Purkwa – Gegensätze

 "Gegensätze“ heißt das Album, das Purkwa bereits im Dezember des vergangenen Jahres veröffentlichte (Warum wir es trotzdem noch rezensieren? Ein-fach so!) und Gegensätze zeigen sich bereits im "Ouzo Intro“. Einerseits bezeichnet sich der 27-Jährige als "Papagei im Taubenschlag“, ein paar Zeilen später will er dann aber doch "nur ein Junge, der rappt“ sein. Ein nur allzu menschliches Dilemma: Wunsch nach Einzigartigkeit versus der Einsicht, vielleicht doch gewöhnlicher zu sein, als man sich das von sich selbst wünschen würde. Aber will man wirklich 14 Tracks von jemandem hören, der einem vom Grundsatz her nicht mehr erzählen kann, als man selbst tagtäglich erlebt? Mal sehen.
 
Purkwa kommt aus Bayreuth. Das ist eine Stadt im wirtschaftlich eher ostdeutsch anmutenden Oberfranken mit rund 80.000 Einwohnern und es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man die Rapszene dort als eher… unspektakulär bezeichnet. Worüber soll man also rappen? Ein Ort, der als erklärtes Reiseziel für Senioren und für die Wagner-Festspiele bekannt ist, gibt nicht sonderlich viele Geschichten für’s allgegenwärtige Straßenrap-Segment her. Studentenrap aus der Universitäts-Stadt wäre eine andere Alternative und dieser Schuh mag dem Rapper weitaus besser passen – trotzdem fühlt man sich auf Albumlänge weder belehrt noch zum politisch uninteressierten Kapitalisten mit Faible für Massentierhaltung degradiert, wie in diesem Metier sonst so üblich. Dankeschön dafür.
 
Natürlich läuft es auch im Leben des nachdenklichen Purkwa nicht immer gut. Wir kennen ihn ja alle, den täglichen Struggle. Man muss nicht in einem deutschen Problembezirk wohnen oder Hartz IV beziehen, um sich Sorgen um die eigene Zukunft zu machen. Man muss auch nicht von seinem Expartner mehrfach betrogen und belogen worden sein, um sich melancholische Gedanken über die Liebe und das damit oftmals verbundene Leid zu machen, wie es der Künstler in "Dein Gesicht Bleibt“ so herrlich unaufgeregt und doch berührend schafft. Ein Song über eine Beziehung, der man nachtrauert, auch wenn man sie selbst aus guten Gründen beendet hat. Kein Pathos, keine unangenehmen Momente des Schmalz-triefenden Fremdschämens – Emotion kann auch mit einfacher Sprache auskommen.
 
Diesen Balance-Akt schafft der Bayreuther leider nicht immer. Das zeigt sich insbesondere bei der zu gewollt eingängigen "Ich bin jetzt bei dir und alles ist gut“-Hook von "Eres Preciosa“, die mit der stimmlichen Unterstützung von Wuakyla Styles auffährt. Auch der Refrain vom sonst durchaus ansprechenden "So Schön“ gefällt mir nicht. Da hätte man den Featurepartner El Condorsito, der den eher filigranen und zerbrechlich wirkenden Sound des Tracks mit seinen Reggae-Einlagen unterbricht, gerne weglassen können. Trotzdem: Seine großen Momente hat Purkwa zweifelsohne in der negativ behafteten Gefühlswelt des Verlusts, des Schmerzes und der Trauer, was sich auch auf dem sehnsüchtigen "Fächer“ zeigt.
 
Schwach und zum Teil sogar langweilig wird es erst dann, wenn typische Rapper-Themen a la "Ich bin cooler als ihr“ und "Mir egal, ob ich mit der Scheiße Geld mache, ich lebe für die Musik, yo!“ ausgepackt werden. Warum muss man darüber reden, was Rap für einen alles nicht ist, wenn dabei nur Aussagen rumkommen wie "Für mich ist Rap mehr als Competition“ und "Viele flexen, doch sie rappen dabei leider nur einen Text ohne Bedeutung“? Das ist doch öde. Diese permanenten Anschuldigungen an Etablierte, in denen doch immer nur gesagt wird, sie würden ihren Arsch verkaufen und nur Musik ohne Inhalt machen, haben immer etwas neidisches und motziges. Insbesondere wenn es von Leuten kommt, die einer breiten Öffentlichkeit bis dato nicht bekannt sind und es vielleicht auch nie werden – was sie ja aber anscheinend auch gar nicht wollen.
 
Vielleicht kommt die Antipathie gegenüber den "Flexern“ aber auch daher, dass Purkwa selbst einen eher simplen Rap-Stil pflegt. Das ist an sich absolut in Ordnung, transportiert seine Texte, auf die er zweifelsohne den Fokus legt, angemessen, beeindruckt und überrascht aber eben auch nicht. Zumindest auf einem Song scheint er allerdings aus seinem Reimschema ausbrechen zu wollen und betont mitten in "Spielt Weiter“ urplötzlich komplett anders als sonst. Das klingt ziemlich scheiße, wenn ich ehrlich sein darf, und gehört mit den immer ein bisschen zu oft eingestreuten Anglizismen zu den wenigen Dingen, die mich an "Gegensätze“ wirklich nerven.
 
Eine Sache kann man dem 27-Jährigen hingegen auf keinen Fall vorwerfen: Dass er mit Crada den falschen Produzenten für sein Album gewählt hätte. Irgendwo zwischen Slum Village, Mos Def, Freundeskreis und Curse schneiderte der Hesse seinem Musiker-Kollegen 14 Beats geradezu auf den Leib. Mal so ruhig und zurückhaltend, dass man sich mit Hasen und Ponys auf einer Blumenwiese wähnt, mal drängend, ohne nervös und hektisch zu werden.

Insgesamt eine durchaus runde Sache von den beiden Süddeutschen. Musik für den Durchschnittsmenschen aus der Durchschnittsstadt mit einem Durchschnittsjob und Durchschnittsproblemen. Das mag nicht das Spannendste oder Beste sein, was Deutschrap zu bieten hat. Beileibe nicht. Aber nach dem Hören der Platte kann ich mich in jedem Fall eines Eindrucks nicht erwehren: Gewöhnlichkeit kann überraschend angenehm und entspannend sein.

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