23 – 23

?Im Grunde ist es ja ganz einfach und klar: Bei einer Plattenkritik sollte eigentlich die Musik im Vordergrund stehen. Bei „23“, dem gemeinsamen Album von Sido und Bushido, ist diese Maßgabe aber nur schwerlich einzuhalten. Das liegt zum einen daran, dass es neben der Musik noch jede Menge andere interessante Begebenheiten und Begleitumstände gibt, die in die Betrachtung dieses Projekts durchaus mit einfließen, und zum anderen daran, dass der seit dem Tag der Bekanntgabe gehegte, leise Verdacht auch nach dem vollständigen Höreindruck des Endproduktes nicht gänzlich aus der Welt geschafft ist: Eigentlich geht es hier doch gar nicht um Musik.

Eigentlich geht es bei diesem Gipfeltreffen der beiden mit Abstand erfolgreichsten deutschen Rappern der jüngeren Vergangenheit doch vor allem um eine Demonstration der Stärke, um eine Klarstellung der Machtverhältnisse, die eigentlich niemand infrage gestellt hatte, um eine Erneuerung von Besitzansprüchen zweier Alphatiere. Die mal eben mit Ex-Aggro-Chef Specter nach Kiew fliegen und dort das bei weitem teuerste und aufwendigste Video drehen, das deutscher Rap je gesehen hat und dabei noch so viele Freimaurer-Symbole unterbringen, dass die versammelte Verschwörungstheoretikerfraktion schier durchdreht. Denn darum geht es natürlich auch: Spektakel.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: An all dem ist nichts verwerfliches. Spektakel war immer schon und bleibt weiterhin ein fester Bestandteil der Rapkultur, und gar nicht so wenige Rapfans ziehen einen vergleichsweise limitierten, aber spektakulären Rapper einem braven, langweiligen Techniküberflieger jederzeit vor. Außerdem sollte das alles auch nicht davon ablenken, dass auf „23“ ein paar richtig gute Songs sind, allen voran das zur Hälfte aus dem „So mach ich es“-Video bekannte „Kopf Kaputt“ mit dem orientalischen Sample und einer dicht erzählten Breitwandkino-Actionfilm-Story. Beide Protagonisten spielen ihre jeweilige Stärke voll aus, Sido in der ersten Strophe mit ordentlich Wut im Bauch („Jetzt kuck zu, ich platze/ Ich hol mir all das was ich bisher nicht hatte“), Bushido dagegen in der zweiten Strophe mit gewohnt überheblicher Lässigkeit.
Vielleicht der beste Song ist „Engel links, Teufel rechts“, denn auch wenn die Idee mit faustischen Teufelspakt nicht unbedingt brandneu ist, ist die Umsetzung dank des düsteren Beats im Ergebnis sehr eindringlich. Bei „Ein Märchen“ rappen beide aus einer anderen Sichtweise rappen, Bushido als Mustafa, aus Neukölln, Sido als Jonas aus Frohnau. Aus den beiden Geschichten wird ein Song, der auf erstaunlich indirekte und überhaupt nicht plakative Art und Weise Gewalt und Mißbrauch an Kindern anklagt – angesichts vieler weitaus platterer Versuche anderer Rapper in der Vergangenheit geradezu wohltuend differenziert. Dafür pöbelt man dann auf „Verriegel deine Tür“ umso ignoranter und dreister (Bushido: „Wir ändern diese Szene wie im Flug/ nach dem Sex: ich im CL, sie im Zug“), was sich mit dem rockigen Instrumental bestens verträgt.

Auch der letzte Track „Schöne Neue Welt“, bei dem Kay One zu Gast ist, ist ein klassischer Angebersong. Kays Hook „Cash und Träume, leb jetzt und heute/ die größten Feinde werden jetzt die besten Freunde“ hätte als Statement zur Sido/Bushido-Wiedervereinigung allerdings durchaus gereicht, es hätte nicht sein müssen, das auf „Mit nem Lächeln“, „Und schon wieder“ und „Haus aus Gold“ auch noch mal eingehend zu thematisieren. Statt für gepflegtes Understatement entscheiden sich die beiden aber eben dafür, es der Konkurrenz in aller Ausführlichkeit unter die Nase zu reiben. War ja eigentlich klar.

Erstaunlich viel Platz nehmen weiche Themen ein. „Auch wenn es manchmal regnet“ hält tatsächlich Zwiesprache mit Gott, bei „Bring mich heim“ (mit einem starken J-Luv-Part) zeigen beide Rapper einen recht offenen Umgang mit Schwächen und Ängsten, „Schattenseiten“ wiederum kokettiert ein bisschen zu wehleidig mit den Problemen, die man als Star so hat (überall erkannt werden, Autogramme geben müssen). „Erwachsen sein“ mit Peter Maffay geht schließlich sehr weit in Richtung Für-die-ganze-Familie und hätte ebenso wie die beiden „Willy“-Skits ohne spürbaren Verlust weggelassen werden können.

Was die Beats betrifft, sorgen Paul NZA, DJ Desue, Djorkaeff, Beatzarre sowie die beiden Rapper selbst für eine solide Grundlage ohne große Experimente oder Firlefanz.

23“ ist ein Spätwerk zweier Rapper, die vor etwa zehn Jahren das Spiel verändert und seitdem eine ganze Epoche nachhaltig geprägt haben. Zwei Rapper, die zusammen durchaus interessante Musik machen und mit dem Album ihrer einstigen Pionierarbeit quasi selbst ein Denkmal setzen, denen es aber nicht mehr gelingt, neue Impulse zu setzen. Aber dafür sind ja inzwischen auch andere zuständig.

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here