Gastkolumne

Das Ereignis der Stunde. Während ein dünner Deutschrapper gerade die Charts erobert, reibt sich HipHop-Deutschland verwundert die Augen und fragt, wie es dazu kommen konnte. Unser Gast-Kolumnist Rhymin Simon beleuchtet anhand einer eingehenden Analyse des splash!-Auftritts das Phänomen Casper und versucht zu erklären, warum man auch als beinharter, dicke-MCs-liebender-Rap-Fan an Casper nicht vorbei kommen kann und letztendlich auch nicht will.
Irgendwie eine Art Liebeserklärung. Irgendwie eine Art Abschiedsbrief. Irgendwie ergibt alles Sinn.
  
 
"3 – 2 – 1“, Casper schreit sich warm, während er auf die Bühne stolpert. Die Band spielt bereits. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard. – Irgendwo muss doch ein DJ versteckt sein. Ich kann ihn nicht finden. "Der Druck steigt.“ Aha. Und anscheinend um diesen Druck abzubauen  zerschlägt Casper zehn imaginäre Betonplatten in Bauchnabelhöhe mit dem Kopf. Immer wieder. Zwischendurch wischt er sich seine nassen Haarsträhnen aus der Stirn. Das neu gestochene Tattoo glänzt in der Abendsonne. Casper trägt Röhren-Jeans, schlägt die Ärmel seines T-Shirts immer wieder hoch, wickelt das Mikrofon-Kabel um seinen Körper und geht ab, als wäre der Bühnenboden am kochen. Dann wiederum hockt er sich mit einem Bein auf die Monitor-Box und haucht der ersten Reihe ganz privat seine Seeleninhalte entgegen. Halber Satz, Pause, halber Satz, Pause – kein durchgehender Fluss, was aber nicht heißen soll, dass es nicht flowt. Casper kommt ohne Back-up. Wenn er Textzeilen auslässt, ist das Publikum da. Traum. Die Hooks werden eh mitgefeiert. Alles geht. Casper teilt das Publikum wie Moses das Meer. Mittelfinger hoch – Casper bringt Songs zum durchdrehen. "Michael X" – Casper bringt Songs zum durchdrehen – diesmal allerdings anders durchdrehen.

Ich gucke nach links – Wedding-Milos dreht eine trichterförmige Zigarette – "Und?“, frage ich. "Gibt mir gar nichts.“ Okay, cool. "Was gefällt Dir an dem Eierkopp?“, fragt er zurück. "Hmmm“, ist alles, was ich sage. Ich nehme lieber ein paar Schluck Bier. Und, was gefällt Dir an Casper, frage ich mich selbst. Was unterscheidet ihn von beispielsweise von Curse? Curse kommt daher, ist etwas anders als die anderen, erzählt mir von einem Leben, mit dem ich nichts anfangen kann, erzählt was er durchmacht, wie scheiße alles ist, warum ausgerechnet er so leiden muss – ich hasse Curse.
Casper kommt daher, ist etwas anders als die anderen, erzählt mir von einem Leben mit dem ich nichts anfangen kann, erzählt was er durchmacht, wie scheiße alles ist, warum ausgerechnet er so leiden muss – ich liebe Casper. Warum?
Ich glaube, während Curse seinen Zeigefinger hebt und mich über seinen Brillenrand anguckend auf diese ekelige Art und Weise wie meine Erdkundelehrerin Frau Kluth belehren will, bricht Casper gerade zum vierten Mal auf der Bühne zusammen – nicht wirklich, aber es macht den Anschein. Casper ist real, real kaputt. Und wie er so kaputt geht, mehr und mehr, lässt er mich daran teilhaben. Danke. Ich meine es ernst. Danke.

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