Nord Ost Soundz – Rotlichtkriminalität

Vermutlich aufgrund des regen Hypes um Gangstarap durch Künstler wie Haftbefehl oder Nate 57 oder auch einfach durch sehr viel Selbstbewusstsein hat man sich bei „Nord-Ost-Soundz“ gedacht, man nehme eine Art Sampler, nenne das Ding „Rotlichtkriminalität“ und schicke es mal quer durch die deutsche Medienlandschaft. Darauf enthalten sind zehn Stücke, davon neun von Akum produziert, der sowas wie der Kopf der Organisation zu sein scheint, da er bei allen Songs zusätzlich mitrappt.Das Intro ist sehr gut gelungen. Ein unfassbar düsterer Fruity-Loops-Beat trifft auf die stimmgewaltige Darstellung von Akum. Er weiß, wie es läuft. Die „Knechte müssen für ihn stechen“ und „Aussteiger bleiben leise…“ – Gänsehaut!
Man will sofort mehr wissen von diesem Leben, das er führt – inmitten von seinem Drogenhandel, seinen Prostituierten und seinem Weg zur Million.

Im Titeltrack mit dem Featuregast Joks geht es dann auch gekonnt weiter. Zeilen wie „Die Huren machen für mich und meine Gang Scheine“ wirken, gerade durch überraschend wechselnde Flows, wie ein Bollwerk, aber eins mit Knarre. Die Hook stellt noch einmal detailgetreu dar, wie es abgeht bei Akum und seinen Jungs;

Im Hinterhofpuff! Rotlichtkriminalität!
Scheiss auf euer Hood! Rotlichtkriminalität!
Das‘ auf was du stehst! Rotlichtkriminalität!
Und die Nutte bläst! Rotlichtkriminalität!

Einfach nur geil! Joks ist wohl auch ein tüchtiger Zuhälter, der seinesgleichen sucht, denn „die Frauen bringen seine Gelder / Sie sind der Deal mit den Geschäftsmännern“ und jene Frauen sind sogar „angereist aus der Tschechei / Ja, die sehn gut aus, die nehmen wir auch mit„.

Menschenhandel auf CD, sowas gabs bislang noch nicht. Die Flows und Reimschemata von Joks sind oberste Spitzenklasse. Da hat Akum wirklich einen würdigen Partner gefunden, der auch gleich klarstellt: Wer snitcht, kriegt Beton an die Füße, bevor es in den See geht, und NICHT nur einen Finger abgeschnitten. Verräter gibt es schließlich en masse in diesem Biznezz. Da kennt sich wirklich einer aus und das merkt man.

Hört man dem Sampler weiter zu, merkt man spätestens nach dem dritten Track, dass hier ein dicker roter Faden vorhanden ist, nämlich Nutten und Geld.
Die ersten beiden Tracks erscheinen, wenn man einmal den Track „Das älteste Gewerbe“ gehört hat, lediglich wie eine Aufwärmphase. Zunächst gibt es da einen wirklich gut gewählten Cut aus einem Film, der noch einmal (ein für alle Mal!) klarstellt, mit was für gemeinen Zuhältern es man hier zu tun hat, dann geht es richtig zur Sache: „Egal ob im Laufhaus oder auf dem Strich / denn meine Jungs dealen nach Kilogrammgewicht“. Diesmal geht es um Nutten, die das Geld ranschaffen sollen, weil sie sonst „geschellt“ werden. Unterstützt wird der mächtige Akum von niemand geringerem als den 50Kanax. Allein für den ersten Part der zweiten Strophe lohnt sich der Kauf dieses Samplers, denn hier ist alles bis zur Perfektion ausgearbeitet. Flow, Aussprache, Delivery, Reimtechnik, Inhalt – es geht kaum besser.
Der zweite Part ist ebenfalls dope bis zum Abwinken, die angewidert erscheinende Vortragsweise bringt die Arroganz, mit denen die jungen Herren ihrer Tätigkeit im Rotlicht nachgehen, sehr stark rüber. Auch nach dem dritten Hören kann ich nur vermuten, wie der Interpret diesen Stimmeinsatz hinbekommen hat: Entweder zwei Finger in der Nase, das Gesicht beim Aufnehmen dauerhaft zu einer hässlichen Grimasse verzogen oder eine überdimensional große Kakerlake, die vor seinen Augen eine tote Ratte begattet.

Den nächsten Track kann man gar nicht mehr abwarten.

Ein Blick auf die Tracklist verrät: Bei „Szene aufgeräumt“ ist doch tatsächlich JVA (!) gefeaturet. Und auch diese Gäste stehen ihrem Gastgeber in nichts nach: „Es sind JVA,denen ihr Respekt zollt!“ Und wie wir das tun. Besonderer Respekt gebührt dem Künstler, der die dritte Strophe rappt, denn dieser klingt wie ein Deutscher, der nach bestem Gewissen Haftbefehl imitiert. Ich hoffe, das versteht er als Kompliment, denn wenn ihm was nicht passt, dann kann er auch Leute die dein Leben mit einer Magnum absägen“ vorbeischicken… und das will ja wohl niemand. Obwohl mich mein Kopfkino hinsichtlich dieser Vorstellung schon ziemlich neugierig macht.. aber nein, bitte, keine Leute vorbeischicken!

