Donato – Angst

Ehrlich gesagt habe ich das Schreiben dieser Review lange vor mir hergeschoben. Sehr lange. Zu schwer ist es, sich ein Urteil über Donatos Musik zu bilden. Auch wenn seine Vergleiche hier und da mal hinken, der Junge beherrscht sein Handwerk. Sein Gespür für Hooks und eingängige Instrumentals ist nicht von der Hand zu weisen, jedoch sind es vielmehr die oftmals sperrigen, ja unbequemen Inhalte, die der junge Ruhrpottler auf seinem mittlerweile zweitem Album bearbeitet, die "Angst" zu einem wahren Ziegelstein von Musik machen: schwer und unverdaulich. 
 
Klar, nach Ghettoattitüde und Geschichten aus der Hood braucht man bei Donato gar nicht erst zu suchen, dafür ist das ganze zu sehr Mittelschicht. Aber das ist auch vollkommen okay, denn der Junge arbeitet nur jene Themen ab, die für ihn in seiner Welt, in seinem Umfeld von Bedeutung sind und bringt dies auch sehr authentisch rüber. 
 
“Könnt Ihr Mich Hören” ist eine Ballade über Vorbilder und Selbstfindung eines Kindes und Heranwachsenden, die eine Brücke von Donatos Jugend in die Gegenwart schlägt, um dann zu offenbaren, dass er sich gleichermassen davor fürchtet, zu einem langweiligen Durchschnittsbürger zu verkommen. Wie es vermeiden will, ein Abziehbild seiner Helden zu werden und ebendiesen sinnlos nachzueifern. “Lichblick” hingegen ist die Definition des eigenen Künstlerdaseins und stellt die Sicht des Fünfundzwanzigjährigen auf das gegenwärtige Rapgeschäft dar. Sein persönliches Dilemma, seine Unsicherheit kommt vorallem hier zum Vorschein, wenn er kurze Statements und Ansichten äussert, um die umgehend durch ein “…oder nicht?!” in Frage zu stellen. “Das Leben Geht weiter” geht trotz der “Kopf hoch, Homie” Thematik klar, zumal Donato hier über die üblichen Phrasen hinaus konkrete Beispiele menschlicher Abgründe bringt und das Thema mit den Eltern die sich scheiden lassen, Depression, Alkoholismus und Selbstmordgedanken wirklich greifbar beleuchtet. 
 
Die beiden Highlights auf der Haben-Seite sind jedoch zum einen “Du Fehlst”, welches vor allem von seinem unklaren Inhalt lebt. Dass es bis zum Ende unklar bleibt, ob Donato hier von einem verstorbenen Freund, Familienmitglied oder einer verflossenen Liebe oder vielleicht sogar beidem erzählt, macht den Song unglaublich interessant. Zum Anderen “An Mir Vorbei”, eine weitere kritische Selbstanalyse des eigenen Ichs, die vielleicht doch sehr selbstbemitleidend, aber eben auch sehr nachvollziehbar ist und vorallem durch das hervorragende Instrumental aus Akustikgitarre und Piano wirklich eindringlich wird. Überhaupt machen die Beats “Angst” rein musikalisch stellenweise eine kleine Bombe. Sehr passend, oftmals tieftraurig bis nachdenklich, organisch und düster – das geht klar.  
 
Mit seiner Grundhaltung, alles eben aber auch etwas verkniffen zu sehen und die Münze eher fünfzig mal statt zwei mal umzudrehen, macht Donatos Musik auf Albumläge, wie eingangs bereits erwähnt zu einem unglaublich schwerem Stück Kunst. Zu selten sind die unbeschwerten Momente, es wird zu viel nachgedacht, zu viel gerätselt, zu viel getrauert. So schafft man es kaum, Angst an einem Stück durchzuhören, ohne vollkommen depressiv oder mit Selbstmordgedanken durch den Tag zu gehen. Nicht falsch verstehen, die Ansichten sind korrekt und nachvollziehbar. Aber wer hat schon Lust ein Album zu hören, dass einen eine Stunde lang einfach nur runterzieht?! 
 
Hinzu kommt, dass Tracks, die das Trauerbild zu durchbrechen versuchen, leider nur mit ekligen “Du kannst alles Schaffen wenn du nur willst”-Messages (“Lebe Deinen Traum”) oder verqueren Storys über Kündigungen per SMS, die aber doch eigentlich scheissegal sind, denn man kann ja die Füsse hochlegen, sich gehen lassen und “die Puppen tanzen lassen” (“Machts euch gemülich”), aufwarten. Auch “Auf der Flucht”, welches mit düsterem Storytelling zu fesseln versucht, geht ordentlich nach hinten los, da Donato zwar am Anfang Spannung aufbauen kann, in letzter Konsequenz es aber komplett verpasst, seine Fluchtgeschichte aufzulösen. Weshalb war er denn nun auf der Flucht und vor was? Wie geht die Geschichte letztendlich aus, schnappen ihn die Bullen? Und kommt man eigentlich immer so leicht davon, in dem man sich im Gebüsch vor den Leuten versteckt, die einen suchen? – am Arsch! 
 
Der Rest sind mal mehr, mal weniger interessante Selbstanalysen und Ansichten über Freundschaft, Realität und Traum, die Welt an sich und die üblichen Themen die man von Künstlern von Donatos Schlag erwartet. Klar, auch hier sind die Instrumentals passabel, nur unterstreichen sie auch hier ein weiteres mal nur die tieftraurige Grundstimmung dieses Albums, weswegen es Donato einem wirklich schwer macht, sich nach dem mehrmaligen Hörgenusses der LP nicht in eine psychische Behandlung zu begeben. Das ist alles so düster, schwer und unverdaulich, dass es wirklich nur häppchenweise geniessbar ist. Ziegelsteinmusik eben, ich sag’s ja.

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