Professor Green – Alive Till I’m Dead

Seit dem 24. September steht Professor Green, das Battletalent aus England mit seinem Album „Alive Till I’m Dead“ in den Startlöchern. Der junge Mann mit den markanten Narben, die er auch eindrucksvoll im Booklet präsentiert, veröffentlichte bereits im Jahr 2006 das Mixtape “Lecture #1“ sowie die “The Green EP“ zwei Jahre später. Nun folgt also das erste richtige Studioalbum des energiegeladenen Jungspunds aus London.
Die erste Singleauskopplung “I Need You Tonight“ mit gesungener Hook von Labelkollege Ed Drewett, kommt mit einer ungewöhnlichen aber ebenso groovigen Mischung aus New Wave und Pop daher. Zudem hält das Stück eine Story parat, die einen schmunzeln lässt und den Drang auslöst, das Stück öfter zu hören, vorausgesetzt natürlich man ist männlichen Geschlechts. Frauenaufreißer Green steht nämlich vor der Aufgabe einer brünetten Schönheit in einem Kampf über mehrere Telefonate den Hof zu machen. Nur ist Green nach einer gewissen Zeit vor lauter Sexappeal der Dame kurz davor den Verstand zu verlieren, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Die Wirkung der Waffen der Frau an  komplexbeladenen Kerlen, Männersachen eben.
Stücke wie “City Of Gold“ oder “Oh My God“ konvertieren unglücklicherweise von Rap zu Rock und bilden, zumal die Tracks auf dem Album nacheinander angeordnet sind, beim Durchhören eine anstrengende Acht-Minutenaufgabe. Vor allem bei “Oh My God“ wechselt der Beat mehrfach in einer solch raschen und für das Ohr unangenehmen Folge zwischen Hardrock und Electro, dass aus dem Track ein unschöner Wust und Musiksalat entsteht. Das Ganze ließe sich wohl am besten mit dem Wort “Lärm“ beschreiben. Somit fällt einem beim “Über-sich-ergehen-lassen“ dieser beiden Songs tatsächlich nur ein leises und geschocktes “Oh, mein Gott!“ ein. Passt ja zumindest.
Glücklicherweise geht es aber auch anders. Bei der zweiten Single “Just Be Good To Green“, die auf einem Sample von “Just Be Good To Me“ der “SOS Band“ beruht, handelt es sich um eine ungewöhnliche Konstellation. Professor Green und das süße, englische Popsternchen Lily Allen, deren trockener Humor meist so bitter, wie falsch aufgebrühter Earl Grey Tee ist, philosophieren gemeinsam über Romanzen. Diese amüsante britisch/britische Kombination, mit einer gelungenen Mischung aus Breakbeat und Synthie-Pop, besitzt einen gewissen Charme und kann deshalb auch ein paar Sympathiepunkte für sich verbuchen.
Die Featureliste fällt mit Gästen wie Lily Allen, Emeli Sandé, Shereen Shabana, Maverick Sabre oder Labrinth zu einem überwiegenden Teil unbekannt und meist weiblich aus. Ersteres ist für einem Newcomer im Hip Hop Game auch nicht besonders verwunderlich, zweites schon eher. Dafür erzählen genau die Tracks mit Unterstützung femininer Musikerinnen die lebensnahesten Geschichten auf “Alive Till I’m Dead“ und sind inhaltlich am anspruchvollsten, was gefällt. Ohnehin hat Professor Green viel zu erzählen, wie zum Beispiel die Geschichte, zu den am Anfang angesprochenen Narben an seinem Hals.
Im Endeffekt hat man streckenweise bei den nur zwölf Tracks auf “Alive Till I’m Dead“ den Eindruck, als müsse Professor Green nachdem er schon einen drauf gesetzt hat, krampfhaft immer noch einen draufsetzten und dann noch einen und noch einen, weil es immer noch nicht genug ist.
Bei vielen voluminösen, bis zum Überquellen mit Elektrofeatures vollgepackten Tracks beschleicht einen das Gefühl, als ob der werte Mr. Green mit der Ambition und dem Bestreben an “Alive Till I’m Dead“ gegangen ist, einen krasseren Dizzee Rascal zu erschaffen. Das gelingt allerdings nicht. Gut so, denn trotz Stücken, die, wie zum Beispiel “Monster“, zum Clubbanger taugen, scheint die etwas einfühlsamere Art beim Musikerschaffen besser zur Persönlichkeit des 26-jährigen Newcomers.
Vom Hocker reißt einen “Alive Till I’m Dead“ zwar nicht grade, dafür ist das Werk einfach zu durchwachsen. Auf nur zwölf Tracks alles abdecken zu wollen, ist einfach zu utopisch, aber durch die gute bisherige Chartplatzierung in England und Irland, wird das nächste Album des Professor Green wohl nicht allzu lange auf sich warten lassen. Dann vielleicht mit ein bisschen mehr Stringenz. Das wäre doch was.

 

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