Chefket – Einerseits, Andererseits

Einerseits gibt es Menschen, die nach Berlin ziehen, die Füße hochlegen und darauf warten entdeckt zu werden. Andererseits gibt es Menschen, die nach Berlin ziehen, engagiert und fokussiert sind und sich vom einen Ziel zum Nächsten  hangeln. Chefket gehört eindeutig zur zweiten Spezies, aber, darauf möchte ich eingangs mit ausdrücklicher Vehemenz hinweisen, mit Sicherheit nicht in die Schublade "Newcomer“. Der Ex-Heidenheimer ist nämlich schon seit rund einer Dekade musikalisch aktiv. Nicht gerade gering sind deshalb die Erwartungen an sein Debut-Album, welches den bedeutungsschwangeren Namen "Einerseits, Andererseits“ trägt. Den ein oder anderen kann dies zur ausschweifenden Interpretation einladen – schließlich handelt es sich hier um ein Wortgebilde, das widersprüchliche Kontexte darstellt – was sich allerdings dahinter verbirgt, erfährt man am besten, wenn man nicht nur das blau-grüne Cover anstarrt, sondern einfach mal reinhört.

Chefket beginnt das 15 Track starke Album mit orientalischem Gesang von Mustafa Dirican-Krutsch, der an einem Großteil der Tracks beteiligt ist, untermalt den einsetzenden Rap Chefkets mit einem bewegenden Streicherarrangement. "Denke nicht nur an die Scheine, weil Musik nicht nur Business ist. Boom wie die Base, klick wie die Snare, Hihat sagt ts ts ts“ – der End Of The Weak Vize-Weltmeister (rap.de berichtete) erfrischt gleich zu Beginn mit einer Aussage, die man schon lange nicht mehr so auf den Punkt gebracht hat: "Hip Hop will das Leben erzähl’n“. Damit fängt er auch gleich im Titeltrack "Einerseits, Andererseits“ an. Ich erfahre, dass Chefket sowohl Sänger, als auch Rapper ist, sein Leben zwar ein Film, aber auch eine Fotografie sein kann, einerseits – verspricht er – ist alles logisch, andererseits würde es nicht mal darum gehen und langsam wird ersichtlich, wieso sich Chefket selbst den "erhobenen Zeigefinger“ nennt.

Denn zwischen den Zeilen tauchen mahnende Worte und Belehrungen auf, die – und das wundert mich – nicht nerven. Wie eingangs versprochen, singt Chefket auch prompt die Hook und stellt fest: "Das Leben ist ein ständiges Hin und Her.“ Diese Erkenntnis zieht sich von nun an schlüssig durch das gesamte Album, sei es im Track "Regen“  oder gegen Ende im Bajka-Feature "Reise“ . Dabei trumpft Chefket mit Soul- und Funkelementen oder Scratches von DJ Werd auf, bringt Englisch und Türkisch ein, ohne dabei zu bemüht und gewollt zu klingen. Positive Aussagen überwiegen zweifelsohne auf "Einerseits, Andererseits“, umso überraschender ist es, dass man kritische Randnotizen seitens Chefket sofort abnicken kann, sich bei der ein oder anderen sogar ertappt fühlt und sich vielleicht zurückerinnert, an frühe Zeiten von Samy Deluxe, der Umstände damals mit einer Punktlandung beschrieben hat.

Im Gegensatz dazu schafft es Chefket, all das mit einem sympathischen Augenzwinkern zu verpacken. Elegant. So wird meine persönliche Chefket-Hymne "Cool, Easy, Fresh“ kreiert, die zwar sehr nach vorne geht, aber mit Sätzen wie "Wenn du wissen willst wie sehr Menschen leiden, schau‘ ihnen beim Feiern zu“ einen lyrischen Schauer auf meinen Rücken zaubert. Dieser stilvolle Tanz zwischen den Stühlen von Rap, Soul, Funk, Humor und ganz viel Ernst lässt mich vor Chefket und seinem Album den Hut ziehen, ganz nach dem Motto "Schön euch kennen gelernt zu haben, auf baldiges Wiederhören. Bitte.

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