Brother Ali – us

Die Geschichte dieser Review und warum sie so spät erscheint, bedarf einiger Erklärung. Erstens ist die CD zwar über Rough Trade zwar in Deutschland erhältlich, aber so richtig einfach an sie heranzukommen ist es anscheinend nicht wirklich. Sprich die CD ist schwer erhältlich.
 
Zweitens habe ich Brother Ali, obwohl ich den Namen schon öfter gehört habe, ein bisschen ignoriert und wahrscheinlich liegt der Mann aus Minneapolis auch bei den meisten unserer Leser unter der Wahrnehmungsgrenze.
 
Dieser Umstand änderte sich erst nach einem quasi-religiösen Erweckungserlebnis, nämlich als ich kurz vor Weihnachten 2009, in irgendeiner Sendung des Senders Jam FM ein paar Stücke aus dem neuen Album "us“ von Brother Ali hörte und gleichsam das Licht sah.
 
Seitdem bin ich erleuchtet und ein Gesandter des Herrn, ein Rufer in der Wüste, ein Brother Ali Fan – obwohl die absolute Ekstase nach Erhalt des Albums dann leider doch ausblieb.  
 
Brother Ali ist Gospel und Soulmusik. Er ist ein Teacher und Preacher, ein Sucher und Getriebener. Ein gläubiger Moslem, der sich für Schwule einsetzt, ein weißer Albino und ein Rapper, der abgesehen davon auch noch ziemlich gut rappen kann – alles in allem also eine… äh ziemlich interessante Persönlichkeit könnte man sagen. Eine Persönlichkeit, mit der man gerne einen trinken gehen würde, der von der man sich halt mal gerne auch mal eine Platte anhört. Eine Person, die auf jeden Fall ein bisschen was zu erzählen hat.  
 
Ursprünglich sollte das Album "The Street Preacher" heißen und auch das hätte gepasst. Brother Ali ist so etwas wie ein mittelalterlicher Geschichtenerzähler. Ein Typ, der an der Straßenecke steht und Storys aus dem Leben anderer oder seinem eigenen erzählt. Das tut er so bildhaft, dass man schwer glauben kann, dass der Mann eigentlich fast nichts sehen kann, da er offiziell blind ist.  
 
Es sind keine großen Storys. Natürlich sind es keine Geschichten von Champagner, Drogen und viel, viel Geld. Auch wenn diese Themen trotzdem vorkommen – allerdings aus einem leicht verschobenen und unkonventionellen Blickwinkel.
 
Es sind die kleinen Beobachtungen und dem Bruder ist nichts menschliches fremd. Das macht seine Heiligkeit und Gutheit sehr erträglich und ehrlich gesagt auch ziemlich unterhaltsam, auch wenn man sich bei einem Song wie "Babygirl“ vor unangenehmen Gefühlen nur so winden möchte. Hier beschreibt Brother Ali wie es ist, mit einer Partnerin zusammen zu leben, die offensichtlich in ihrem früheren Leben missbraucht oder Opfer einer Gewalttat wurde. Wie es ist, wenn das Schönste, was zwei Menschen miteinander teilen können, von ewigen dunklen Wolken verhangen ist. Das ist kein hoppy hoppy fluffy fluffy Thema, das mit einem kurzen knackigen "Kopf hoch – das wird schon wieder“ aus der Welt geschafft wird. Das klingt nach einer Lebensaufgabe und das hört man dem Song eben auch an und auch den festen Willen, dass Brother Ali da mit durchgehen will – durch die Hölle. 
 
Bei all dem gleitet der MC allerdings nie in die Verzweiflung oder gar Verbitterung ab, die man ihm wahrscheinlich sogar nachsehen würde, sondern bleibt immer hoffnungsvoll und zuversichtlich. Von guten Mächten wunderbar geborgen… das ist alles in allem kein Schrei aus der Hölle des Soul, sondern mehr Gospel, mehr Gottesdienst, mehr gemeinsames Singen und Klatschen und über duftende Blumenwiesen hüpfen.
 
Diesen Eindruck vermitteln zumindest Stücke wie "Crown Jewel“, wenn er Naturerlebnisse beschreibt, in denen sich der Himmel wie ein Mantel um seine Schulter legt und er Gottes Gegenwart spürt in allem um ihn her. Das ist Mystizismus to the fullest. Das ist ziemlich gut. Das ist ungewöhnlich.
 
Oder die Geschichte von seinem Familienleben, dass er so euphorisch beschreibt, wie Jay-Z die Afterparty in der Hotel Lobby. Fernsehgucken auf der Couch. Es gibt was leckeres zu essen und man chillt einfach mit seinen Liebsten. Bei so viel Harmonie kommt dann eine Story, wie in "House Keys", wo er mit seinen alten Wohnungsschlüsseln in die Wohnung seiner Nachmieter einsteigt, dort Weed und Koks sowie Handfeuerwaffen vorfindet und diese dann am Bahnhof verkauft, um mit 4 Mille wieder zu kommen… Solche Geschichten kommen genau richtig.
 
Da muss man dann mal durchatmen und freut sich, dass der gute Bruder Alexander nicht so ekelhaft korrekt ist, dass man ihn nicht mehr leiden können muss. Das kann man nämlich getrost tun und deshalb freuen wir uns auch auf die anstehenden Konzerte in Deutschland und hoffen auf weitere Gottesbeweise in Form von Musik…. wenn auch der ganz, ganz große Knaller auf dem Album ausgeblieben ist, weshalb "us“ auch nur 6 von 7 Punkten bekommt.     

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