Tefla & Jaleel – Weißt Du Noch?

Ehrlich gesagt war ich ein bisschen überrascht, als ich die folgende CD aus der Post gefischt habe. Ein neues Album von Tefla & Jaleel, präsentiert von DJ Ron und DJ Shusta? Machen die nicht seit gefühlten fünfhundert Jahren keine Musik mehr? Ich kenne Leute aus Ostdeutschland, die damals auf der Fahrt zu Festivals „Wenn Zonis Reisen“ gepumpt haben. Das wiederum ist aber auch schon ein Jahrzehnt her und ehrlich gesagt habe ich in den vergangenen Jahren nicht wirklich oft darüber nachgedacht, was die Herren Metzger und Kunstmann eigentlich jetzt so machen. Noch ehrlicher gesagt hatte ich nie eine sonderlich starke Verbindung zur Musik der beiden MCees und somit ist „Weißt Du Noch?“ die erste Platte von ihnen, die ich komplett höre. Wenngleich es sich hierbei nicht um ein Album handelt, sondern eher eine Art „der Track lag hier noch so rum“-CD, wie ich den Bemerkungen im Booklet entnehme. Macht aber nichts. Soll ja euch Leute geben, bei denen höhere Literatur auf der Toilette steht als im Regal.Das Intro allerdings leitet die Platte eher lau ein. „Wir haben nicht gemacht, was man erwartet hat“ wird da gerappt, liefert mit jeder Menge Scratches aus alten Tracks allerdings genau das, was man sich unter dem Intro einer seit längerem inaktiven Rap-Crew beim Comeback vorstellt. Auch der Titeltrack „Weißt Du Noch“ lässt mich allein vom Titel her an rührselige Geschichten von früher denken, die mit Tränen in den Augen und jeder Menge Pathos in der Stimme vorgetragen werden. Was dann kommt, ist allerdings einer der besten Storyteller, den ich seit längerem gehört habe. Mit dem Blick für die vermeintlich unwichtigen, aber der Geschichte Farbe gebenden Details erzählen Tefla und Jaleel von Fahrten auf Jams, erste Berührungen mit der Hip Hop Szene und wie man damals fasziniert und mit strahlendem Gesicht direkt vor der Bühne stand. Auch die Tatsache, dass sich die Beiden im Vortrag ständig abwechseln, vermittelt einem das Gefühl, mit zwei alten Freunden am Tisch zu sitzen, die sich lange nicht gesehen haben und milde lächelnd von früher erzählen: „Du warst 16“ – „Und du 14. Mit großen Augen auf Freestyle-Sessions“ – „Und du der Arsch mit kalter Schulter, hast uns ständig nur belächelt.

Der Titel des Folge-Songs, „Hör Auf Deine Stimme“, klingt wenig vielversprechend, meine Neugierde ist nun allerdings geweckt. Nach „Halt den Kopf hoch, Bruder“-artigen Vocal-Samples von unter anderem sido und Azad folgt ein Part, in dem letzterer in Betonung und Inhalt dermaßen gekonnt durch den Kakao gezogen wird, dass ich tatsächlich lachen muss. Die beiden Chemnitzer und Feature-Gast Bass Boy sind offenkundig ebenfalls kein Fan von eindimensional gezeichneten Schwarz/Weiß-Songs über das Licht am Ende des Tunnels, das man nur durch den unbändigen Glauben an sich selbst erreicht. Als würde das nicht schon sympathisch genug sein, gibt es dann auch noch Zeilen wie die folgenden und spätestens ab diesem Moment bin ich endgültig Fan: „Du hast keinen Job mehr? Ich hab keinen Bock mehr, dir zu sagen ‚Du musst an dich glauben! Kopf hoch, yeah.‘ Denn egal wie sehr ich daran glaube, dass Kylie Minogue in meinem Bett liegt: Es ist einfach nicht so.

Nachdem die Highlights direkt am Anfang verbraten wurden, folgt anschließend ein breites Feld aus thematisch wie Beat-technisch relativ ähnlichen Tracks. Wir haben schon alles gesehen, ihr saugt euch Ghetto-Geschichten aus den Fingern. Wir lieben Hip Hop, ihr macht es nur für’s Geld. Ihr seid noch jung und wisst nicht, wer ihr seid, wir sind alt und chillen jetzt. Das mag ja alles stimmen, kickt mich persönlich allerdings nicht wahnsinnig. Hören lässt es sich aber definitiv sehr angenehm, da die beiden Ostdeutschen zweifelsohne etwas von ihrem Handwerk verstehen und auch die Produzenten wie Tikay One, X-Plosive Beats und DJ Shusta haben einen klimpernden, Voice-Sample lastigen, durchweg positiv und sommerlich klingenden Soundteppich geschaffen, der zwar zu keiner Zeit Gänsehaut verursacht, dafür aber perfekt zu dem entspannten Rap der beiden altgedienten Herren passt.

Gangsta“ samt Ami-Feature von Tragedy Khadafi ist auch so ein typischer Altherren-Track. Die Jugend von heute ist unmöglich, man selbst hatte zwar auch mal eine Waffe in der Hand, braucht den Scheiß jedoch nicht und weiß mittlerweile, was richtig ist. Wie das aber so ist mit Moralpredigten: Man hört ungerne zu.  Außerdem finde ich die Aussage, dass alle, die im Club böse gucken dumm sind, dann doch etwas eindimensional für Leute, die sich von ebendiesen im Rest des Tracks durch ihre Lebenserfahrung und Reife abgrenzen. Trotzdem: Eingängiger Song. Außerdem merke ich einmal mehr, dass man mich mit Mobb Deep-Scratches immer kriegt. Egal wie ausgelutscht das schon sein mag.

Insgesamt ist Weißt Du Noch?“ trotz offensichtlicher Resteverwertung respektive außerordentlich hoher Remix-Dichte ein überaus hörenswertes Album/Mixtape/was auch immer geworden. Natürlich klingt da ab und an Frust über die heutige Szene durch, selbstverständlich nervt es, wenn einem wiederholt mit dem Zeigefinger in die Seite gestochen wird. In Anbetracht der Tatsache, dass Tefla und Jaleel Geschichten aber einfach so angenehm und detailliert erzählen, dass man ihnen einfach gerne zuhört, drückt man da gerne Mal ein Auge zu.