Mit was für Connections der werte Akum hier auffährt, ist schon unheimlich. Auf „Stock, Hut, Trainingsanzug“ (Achtung! Reim im Tracktitel bei passender Aussprache!) wird zum Beispiel GPC gefeatured. So wie allen anderen Artists auf diesem Sampler mangelt es auch GPC nicht an realistischer Selbsteinschätzung: „Mein Rap ist auch bekannt als die Schande!„, und das, obwohl er zwei Lines später bekennt: „Ich mache diesen Scheiss schon seit zehn Jahren„. Kann ihm aber egal sein, er „zieht die Rolex aus und fingert die Bitch“ – das ist alles was zählt, Du Spast. Einmal Doppeln mit Hall-Effekt am Ende jeder Line macht aus ihm letztendlich doch noch einen tighten Rapper. Obligatorisch wird hier vor die Hook noch ein Zitat eines bekannten Luden geklatscht. So wird dieses ohnehin authentische Lied atmosphärisch noch etwas aufgewertet.

Akum’s Variation in Bezug auf die Darstellung der vielen Facetten seines Berufslebens bleibt, trotz des hochmotivierten GPC, unerreicht. Akum lässt durch Knechte das Koks verchecken und zählt die Scheine, während er „Sirenen sieht„. „Dazu noch der Mantel aus Pelz / wenn der Dobermann bellt weißt du ganz genau, dass der erste Schuss fällt“ und dann, POW, SCHUSSGERÄUSCH! Song Ende, super gemacht.

Und es geht munter weiter: Rauschgiftkonsum, Zuhälter verprügeln, Nutten strichen schicken, auf dem Kiez rumballern, Kokain in Jeans packen, Fäden ziehen, Scheine zählen, Einnahmen vermehren und Verräter töten. Akum ist ein richtiger Roboter wenn’s um sein Wohlergehen geht, er tut konsequent das gleiche und in diesem Song bricht er „Beine so wie Steine.. aus Craaack„.
Komm da erstmal drauf, Du Hater! Auch hier eine hochklassige Produktion, von Drums über Snare bis hin zur Bassline ist alles dabei.

Der fünfte Gastinterpret Mariachi hat einen lustigen Sprachfehler, worauf er aber nicht eingeht. Seine Nutten sind nichts wert und das ist das Gesetz. Taufend Euro Einnahmen sind nifftt genug, Bitsch! Und merke: „Die Fftraße slähft nie, meine Augen ffind hellwach“ – „Ssseiss mal auf Job, iff will hochverdient ssein“ etc. Das sind keine Floskeln, sondern das harte Leben eines ernstzunehmenden Gessäfftsmanneff. Zusammen mit Akum sind die beiden die „Puff Daddy’s“. Worum es in Akum’s Part geht, kann vermutlich niemand ahnen, also bleibt es mein Geheimnis.

Nachdem man als geneigter Hörer JVA schon einmal Respekt gezollt hat, zollen JVA nun Respekt an wen ihn auch immer verdient hat.  Selfmade Records gehört da aber auf jeden Fall nicht zu. Und sonst auch keiner. „Nutten wie KolleGAH nennen sich ZuhälTAH / haha, ab heute bin ich Felix VaTAH“  und „Scheiss auf dein Doppeltime [sic!], scheiss auf Selfmade, euer Label ist nichts wert“ sind die Lines, vor denen man sich fürchten sollte, wenn man diesem fakenden Abschaum angehört.
Akum
rollt übrigens mit dem Cadillac durch die Hood und macht Nutten, die nach ihrem Anteil fragen, einfach „gefügig mit dem weißen Stein„. Problemlösung 3.0, direkt nach Schellen geben und töten.

Im Outro zeigt man sich sogar selbstironisch (hab ich zumindest so verstanden): Akum ruft „PÖHPÖHPÖHPÖHPÖHPÖH! Rotlichtkriminalität!“ und ein Mensch im Hintergrund sagt: „Das speichern wir eben„.

Klarer Pflichtkauf. Zumindest für alle, die nicht genug von den Worten „Rotlicht“, „Nutten“, „Geld“, „Drogen“, „Waffen“, „Straße“ und „Business“ bekommen. Das „Beste“ an diesem „Sampler“ ist, dass man nach dem Intro NICHTS neues mehr erfährt, die 24 Sekunden „Rap“ fassen alles zusammen, was die versammelte Mannschaft auf diesem „Tonträger“ von sich zu geben weiß.

Vielleicht hätte man an dieser Stelle auch aufhören sollen, einfach um sich ein bisschen Würde zu bewahren. So wurde aber ein unheimlich lustiges Album draus.

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