Tony D

Ganz im Gegensatz zu seinem Rap Style, der ja doch eher laut und brachial daherkommt, wurde am elften September relativ still und leise das zweite Tony D Album "Für die Gegenaz" veröffentlicht. 
Mag sein, dass es am Zusammenbruch des AGGRO Imperiums gelegen haben mag, dass der Damager mit seinem neuesten Release keine großen Wellen geschlagen hat, dass die Auflösung seiner Labelheimat auf jedenfall Spuren bei ihm hinterlassen hat, ist unbestreitbar.
Und so trafen wir einen eher nachdenklichen Tony D im Studio an, wo er gerade die letzten Takes für das kommende Sekte Album aufnahm.
Nachdenklich aber immer noch voller Tatendrang. Schließlich ist Tony D Sprüher und auch wenn er die einzig wahren Rebellen des Hip Hop mit resignierten 68ern vergleicht – die Wut der Sprüher hat er immer noch. 

Und weil sich diese Wut manchmal eben doch unkanalisiert ihren Weg nach Außen banen muss: HIER der Videomitschnitt vom schreiend geführten Interviewpart an der Straßenkreuzung. 

rap.de: Im JUICE Interview hast du gemeint „Für die anderen Rapper waren wir die Champagner Trinker, aber für die richtig reichen Leute waren wir die Prolls“. Jetzt sind wir hier im Sekte-Studio und das ist schon wieder richtig…

Tony D: Proll. Ja, Champagner gibt’s hier nicht, nur Eistee von Globetrotter. Und noch nicht mal Gläser. Tut mir Leid.

rap.de: Warum hielt man euch für Champagner-Trinker?

Tony D: Ich weiß nicht. Vielleicht durch Rapper wie Fler, die eigentlich von nichts anderem geredet haben. Der war ja schließlich auch bei AGGRO. Das war aber nie mein Ding, ich habe ja jetzt auch nicht bei jedem Track darüber gerappt, dass ich die Millionen habe, aber andere Leute von unserem Label eben schon. Irgendwie hat das jeder so ein bisschen gemacht, aber manche eben extrem.

rap.de: Ich kann mich an eine Szene auf der Rapcity DVD erinnern, wo ihr Sushi gegessen habt und zwar ziemlich viel! (lacht)

Tony D: Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich in so einem Laden war.

rap.de: Das sah aber nicht so aus und B-Tight meinte auch: „Das haben wir uns verdient und das lassen wir uns schmecken!“. Ging es Dir zu AGGRO-Zeiten wirtschaftlich besser als jetzt?

Tony D: Ja, würde ich schon sagen. Ich war eigentlich voll zufrieden. Ich habe ja nie behauptet, dass ich nur glücklich bin, wenn ich einen Lamborghini vor der Tür habe, und deshalb war ich auch nicht unglücklich darüber, dass ich nie so reich war.
Ich habe gut gelebt und ich lebe ja auch immer noch gut dafür, dass ich das mache, was mir Spaß macht. Meine Kumpels arbeiten auch alle und ich weiß genau, was der Eine mit Dealen und der Andere mit Kellnern verdient und was ich mit Rap verdiene. Und für mich ist das ok.

rap.de: Das ist eine interessante Aufstellung. Würdest du lieber dealen oder kellnern?

Tony D: Dealen.

rap.de: Weil der Verdienst höher ist?

Tony D: Auf jeden Fall. Mit Dealen kommt man auch fast an den Verdienst eines Rappers ran. Wenn man es gut macht, verdient man auch mehr.

rap.de: Rechnet man da auch die fünf Jahre Knast mit ein, die man dafür kriegen könnte?

Tony D: Die Meisten machen das glaube ich nicht. Viele fangen damit ja aus der Not an und ich weiß nicht, ob man sich da dann so Gedanken macht.


rap.de: Die Frage, die mich halt interessiert: Lohnt sich das mit den fünf Jahren Haft immer noch?

