Ronny Trettmann und Ranking Smo

Zwar gehören Dancehall und Reggae nicht unbedingt zwingend zum Kulturgut von Hip Hoppern, doch gibt es hier und da diverse Überschneidungen und wer noch nie zu einem Dancehall-Tune getanzt hat, der verlasse jetzt ganz schnell den Raum und diese Seite. Alle anderen dürfen bleiben und mit uns eintauchen in die wundersame Welt von Ronny Trettmann aus Chemnitz und Ranking Smo, die dieser Tage mit Unterstützung von DJ Kid Gringo das Album "Zwei Chlorbleiche Halunken“ auf den Markt geschmissen haben.
Darauf geht es, wie könnte es anders sein, um die richtige Interpretation von dem, was Dancehall-Kultur heute sein soll und darf, speziell im winterkalten Deutschland. Und genau darum geht es auch in diesem Gespräch.

 

rap.de: Erste Frage, die ich mir stelle, wenn ich Dich höre: Ist das ernst gemeint?

Ronny: Ja, inzwischen ist es schon ernst gemeint. Was mit ner Spaßgeburt begonnen hat, ist inzwischen doch real geworden. Natürlich immer mit nem Augenzwinkern. Es sollten halt schon immer lustige Texte sein, denn das habe ich halt auch immer vermisst, in der Dancehall-Reggae-Szene. Das ist genau wie im deutschen Hip Hop. Das war halt alles ein bissel steif und potternst. Die Leute konnten auch nie über sich selbst lachen. Wenn man sie dann aber persönlich kennenlernt, sind oft viele Originale dabei. Leute, die halt eigentlich humoristisch veranlagt sind, aber das halt nie in nem Tune bringen konnten, weil sie sich halt selbst viel zu ernst genommen haben. Das hat sich geändert inzwischen, im deutschen Hip Hop. Und warum nicht auch im deutschen Reggae?
Bei Reggae, so wie er hier in Deutschland verarbeitet wird, ist  halt so, dass über fünf bis zehn Jahre hinweg die tot-traurigsten Songs liefen. Es geht immer um Sklaverei, Jah, Rastafara und in der millionsten Version darum, wie die Leute suffern. Das ist nichts, was ich mir aufm Dance über drei Stunden reinziehen kann. Da zerbrech ich einfach irgendwann, weißte? (lacht)
Und dadurch, dass ich auch selbst immer schon mceed hab, wusste ich, was noch fehlt, nämlich der Spaßfaktor.

rap.de: Also, geht es auch bei der Reggae-Szene um die richtige Interpretation einer importierten Kultur?

Ronny: Ja, also an dem Punkt sind wir gerade angekommen. Wir haben es auch, ähnlich wie im deutschen Hip Hop,  bis zu einem gewissen Grad kopiert. Irgendwann stellt man fest, dass sich viele Dinge, die man vorher angenommen und eins zu eins übertragen hat, sich irgendwie in Luft auflösen.

rap.de: Jetzt gibt es in Deutschland eine Galionsfigur des deutschen Reggae, der sogar mit dieser Schiene Erfolg hat. Gentleman, der eine Totalassimilation vollzogen hat. Wenn man das mal umdrehen würde und ein Jamaikaner würde so krass auf Bayer machen, würde man das wahrscheinlich ziemlich verrückt finden. (Gelächter) Ich guck mir das von außen an und denk mir: “Verrückte Scheiße!“.

Ronny: Letztendlich ist Gentleman zur selben Zeit wie ich nach Jamaika geflogen. Ich hab bis zu einem gewissen Grad genau dieselbe Entwicklung durchgemacht. Aber irgendwann konnte ich halt mit diesem alttestamentarischen Rastakram nichts mehr anfangen, weil ich nun mal Atheist bin und es halt auch krass finde – selbst bei Songs, die halt in die deutschen Charts gehen – zu singen “If you don't know Jah, you don't know love“. Das sind halt Sachen, die ein Großteil unserer Bevölkerung nicht betreffen und irgendwann fliegt das halt auch auf.
Man muss ja auch beachten, dass ein Großteil der jamaikanischen Artists ihre weißen Zuhörer dissen, wenn man es mal klar formuliert.

rap.de: Wie kommst Du damit zurecht? Du bist ja Fan von dieser Musikrichtung.

Ronny: Ich denk, dass man sich öffnen muss und dass man nicht vergessen darf, wo man herkommt, letztlich. Ich war oft schon in Jamaika und hab's mir angeschaut. Es ist halt ne vollkommen andere Kultur, ein anderes Land. Es ist ne kleine Insel. Das lässt sich nicht übertragen und insofern hab ich damit kein Problem. Also ich hab halt einfach analysiert, was läuft, bilde ich mir ein.
Ich kann, nach wie vor, nen Elephant Man, nen Bounty Killer oder Vybz Kartel abfeiern. Auch wenn sie homophobe Texte bringen, weiß ich, dass es zum Teil nur Spaß ist. Ich weiß, dass es sich nicht übertragen lässt.

rap.de: Fühlst Du dich fremd, wenn Du auf Jamaika bist?

Ronny: Die erste Woche auf jeden Fall, ja. Aber nach ner Woche gewöhnt man sich daran. Ich bin ein Freund Jamaikas, kann ich auf jeden Fall sagen. Um sich in Jamaika zu Hause zu fühlen, musst du – denke ich – mindestens ein Jahr dort leben. Nach nem halben Jahr kann immer noch jemand kommen, mit dem du dir ne Bude genommen hast und dir dann mit nem Baseballschläger über den Kopf hauen und sagen: “Okay, das ist mein Yard!“.

 

rap.de: Gibt es auch Menschen, die ein eher europäisches Denken dort pflegen?

Ronny: Gibt es auch, auf jeden Fall. Die ganzen Upper-Class-Leute zum Beispiel. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich da immer wenig Kontakt hatte. Also, ich bin wirklich immer über die ländliche Gegend und nicht über so Touri-Areas an Jamaica herangekommen.  Ich habe halt wirklich mit mittellosen Rastas dort unten geflext – das unterste Level dieser Ghettokultur – und hatte dadurch auch wirklich immer Stress auf Jamaika.

rap.de: Warum hattest Du Stress? Inwiefern hattest Du Stress?

Ronny: Naja, die Leute halt hustlen und andere Leute abrippen und überall Drogen gedealt werden usw., usf. Ich war nie in nem schönen Appartement in Kingston und hab da irgendwie nett gelebt oder so.

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