Das Phänomen RAF Camora: Sein Leben geprägt von Talent, Vielfalt & Arbeitswahn

Abliefern, abliefern, abliefern

Schon seit frühen Kindertagen nahm die Musik einen hohen Stellenwert in RAFs Leben ein. Im Alter von vier Jahren lernte er Geige spielen, als ihm dies keinen Spaß mehr bereitete, wechselte er zum Klavier. Er besuchte eine Schule mit Fokus auf klassische Musik, studierte in Richtung audiovisuelle Medien und vollendete schließlich auch seine Musikausbildung mit einem Bachelortitel. Es scheint so, als wäre es ihm immer schon zu wenig gewesen, sich nur auf sein reines Talent zu verlassen. Von nichts kommt eben auch nichts.

RAF erwies sich als Künstler, der nie genug bekam. Während er parallel unter anderem als Producer für Chakuza tätig war, droppte er 2008 sein erstes Solo-Release „Therapie vor dem Album“. Dabei handelte es sich um ein Mixtape, das die Wartezeit auf sein Debütalbum „Nächster Stopp Zukunft“ verkürzen sollte, das im Folgejahr erschien. Zu dieser Zeit bekam man immer öfters Output von RAF in Kombination mit seinen österreichischen Kollegen Nazar oder Chakuza zu hören, aber auch der ihn schon von Beginn an begleitende Joshi Mizu war stets dabei. Schließlich entstand 2010 das Kollabo-Album „Artkore“ von Nazar und RAF, im gleichen Jahr folgte noch das Mixtape „Therapie nach dem Album“, zwei Jahre später „Therapie nach dem Tod“.

RAF Camora lieferte ab und zwar in hoher Frequenz: Album nach Album, 16 bis 20 Songs pro Platte, nebenbei für Freunde und Kollegen produzieren, dann der Entschluss, ein eigenes Label zu gründen. Indipendenza sollte es heißen – das Label, das 2013 von Raphael Ragucci ins Leben gerufen wurde. Dieser signte als ersten Künstler seinen Weggefährten Joshi, später dann den damaligen Newcomer Sierra Kidd.

Strategie wird großgeschrieben

Als stünden zu der damaligen Zeit nicht schon genug Releases im Hause Ragucci an, wurde dieser von seiner Experimentierfreudigkeit und seinem Ehrgeiz weiter angetrieben. RAF wollte sich neu ausprobieren – soweit, so gut, erstmal nichts Neues. Jedoch wäre RAF nicht RAF, wenn er sich dem Risiko solch eines musikalischen Wandels nicht bewusst gewesen wäre. Also gab er 2011 bekannt, in naher Zukunft unter dem Namen RAF 3.0 agieren zu wollen. Ein neues Album mit neuem Sound – weg vom reinen Rap. Die Beats sollten melodischer werden und RAF sollte mehr singen. In einem Statement erklärte er den plötzlichen Namenswechsel, der eigentlich keiner war: Er wollte den neuen Sound von seiner Person als RAF Camora trennen – nur übergangsweise. Denn RAF Camora war noch lange nicht tot.

2012 erschien dann das selftitled Album „Raf 3.0“. Die Entscheidung, solch ein Album unter einem anderen Pseudonym zu veröffentlichen, ist strategisch betrachtet klug. Probiert man sich als Musiker mit einer schon bestehenden Fanbase neu aus, liegt es nahe, dass die Fans „das Neue“ nicht feiern wollen. Genau dessen war sich RAF bewusst: Er wollte die Erwartungen seiner bestehenden Fans nicht enttäuschen, er wollte sie nicht verlieren. Das Projekt „RAF 3.0“ vollkommen von RAF Camora zu trennen, minderte demnach das Risiko für ihn, seine Reputation als RAF Camora zu verlieren. Wenn es floppen sollte, dann im Namen von RAF 3.0, Camora hatte damit nichts zu tun.

Ebenso der Entschluss, ein eigenes Label zu gründen, spricht für den faszinierenden Charakter Raguccis. Dieser war fortan nicht mehr nur Producer und Musiker, sondern nun auch Geschäftsmann. Außerdem diente RAF für seinen neuen Schützling Sierra Kidd als Executive Producer von dessen Debüt „Kopfvilla“ im Jahre 2013. RAF nahm seine Aufgabe ernst – sehr ernst, er war viel mehr als nur Producer. Er supportete seine Jungs mit seiner unermüdlichen Arbeitsweise und all seinen Ressourcen: Geld, Beats, Zeit, Motivation. Es ging schon lange nicht mehr darum, aus Spaß ein bisschen Musik zu machen. Was im Alter von zehn, elf Jahren mit den ersten Texten begann, hatte sich mittlerweile zu einem ernsthaften Business entwickelt. Und es war immer noch nicht genug.