Tony D: Für mich persönlich gar nicht. Mir wären schon ein paar Wochen Knast zuviel. Das Härteste, was ich da so erlebt habe, waren ein paar Wochen Untersuchungshaft und das ist wirklich nicht mein Ding. Andere kommen gut damit klar, sind hart im Nehmen und gehen mal ein oder zwei Jahre rein, aber ich glaube, ich würde da sterben. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch.

rap.de: Du meintest gerade, dass viele aus der Not heraus mit dem Dealen anfangen. Bei Rap ist es ähnlich. Ist Rap da für Dich noch eine Alternative?

Tony D: Zurzeit schon noch. Ich habe ja kein zweites Standbein, keine Ausbildung oder irgendwas, was ich jetzt sofort machen könnte. Ich muss bis zum Ende kämpfen, ich habe noch nicht mal einen Hauptabschluss.

rap.de: Jetzt haben ja schon viele andere vor Dir alles in die Waagschale geworfen und alles riskiert. sido zum Beispiel. Aber der ist jetzt auch ein Star und hat ausgesorgt und bei dir sieht es schon ein bisschen anders aus. Machst Du Dir Gedanken um deine Zukunft?

Tony D: Ab und zu, aber nicht extrem. Das fickt meinen Kopf, das bringt ja nichts. Ich bin ein Kiffer, Alter, ich lebe krass im Jetzt. Wenn ich mir zu viele Gedanken machen würde, würde ich kaputt gehen. Ich habe da das gleiche Problem, das ganz viele Jugendliche heutzutage haben. Da bin ich eigentlich noch mittendrin, auch mit meinen 26.


rap.de: Aber Du stehst in der Öffentlichkeit und da hat man doch immer noch eine besondere Energie, einen besonderen Drang, eine Lösung zu suchen, oder?

Tony D: Die Lösung ist für mich eigentlich nur, musikalisch immer besser zu werden. Musik wird immer weniger gekauft und deshalb geht es eigentlich nur noch darum, die Fans, die all die Jahre zu einem gekommen sind, zu behalten.
Wenn ich mir zu viele Gedanken machen würde, würde meine Musik auch darunter leiden und dann würde es gar nicht mehr klar gehen. Jetzt ist gerade die Phase, wo ich mich ein bisschen orientieren muss, ob ich mich im Untergrund gut platzieren kann. Ich versuche schon, mit dem Rap-Ding jetzt wieder mehr zu reißen. Es läuft gerade nicht gut, aber vielleicht wird es irgendwann wieder besser und dafür muss man halt auch was tun.
Man kann sich nicht jeden Tag darüber Gedanken machen, sondern muss erst mal gute Musik machen. Mein Album, was jetzt raus kam, hat nicht wirklich viel gerissen. Es ist jetzt auch nicht das Album, mit dem ich jeden anspreche. Ich würde gerne ein Drittes machen, was dann nichts mit AGGRO zu tun hat und die neue Ära mit Sektenmuzik einläutet. Darauf werde ich mich konzentrieren und deshalb habe ich mir jetzt auch bei dem Sekten-Album gut Mühe gegeben.

rap.de: Wer sind deine Fans, die zu Dir halten und die Du ansprichst?

Tony D: Das sind eigentlich voll die netten Leute. Die interessieren sich für mein Image. Und was sie, glaube ich, noch mehr fasziniert ist, wenn ich nach dem Konzert mit denen chille und rede. Dass sie mit mir klarkommen, obwohl sie nicht so sind wie ich. Nachdem ich auf der Bühne stand und ihnen gegeben habe, worauf sie voll abfahren, können die trotzdem noch auf ihrer Ebene mit mir auskommen. Es war auch noch niemand enttäuscht, wenn er mich privat kennen gelernt hat. Mein Image und das, was ich mache, kommt zwar aus dem Herzen, aber an sich bin ich schon ein anderer Typ.

rap.de: Jetzt bist du ja nicht nur vom Image her jemand, der durch Wände geht, sondern warst vor ein paar Jahren durchaus dafür bekannt, dass…

