Raekwon – Shaolin vs. Wu-Tang

Man sieht’s ihm nicht an, aber Raekwon ist so etwas wie der Prototyp des fleißigen, verlässlichen HipHop-Arbeiters. Der Trend der Stunde war Corey Woods schon immer völlig schnuppe. Da kann der Rest der Welt noch so vehement am Autotunen und Arsch-zum-Tanzboden-bewegen sein – der Koch sitzt zu Hause und werkelt weiter am düstersten Straßen-Scheiß, den Staten Island so zu bieten hat. Erst Ende 2009 hat der 41-Jährige mit „Only Built for 4 Cuban Linx… Pt. II“  einen kleinen Klassiker abgeliefert, da legt Rae schon mit „Shaolin vs. Wu-Tang“ nach.Überraschungen sucht man auf dem fünften Soloalbum des New Yorkers so vergebens wie gewitzte Punchlines auf dem letzten Wacka-Flocka-Flame-Mixtape. Aber das ist auch völlig okay. Raekwon zeigt auf „Shaolin vs. Wu-Tang“ das, was er am besten kann – abgedrehte, technisch anspruchsvoll vorgetragene Crime-Tales, untermalt von, im besten Sinne, klassischen Instrumentals. Und: Es knallt wie Sau.

Klar, die 50 Prozent, die man von Raekwons Gemurmel versteht, darf man wie immer kein Stück Ernst nehmen. Der Chef hatte schon immer eine andere Definition von Realness als das gängige HipHop-Regelwerk. Spätestens wenn auf „Rich & Black“ mit Featuregast Nas die schier endlosen Reichtümer der beiden Protagonisten aufgezählt werden, hat der Blödsinn endgültig Rick Ross’sche Dimensionen erreicht: „Throw parties for my niggers, that’s living, you guessed it / models, I keep ‚em if they’re anorexic.“ Aber Raekwon ist eben auch einer der ganz wenigen Rapper, die den Hörer vollkommen in eine andere Welt entführen können.

Der Chef hat den richtigen Mafia-Swagger, die richtige Stimme, den richtigen Flow, um vor dem innere Auge des Hörers eine eigene, düstere Umgebung zu erschaffen. Wenn Raekwon auf dem völlig irren „Snake Pond“ den Alltag eines Verbrecherkönigs zwischen abgewrackten Drogenopfern, ungezügeltem Hedonismus und brutalen Bandenkriegen beschreibt, dann ist das so eindringlich, dass erstmal völlig egal ist, wie viel davon jetzt auf der Realität und wie viel auf übermäßigem „Goodfellas“-Konsum beruht.

Bereits auf den ersten Lines des ultra-aggressiven Titeltracks, der das Album eröffnet, stellt Rae die Grundzüge seiner Welt dar: „Villagers, gangstas, pillagers, paintbrush / New whips, blue fifths, Louis Shallah, bitch / Ostrich turtlenecks, the Chef already reps / lean of the pretty jets, we buy the very best.“ Auf geordnete Strukturen verzichtet das Wu-Tang-Mitglied dabei in der Regel, viele der Tracks sind eher Skizzen als vollständig ausgefertigte Songs. Ein Beat, ein MC plus viele Featuregäste – das ist die Grundformel von „Shaolin vs. Wu-Tang“.

Denn Raekwon hat für das Album nicht nur ein Gros der alten Wu-Tang-Weggefährten minus RZA vorgeladen, sondern auch weitere Brüder im Geiste, die durch die Bank überzeugende Leistungen abliefern. Lloyd Banks klingt auf „Last Trip to Scotland“ hungriger als auf seinem eigenen Album, während Busta Rhymes auf dem fernöstlich angehauchten „Crane Trip“ vorsorglich die Feuerwehr einbestellt, nur um anschließend die Booth in Brand zu setzen.
„Molasses“ mit Rick Ross ist wiederum eine irgendwie zwangsläufige Kombination, auf der Officer Ricky auch gleich nochmal demonstriert, was er eigentlich für ein technisch versierter Rapper ist, wenn man mal hinter die kilometerdicke Fassade blickt. Einzig Jim Jones fällt auf dem eher untypischen, aber dennoch amtlichen „Rock N Roll“ ein wenig ab. Da darf sich der Harlemite zwar für größer als die Beatles erklären, ansonsten stellt er aber wieder mal unter Beweis, dass seine Adlibs irgendwie geiler sind als seine Verses.

Auch an den Reglern hat Raekwon eine namhafte Riege verlässlicher Helferlein versammelt, die für einen ruffen, düsteren Soundteppich mit reichlich Druck in den Boxen sorgen. Die aggressiven Drums auf dem Titeltrack gehen etwa auf das Konto von Scram Jones, weitere Instrumentals kommen unter anderem von DJ Khalil, The Alchemist und Erick Sermon. Der krasseste Beat stammt aber aus den Maschinen von Evidence, der aus „The Scroll“ mit dem geschickten Einsatz eines Flöten-Samples ein hypnotisch-beklemmendes Stück Musik macht, dessen Thema er die gesamte Dauer hindurch variiert. Altmeister RZA wird auf dem Album nicht wirklich vermisst.

„Shaolin vs. Wu-Tang“ hat jedoch auch seine Momente, in denen es von seiner erprobten Grundformel abweicht. Das eingangs erwähnte „Rich and Black“ konterkariert beispielsweise in seinen Skits die schamlose Angeberei seiner beiden Protagonisten und ist somit wohl eher als Kritik an ungezügeltem Materialismus zu verstehen und auf dem abschließenden „The Masters Of Our Fate“ (mit Winston-Churchill-Sample!) zeigen sich Rae und Featuregast Black Thought von ihrer introspektiven Seite.

Insgesamt ist das Album aber das düsterste, spannendste, eindringlichste Gangster-Hörspiel der letzten Zeit. „Scarface“ für den iPod. Während jedoch in den großen Gangster-Filmen der letzten Jahrzehnte die bösen Jungs am Ende immer verlieren, haben die Verbrecherkönige in Raekwons Universum freie Hand. Gut so, dann hat der Chef auf den nächsten Alben noch viel zu erzählen.

Fazit: Dope.

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