Soprano – Le Corbeau

“Ding, Ding“, Ring frei für Runde zwei! Nach dem Release des ersten Teils seines Doppelalbums “La Colombe (et le Corbeau)“ im Oktober letzten Jahres legt Soprano, der gehypte Shootingstar aus Marseille, rasch nach und komplettiert nun mit “Le Corbeau“ sein musikalisches Projekt. Innerhalb von nur fünf Monaten gehen somit zwei LPs und die dazugehörige “La Colombe Tour 2011“ auf das Konto des tüchtigen Rappers, der sich nach dieser Leistung mit Fug und Recht Workaholic schimpfen darf.

Schon beim ersten Blick aufs Cover wird klar: “Le Corbeau“ soll das genaue Gegenteil zu seinem Vorgänger darstellen. Wo vorher eine weiße Taube erhaben durch die Lüfte glitt, zieht nun ein schwarzer Rabe seine Kreise am wolkenverhangenem Himmel. Hell und dunkel. Berg und Tal. Yin und Yang. Was optisch so offensichtlich ist, wird einem musikalisch allerdings erst Stück für Stück, bei genauerem Hinhören, offenbart.
Schnell fallen einem die Gemeinsamkeiten zu “La Colombe“ auf: Soprano arbeitet mit teils ähnlichen Klaviermelodien, Präsident Sarkozy bleibt Staatsfeind Nummer 1 und natürlich gibt es das obligatorische Feature mit einem Mitglied seiner Crew Psy 4 De La Rime. In diesem Fall ist es Cousin Alonzo mit einem Gastauftritt auf “Halloween“.

Je mehr man aber von den gerade mal zwölf Tracks der Platte hört, desto deutlicher werden die kleinen, aber feinen Unterschiede. “Le Corbeau“ ist zwar wie “La Colombe“ eine durchaus tanzbare und teilweise etwas kitschige Platte geworden – Tracks wie “Invicible“ stellen das eindrucksvoll mit einem satten Schuss Autotune und einer nervösen Snare unter Beweis – insgesamt fühlt und hört sich “Der Rabe“ aber etwas mehr nach Rap an als „Die Taube“. Der bissige Song “Piranhas“ und der Spittertrack “Dopé“ sind rüpelhaft, respektlos, rotzfrech und verdammt stolz auf Marseille und seine Fans. “Kamarades“ würdigt einen gemütlichen Abend mit Freunden. Posen, pöbeln, Props verteilen inklusive: Das ist Rap!

Für die fetteste Überraschung der Platte sorgt zweifelsohne der multikulturelle Track “C’est La Vie“. Auf einem düsteren, deutschen Beat vom ehemaligen Bozz-Music-Hausproduzenten Sti rappt der Franzose zusammen mit dem amerikanischen Wu-Member Method Man.
Zwar ist diese Art der Rap-Kombo aus Marseille und New York nicht gänzlich neu (IAM & Sunz Of Man La Saga EP), doch hatte dieses Duo mit Sicherheit niemand auf dem Schirm. Das war es aber auch schon mit dem Lob an dieser Stelle, denn bis auf große Namen und der Information, dass Mr. Meth French Toast liebt, aber französische Küche hasst (“I love to eat some french toast, but i hate french food“), ist rein raptechnisch nichts besonders erwähnenswert oder gar überragend. “Cest La Vie“ lebt vom Namen Wu-Tang Clan und ist leider nicht mehr als ein Quoten-Track zur Verkaufsförderung.

Wenn es ein wenig tiefgründiger sein soll, ist dagegen “Regarde Moi“ zu empfehlen, denn persönliche Tracks liegen dem 32-Jährigen offensichtlich ohnehin am Besten.
Soprano erzählt offen und detailgenau aus seinem Lebens- und zuweilen Leidensweg. Über die ärmlichen Verhältnisse in denen er aufwuchs, alkoholkranke Väter und die schwierige Aufgabe, ein guter Vater zu sein. Mit Sicherheit hat jeder von uns genug eigene Probleme, also warum sich so etwas anhören? Ganz einfach: Es ist real! Und ist es nicht das, wonach immer alle schreien, nach der verlorengegangenen Realness im Rapgame? Hier ist sie.

Wie dem auch sei. Innerhalb der ersten zwei Wochen nach Release sind bereits 90.000 Einheiten von “La Colombe“ über die Ladentheke gewandert. Mittlerweile hat die Platte Platinstatus in Frankreich erreicht. Ob sich “Le Corbeau“ ebenfalls wie geschnitten Brot verkaufen lässt, bleibt erst einmal mit Spannung abzuwarten. Eine ordentliche Chartplatzierung und anständige Verkaufzahlen wären dem sympathischen jungen Mann aus Marseille auf jeden Fall zu gönnen, auch wenn “Le Corbeau“ nicht unfassbar grandios geworden ist. Es handelt sich um ein zufriedenstellendes, zeitgemäßes Stück französischer Rap. Bravo.

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