Tony D: Ich habe mich geändert, bei mir hat das Alter gut eingeschlagen. Das ist nicht bei jedem so, aber bei mir schon. Es gibt Leute mit 30, die sind so unfassbar kaputt.
Wenn man bedenkt, wie ich früher war. Ich meine, ich will nichts dagegen sagen und es gibt keine Erfahrung, die ich nicht gern gemacht habe. Mein Leben ist so bunt gewesen mit diesem ganzen Scheiß. Ich bereue das nicht, aber es gibt einen Punkt, ab dem es genug ist.
Manchmal platzt mein Kopf von diesen ganzen Erinnerungen, weil ich schon so viel Scheiße gemacht habe mit Bassboxxx und meiner Gang TMR. Irgendwann war es echt genug. In erster Linie mit diesen Gewaltgeschichten.

rap.de: Aber wenn man dein Album anhört, kann man denken, dass Du nach wie vor ein Gewaltproblem hast.

Tony D: Das kann man ja denken, aber ich weiß, dass ich nicht jeden Monat jemanden ins Krankenhaus bringe und es ist mir scheißegal, was die Leute denken.

rap.de: Ist das Image von Dir selbst gewählt? Du scheinst es ja so ein bisschen zu bereuen, was Du damals gemacht hast.

Tony D: Das hat sich einfach von Tag eins so entwickelt. Damals, als ich mit Rappen angefangen habe, war nichts aufgesetzt.
Ich habe damals bei Bassboxxx mit Mach One, Frauenarzt und Orgi angefangen zu rappen und da war nichts aufgesetzt. Man war einfach, wer man ist, und andere Leute haben dir dann den Spiegel vorgehalten und dadurch hast du erst gesehen, was andere über dich denken. Natürlich ist das Image selbst gewählt, aber auch andere Leute sehen dich so und bringen dein Gesicht und alles damit in Verbindung. Wenn das jeder so sieht, dann passt es halt auch zu dir.
Mich hat nie jemand dazu gedrängt. Ich war ein Junge, der immer blind vor Wut war und gar nicht wusste, dass er so krass rüberkommt. Bei mir war das eher so eine Abwehrhaltung und ich dachte, jeder in Berlin ist so. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass man mich eigentlich ne Nummer krasser sieht. Vielleicht durch mein Aussehen oder die Aktionen, die ich gebracht habe, keine Ahnung. Das mussten mir erst andere Leute vorhalten.

rap.de: Hattest du jemals Angst?

Tony D: Ja, klar. Ich weiß nicht, wie weit das geht, aber ich hatte schon Angst. Ich bin zwar mutig, aber Angst ist ja trotzdem was anderes. Ich hatte zum Beispiel Angst vor meiner OP am Kreuzband, dass da irgendwas schief geht und ich nicht mehr aus der Narkose aufwache. Oder als ich mal in der Gneisenaustraße stand, drei Typen mit Messern  kamen und ich keins dabei hatte. Da hatte ich schon ein bisschen Angst, weil die auch zustechen wollten, aber ich bin nicht weggerannt.

rap.de: Wenn du heute drüber nachdenkst, wie du damals geworden bist – hast du dann eine Erklärung dafür, wie es so gekommen ist?

Tony D: Warum ich so geworden bin, wie ich bin? Weil mein Leben für den Arsch war. Ich hatte noch nie einen Moment Ruhe, noch nicht mal in meiner ganzen Kindheit oder so.
Ich kenne das gar nicht und komme jetzt nach 26 Jahren an einen Punkt, wo ich mich so ein bisschen danach sehne.
Bis ich 14 war, hat sich mein Vater dreimal scheiden lassen. Ich hab in Hessen gewohnt. In Berlin habe ich über all die Jahre in zehn Bezirken gewohnt. Ich habe achtmal die Schule gewechselt, habe bei drei Frauen Halbgeschwister in ganz Deutschland… Ich hatte auf jeden Fall kein so ruhiges Leben, wie man das vielleicht kennt.
Das ging alles so schnell. Kindheit, Jugendzeit, zack zack zack, plötzlich warst du schon 16 und standest auf der Straße und hast gesprüht und Kacke gemacht. Ich hatte nicht eine Sekunde Zeit, darüber nachzudenken, wie ich da hingekommen bin. Das habe ich erst jetzt. Deswegen war ich auch damals so, weil ich mir nie darüber Gedanken gemacht habe, warum ich so ein Stück Elend bin. Das kann ich jetzt vielleicht analysieren, aber damals ging es nicht. Vielleicht ist es auch ein Vorteil. In Berlin habe ich auf jeden Fall einen Ruf weg und muss nichts mehr dafür tun. Ich kann zehn Jahre chillen und bin trotzdem immer noch krass. (lacht)

