direkten Beißreflex in mir ausgelöst hat. Der Song ist zwar an sich wenig von Bedeutung für Deutschrap, provoziert aber widerwärtige Reaktionen und Folgen.

So wurde in der „Starnacht am Wörthersee“ das Bild, das die deutsche Mehrheitsgesellschaft von der HipHop-Kultur hat, mit kruden Fingerzeichen und Nachäffen á la „Yoyo“ und „Check it out“ exemplarisch durch Barbara Schöneberger vorgeführt. By the way, sie macht dabei keine besonders gute Figur, sondern zeigt nur mal wieder, wie hängengeblieben Unterhaltung sein kann.

Schlagermoves gibt’s schon länger

Was mich überhaupt angetrieben hat, mir über das Thema Gedanken zu machen, war der Remix „Auf uns zwei“  von Matthias Schweighöfer und MoTrip, der eines Künstlers wie MoTrip einfach nicht würdig ist. Das Ganze befand sich auf dem schon im Titel vielversprechend klingenden Album „Lachen Tanzen Weinen“Jan Böhmermann und Jim Pandzko lassen grüßen…

Beim näheren Hinschauen wird deutlich, dass dieses Phänomen nicht neu ist. Von Kay One bis Sido, den Barbara Schöneberger wahrscheinlich nicht ohne Maske kennt: Diverse erfolgreiche Rapper hatten bereits Ausflüge in die Schlagerwelt. Ein Deutschrap- Schlagerpop-Chartbreaker macht sich nicht von allein, so hatte etwa Sido Unterstützung von Andreas Bourani und Mark Forster. Und Kay One, der betonte, dass dies die wohl größte musikalische Herausforderung seines Lebens war, hat direkt mit „Pop-Titan“ Dieter Bohlen ein Cover von dessen alten Modern Talking-Songs „Brother Louie“ aufgenommen.

Crossover geht auch gut

Crossover-Projekte in allen Ehren, sie haben oft etwas Innovatives, wie z.B. auf den Alben von Prinz Pi, Caspers „XOXO“ und Chakuzas Trilogie zu hören ist. Alle drei arbeiteten mit Bands anstatt mit Produzenten. So vermischten sich Rap, Rock und Punk mit echten Instrumenten. Alles cool.

Aber die Liaison von Schlager und Rap riecht häufig verdächtig mehr nach schnellem Geld als der Liebe zur Musik und zur Kunst. Frauenarzt und Manny Marc machten bei ihrem Projekt „Die Atzen“ bereits 2008 keinen Hehl daraus, dass es in ihrer Vereinigung von Partyschlager, Deutschrap und Mallorca um kommerziellen Erfolg ging und sie durch die breitere musikalische Aufstellung noch ein anderes Zielpublikum erobern konnten.

Es geht nicht gar nicht darum, krampfhaft Unterschiede zwischen Schlager und Deutschrap zu finden. Im Gegenteil, die Gemeinsamkeiten sind an vielen Stellen sogar eher irritierend viele, wenn ich z.B. den schönsten Ohrwurm des letzten Winters „Was du Liebe nennst“ von Bausa denke.

Natürlich ist Deutschrap nicht nur Sprachrohr der Straße oder einer intellektuellen Mittelschicht. Dennoch geht es immer noch vielen darum, zu erzählen, was um sie herum geschieht, was sie ankotzt, was sich ändern müsste, was sie emotional bewegt. Das können Künstler wie Casper, Marteria, Haftbefehl, Hanybal und Chefket auch trotz ihrem kommerziellen Erfolgs – und ohne Schlager!

Ein Appell: Schluss mit dem Schlagermove

Deshalb ein Appell: Deutschrap kann so schön verwirrende Geisteszustände von verschiedensten Charakteren darstellen oder ungemütliche Zustandsbeschreibungen auf den Punkt bringen. So etwas geht bei den oben genannten Kollabos aber völlig verloren. Würden sich die Inhalte nicht auch dem Niveau der Musik anpassen, sondern progressive Inhalte statt eingängiger Gefühlsduseleien oder schriller Partyanheizer rüberbringen, dann wäre der Schlagerbeat nebensächlich. Leider ist dem aber nicht so.

Bitte Schluss mit dem Schlagermove, ich hoffe dennoch, dass diese weichgespülten Momente deutscher Popmusik wieder weniger werden. Denn auch wenn ich es begrüße, wenn mal keine Mütter aufgerissen werden, fehlen Ansagen, starke Messages, kritische Stimmen, Aufbegehren und Unangepasstheit – und manchmal auch einfach harte Beats.

Auch ein Olexesh wird im Duett mit Vanessa Mai auf einmal zur Randfigur, über den die deutsche Mehrheitsgesellschaft sich von oben herab amüsiert. Aber lassen wir uns überraschen, welche grandiosen Konstellationen in Richtung „Für immer auf uns 2“, „Wir 2 auf uns“ „1 und 1 macht 2“, „Auf 2 für immer“ usw. sich noch ergeben können…

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