Bis Aufs Blut

Man nehme die friedliche Kleinstadt-Idylle von Würzburg, strecke sie mit etwas verbotenen Glücklichmachern und lege Manuellsen bei. Fertig ist ein neuer äh… sagen wir mal „Straßenfilm“, der einem zumindest die Überbrückungszeit zwischen Jimi Blues „Gangs“ und „Homies“ Filmen versüßt.Zugegeben, der Streifen ist nichts für Kinder. Die Handlung lässt sich grob so zusammenfassen, dass der kleine Tommy, Sohn einer alleinerziehenden Psychologin, den kleinen Suleyman, genannt „Sule“, kennen lernt, just in dem Augenblick, in dem ihn zwei andere Jugendliche abziehen wollen. Sule-Mini streckt einen der zwei Abzieherkids mit einem Steinbrocken nieder, der andere rennt weg und der kleine Tommy ist sehr dankbar.

Sule hat ebenfalls keinen Vater, dafür kriminelle Ambitionen und verleitet den braven Tommyboy dazu, allerlei Unfug zu machen, der durch schnelle Cuts und Kamerafahrten sehr gefährlich dargestellt wird. Schließlich handelt es sich ja auch um einen Straßenfilm und Würzburg ist hart.

Beide verkaufen im Folgenden ein bisschen Gras, Tommy wird verraten und geht in den Bau, wird ziemlich gemein geopfert, kommt raus und will Physikprofessor werden, während Sule sich nach dem Tod seiner Mutter den harten Drogen verschrieben hat und weiterhin klein-kriminelle Dinger dreht.
Im Endeffekt muss der eigentlich ja herzensgute Tommy sich dann entscheiden, ob er seinen alten Freund verrät und sitzen lässt, als er nach einer Kneipenprügelei festgenommen wird, oder ob er Sule treu bleibt. Unterdessen taucht Manuellsen als ehemaliger US-Soldat, der in Würzburg stationiert war, ab und an mal auf. Er ist sehr groß und sehr stark, äußert mit der tiefen und bedrohlich ruhigen Stimme eines erfahrenen G.I.s Flüche wie „damn“ und „Motherfucker“ und fragt seine Gegenüber beständig  „youknowhutamsayn?“.

Insofern handelt es also um eine GANZ knifflig ausgefeilte Story, wie man sie noch nie gesehen hat und so wird man denn auch alle paar Sekunden mit unvorhergesehenen Wendungen überrascht. Nicht ganz.

Was man diesem Film lassen muss: Die Beziehungsszenen zwischen Tommy und der Dame seines Herzens, die aber keinen Gangster als Freund möchte, sind wirklich nahegehend und beklemmend.
Ansonsten hat man aber das Gefühl, dass Jung-Regisseur Oliver Kienle sich mit den Auswüchsen seines Drehbuchs total übernahm.
Es hätte tatsächlich ein guter Film werden können, wenn man die Handlung auf den gerade aus dem Bau kommenden Tommy fokussiert hätte, der zwischen altem Freund und der Liebe seines Lebens wählen muss. Stattdessen wird aber die komplette Kindheit und Freundschaft der beiden Kleinstadtganoven voll ausgeleuchtet und der Film verliert sich in Handlungssträngen, die dann plötzlich abrechen und einfach nicht mehr fortgeführt werden.
Manuellsen könnte dann natürlich trotzdem hier und da hinter einem Baum hervorschauen und ein gewichtiges „Damn!“ raunen, eine völlig absurde Zweitstory samt Messerattacke wäre aber auch in diesem Szenario schlichtweg unnötig.

Erfreulich ist, dass die Witze im Film wirklich unterhaltsam sind, sowohl die beabsichtigten als auch die unfreiwilligen, wobei die zweiteren einen wirklich zum Lachen bringen.

Zusätzlich lässt sich darüber streiten, ob es jetzt sein muss, dass mal wieder der dumme Kanake das brave deutsche Doktorensöhnchen zu Dummheiten verleitet, dieser aber am Ende wieder motiviert fürs Abi paukt und der türkischstämmige Sule durch sein Kokain-zerfressenes Hirn keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, also der offensichtliche Loser der Geschichte ist.

Alles in allem ist „Bis aufs Blut“ dann doch ein sehr unausgereiftes Werk, das sich nicht so richtig auf eine einzige Hauptstoryline festlegen kann, sondern lieber von allem ein bisschen abgrast. Anscheinend hat man gewisse Teile der Geschichte lieber schleifen lassen, um an anderer Stelle das ein oder andere unwichtig Detail mitzunehmen, was den Film über weite Strecken dann ein bisschen langweilig werden lässt.

Ein gewisses Talent ist Kienle aber trotzdem nicht abzusprechen, ebenso wenig wie den Schauspielern Jacob Matschenz, Aylin Tezel und Simone Thomalla. Auch Manuellsen schlägt sich beachtlich und hätte auch bestimmt noch besser agieren können, hätte er nicht so eine selten dämliche Rolle zugewiesen bekommen.

Die zwischenmenschlichen Darstellungen sind wirklich gut gespielt und verdeutlichen, wie der Film hätte werden können, wollte er nicht so krampfhaft auf cool machen. Wenn auch dieses Projekt nicht wirklich zu überzeugen vermochte, so kann man immer noch aufs nächste hoffen, das vielleicht in einem realitätsnäheren Würzburg spielt. Denn auch hinter bunt beklebten Fensterscheiben kann es finster sein und dieser Satz hätte auch im Film fallen können: Mit einem amerikanischen Akzent, garniert von einem „youknowhutamsayn?

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