rap.de: War Deine Crew auch ein bisschen so was wie eine Ersatzfamilie?

Tony D: Ja klar, bei mir war Gang immer Familie. Ich bin ja auch mit 18 bei Mach eingezogen ins Bassboxxx Studio. Ich konnte auch wochenlang mit den Jungs zusammenhängen, ich war nicht so der, der dann nach Hause gehen muss. Ich war schon immer so ein Gruppenmensch.

rap.de: Findest Du das schade, wie es sich teilweise bei TMR und BC entwickelt hat? Dass das so auseinander gegangen ist?

Tony D: Es ist jetzt keine wirkliche Katastrophe. Es ist kein Streit da und man versteht sich schon. Man hat sich nie darüber Gedanken gemacht, dass es jetzt zu Ende geht oder wie es zu Ende geht, sondern es ist zu Ende gewesen und dann war es das.

rap.de. Hast du manchmal Sehnsucht nach der Zeit von früher?

Tony D: Das ist ganz schwer zu erklären. Rein von der Vernunft her gar nicht, weil ich auch gar keine Lust mehr darauf habe, bei irgendwas erwischt zu werden. Aber vom Feeling her vermisse ich es extrem. Das geht ja auch nicht aus einem raus. Allein der Geruch von einem Schacht, kann das wach rufen. Es war das wunderbarste Gefühl, unten in der U-Bahn in einen Schacht zu gehen, die Luft zu riechen und dabei zu sprühen. Das kommt dann immer wieder hoch. Andere Sachen vermisst man aber gar nicht.

rap.de: Die AGGRO-Fahne wird auf Deinem Album auch noch hochgehalten. War das dann auch wie eine Familie für dich?

Tony D: Mit den Jungs natürlich, aber wenn du jetzt die ganze Firma siehst… Natürlich war es eine Zeit lang auch wie eine Familie, aber das hat schon vor längerem aufgehört. Als bestimmte Mitarbeiter von AGGRO gegangen sind, die man eigentlich auch als Familie gesehen hat, und neue gekommen sind, mit denen es dann nur dieses Angestelltenverhältnis gab. Man hat sich natürlich immer gut verstanden, aber so ein wirkliches Familiending war das nicht.

rap.de: Ist es das jetzt mit der Sekte wieder ein bisschen mehr?

Tony D: Ja, mit der Sekte ist das so. Wenn irgendwas an damals rankommt, dann das mit der Sekte. Wobei man sehen muss, dass da auch Jahre dazwischen liegen und wir was dazu gelernt haben und alle so ein bisschen Business verpestet sind. Früher war es hundert Prozent Gang und Familie und jetzt hat man immer noch einen Gedanken frei fürs Business. Auch bei der Sekte sind es vielleicht 99 Prozent Gang und ein Prozent Business, weil wir das vielleicht auch alle schon so lange machen.

rap.de: Jetzt wo ich gerade so darüber nachdenke – Bassboxxx waren ja auch unfassbar krasse Charaktere.

Tony D: Übelst! Bogy, Verpeilaz, MC Basstard, Mach One, Orgi, Hengzt, Tony Damager… Das war schon eine krasse Crew.

rap.de: Aus allen ist auch irgendwie was geworden.

Tony D: Damals hätten die wenigsten gedacht, dass aus mir was wird. Als Bassboxxx auseinander gegangen ist, war ich so der Einzige, der noch nichts draußen hatte. Ich war höchstens auf ein, zwei Tapes vertreten. Und dass auch ich es geschafft habe, hat schon was zu bedeuten.

rap.de: Wie bist Du auf diesen, ich sage mal "speziellen“, Rapstil gekommen?

Tony D: Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Das kam einfach aus mir raus, wie Scheiße. Mein erster Track war ja auf Orgis "Es Gibt Kein Battle“ Tape mit Mach zusammen. Da rappe ich zwar nicht wie heute, aber da merkt man schon die Ader von mir. Ich habe da nie drüber nachgedacht. Ich habe angefangen zu rappen und für mein Verständnis musste man so rappen. Das kam einfach von mir, ich habe das nirgendwo aufgeschnappt. Es gab auch keinen Ami, der mich da irgendwie inspiriert hat. Also, Busta Rhymes habe ich glaube ich zu der Zeit krass gefunden und der gehört ja auch zu den Leuten, die das schon immer mehr so rausquetschen. Dieses Explodierende, dieses Rausgespuckte… Ol’ Dirty Bastard zum Beispiel auch. Wenn es eine Inspiration gab, dann von denen.
Als Crunk dann kam, gab es endlich einen Anker, an dem ich mich festhalten konnte. Ich habe davor eigentlich mehr so South gehört und das ist ja ähnlich, mit viel Lärm und so. Durch Frauenarzt haben wir bei Bassboxxx immer viel Three Six Mafia und Memphis gehört, aber die Mucke kannte hier gar keiner. Dann kam dieses Crunk Ding mit Lil Jon nach Deutschland und jeder kannte es. Ich schreie, der schreit…
Wenn ich mich jetzt als "deutschen Crunk“ bezeichne, dann verstehen die Leute das. Obwohl ich mich selbst nicht mal als hundertprozentigen Crunk sehe. Vielleicht deuten die Leute das so, aber ich mache ja nicht dieselbe Musik wie Lil Jon. Ich habe auf meinem Album vielleicht ein, zwei Crunk-Tracks und der Rest ist eher South angehaucht. Letztendlich kam mir das aber entgegen und ich konnte endlich einen Stempel auf meine Musik drauf machen. Das ist Crunk-Musik.
Ich bin aber auch ein bisschen froh, dass das gerade nicht mehr so angesagt ist. Sonst wäre ich vielleicht zu sehr darauf festgefahren gewesen und hätte nichts anderes mehr machen können und das ist ja auch nicht mein Ding. Ich mache immer das, worauf ich Bock habe und wenn ich gerade Bock habe, auf einen Oldschool Beat zu rappen, dann mache ich das auch. Es ist mir viel wichtiger, der deutsche MC Tony Damager zu sein, der deutschen Sprachgesang macht.

rap.de: Du meintest vorhin, dass du mit Deinem neuen zweiten Album nicht so viele Leute ansprechen konntest, wie Du gerne angesprochen hättest…

Tony D: Was soll ich sagen. Im Großen und Ganzen ist es irgendwie gefloppt. Ich will da niemandem die Schuld geben, wahrscheinlich hat am Ende die Motivation doch gefehlt. Eigentlich steht Universal drauf, aber die Arbeit hat komplett AGGRO gemacht. Im Endeffekt stand nur Universal drauf, weil es AGGRO da schon nicht mehr gab.
Aber Universal hat das glaube ich nur vertrieben. AGGRO hat die Artwork-Arbeit gemacht und letztendlich hat keiner irgendwas richtig gut gemacht. Der Einzige, der es richtig gut gemacht hat, war ich.
Scheiß drauf, ich will jetzt auch abschließen damit. AGGRO ist schon fünf, sechs Monate zu, das Album ist schon viel länger fertig. AGGRO wollte das sechs Monate lang nicht raus bringen und für mich war das natürlich auch voll die kack Zeit. Aber ich bin jetzt auch nicht traurig. Ich kann jetzt auch diesen Cut machen, den eigentlich schon jeder gemacht hat. Jeder hatte mit AGGRO schon abgeschlossen und ich musste mit denen eben noch das eine Album raus bringen.
Ich will schnell das Sekten-Album raus haben und mich dann neu sortieren und mein drittes Album machen. Ich will gar nicht mehr daran denken.

rap.de: Nervt dich das nicht. Jetzt hast du anderthalb Jahre an dem Album gearbeitet und jetzt kommt das so undercovermäßig raus.

Tony D: Ist schon blöd, aber ich bin im Herzen Musiker genug und versuche das auszublenden. Man muss halt versuchen das Gute zu sehen und wenn es was Gutes hatte, dann das, dass es richtig viel Spaß gemacht hat mit Flash Gordon zu arbeiten und wir dadurch richtig gute Freunde geworden sind. Das kapiert vielleicht nicht jeder, aber mir hat das was Gutes gebracht. Ich hatte ne schöne Zeit mit Flash Gordon und es wäre einfach bitter gewesen, wenn wir das nicht rausgebracht hätten. Das mit einem Schlag kaputt zu reden, nur weil es sich gerade nicht so gut verkauft, das ist es nicht wert. Da gibt es mehr. Dann wäre ja alles gelogen, was ich gerade erzählt habe. Es ist draußen. Es ist gut.
Als es raus gekommen ist, haben wir uns direkt angerufen und gegenseitig gratuliert. Warum auch nicht?

rap.de: Was würdest Du bei Deinem nächsten Album anders machen?

Tony D: Weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Ich werde jetzt erstmal Pause machen, ein paar Monate. Zwei oder drei. Ich brauch auf jeden Fall diese Pause, sonst würde ich gar nicht mit dem dritten Album anfangen können.
Ich will auf jeden Fall nicht irgendwas machen. Ich bin auch nicht der Typ, der alle zwei Monate ein Album ausscheißt. Ich denke, dass man am Ende meiner Karriere meine Alben an zwei Händen abzählen können wird und da soll jedes Album schon was besonderes sein.

rap.de: Was macht Tony Damager, wenn er ausspannt?

Tony D: Weiß ich noch nicht. Habe ich noch nie gemacht. Ich habe noch nie in meinem Leben zwei, drei Monate Pause gemacht. Ich habe schon jahrelang nix gemacht, aber das war ja keine Pause. Da war ich ja auf der Straße hustlen und man hat sich trotzdem um seine Drogen gekümmert oder um Geld. So richtig Pause habe ich noch nie gemacht.
Ich muss einfach mal drüber nachdenken, was ich eigentlich will? Warum mach ich das? Ich bin jetzt 26. Im Business ist viel passiert. Mein Label ist zu. Privat hat sich auch was verändert. Da braucht man einfach ne Pause.

rap.de: Wir haben irgendwo gelesen, dass Du früher heimlich rappen musstest, damit Dein Vater Dich nicht erwischt, warum?

Tony D: Vielleicht kommt daher ja auch mein Style, dieses Gepresste. So aus der Brust leise rausgerappt. Ja das war so. Als ich das erste mal Rap gehört habe, war ich so fasziniert, dass ich beim Kacken oder egal wo ich mich alleine gefühlt habe, da habe ich angefangen zu rappen. Vor anderen ging das nicht. Zu Hause sowieso nicht. Mein Onkel hat mich da mal erwischt und meinte: „Was ist das? Diese Affenmusik.“ Mein Vater war genau so. Wenn er auf MTV mal ein Hip Hop Video gesehen hat, da wusste ich genau, wie er die Musik findet. Das waren für den nur Affen, die rumhüpfen. Na ja, aber die waren gerade mal 15 Jahre hier in Deutschland. Meine Familie ist vor dem Krieg aus dem Libanon geflohen, da brauchen die auch vielleicht nicht unbedingt Rap verstehen, mit der Geschichte.

rap.de:  Mit wie vielen Jahren hast Du denn Rap für Dich entdeckt?

Tony D: Kann ich Dir eigentlich genau sagen. Vierte Klasse, mit 10 also. Das war ein Tape, da war Cypress Hill drauf, Ice Cube. Busta Rhymes war da drauf mit "Woo Haa!“. Cartel kam da raus zu der Zeit, die hatten gerade ihren Hype. Das hat mir so ein Türke aus meiner Klasse zugesteckt.
Mit 12 oder so habe ich dann selbst angefangen zu rappen, dann kam aber das Sprühen dazwischen. Dann habe ich so Sprüher kennen gelernt und dermit dem einen habe ich dann angefangen zu rappen.
Aber die Welt ist echt so klein. Dieser Sprüher kannte nämlich wiederum Sven von Beatillz Inn, dann sind wir dorthin gegangen und haben da gerappt und das dann auch auf Tape aufgenommen und so. Dann haben wir Mach kennen gelernt. Dann sind wir zu Rap am Mittwoch und so weiter. Von einem Sprüher zum DJ. Vom DJ zu noch einem Sprüher zu einer Rapveranstaltung und dann ins Studio. So fings bei mir an, dass ich Rapper wurde.
Das war dann so ein Mischding bei mir. Sprüher, die rappen. Deswegen war BC, Mach und Akte für mich auch so überkrass, weil ich eben auch so ein Sprüherrapper war.

rap.de: Was ist mit dem Sprühen? Ist das heute noch aktuell für Dich?

Tony D: Ne gar nicht. Nicht weil ich keinen Spaß dran hätte. Sprühen macht immer Spaß, Aber das ist mir zu krass. Kann ich nicht vereinbaren mit meinem Leben. Ich habe schon bewusst aufgehört, als ich damals bei AGGRO Ansage 5 mitgemacht habe. Da habe ich auch ein paar Gespräche gehabt mit Specter und so und dann habe ich das auch bewusst aufgehört. Ich hatte ja auch schon Bewährung zu der Zeit und Sprühen kostet halt auch Zeit, kostet Geld und vor allem Stress.

rap.de:  Warum sind Sprüher so irre? Im Gegensatz zu Rappern, die immer viel reden, gehen Sprüher ja doch aufs Ganze…

Tony D: Weil sie erkannt haben, wie kacke die Welt ist. Die sind einfach die größeren Rebellen. Die Sprüher sind die wahren Rebellen des Hip Hop.
Mach kaputt, was Dich kaputt macht. Das macht Rap ja nicht. Rap hat kein bisschen diese Aussage. Die Sprüher laufen ja mit so einer Wut rum. All Cops Are Bastards. Welcher Rapper macht denn so was?

rap.de:  Hast Du die Wut des Sprühers noch in Dir, beim Rappen?

Tony D: Ja klar. Aber ich komm mir langsam auch so vor, wie die 68er damals, die haben auch alle rebelliert und dann irgendwann war das alles weg und jeder 68 ist heute trotzdem erfolgreich und Lehrer oder so. Es kommt die Zeit, wo du das alles hinter dir lässt. Ich bereue nix, aber ich will trotzdem nicht zurück.
Wir sind resignierte 68er, die eingesehen haben, dass die Welt nicht zu verändern ist und da wollen wir die letzten Jahre jetzt noch mal für uns nutzen, daran denken, dass es einem persönlich gut geht.

rap.de: Was ist da dann Deine Vorstellung? Häuschen am Waldrand?

Tony D: Ne. Nicht unbedingt. So weit kann ich aber gerade gar nicht denken, mit dem Häuschen und so.
Ich bin ja aus Kreuzberg rausgezogen und da würde ich gerne wieder zurück. Wohnung in Kreuzberg das wäre was. Aber das wird wahrscheinlich nicht dazu kommen. Sind ja gerade sehr teuer geworden.
Aber ich lebe wirklich im Hier und Jetzt und es kommt wie es kommt.

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