Gameboi – Tanz Den Gameboi

Gameboi ist ein cooler Typ. Einer von denen, die sich immer aufmüpfig verhalten, aber trotzdem von allen gemocht werden. Außer von den Brillen tragenden Nerds, die in der Klasse in der zweiten Reihe sitzen müssen, direkt hinter den Streberinnen und weit entfernt vor den lässigen Dschungs auf den hintersten Bänken. Wenn ich ihn aber so extrem entspannt auf dem Cover seines Debütalbums vor der Tafel sitzen sehe, wie er einen mit der aufgesetzten Abschätzigkeit der Jugend taxiert, und ich mir vorstelle, Lehrerin zu sein und ihn da jeden Tag so zu sehen, möchte ich ihm gerne körperliche Gewalt antun. Aber das tut nichts zur Sache. Der Junge ist 13, geht (hoffentlich) noch regelmäßig in die Schule und hat es mit Unterstützung diverser Kölner Rapszene-Größen geschafft, ein eigenes Release mit bei MySpace gefeaturetem Video auf die Beine zu stellen. Wie viel der Gute davon selbst gestemmt hat, lässt sich zwar im lediglich Danksagungen enthaltenden Booklet nicht einsehen, trotzdem sollte man ihm dafür Respekt zollen.

Eigentlich sollte das Alter des Musikers für die Bewertung eines Tonträgers keine Rolle spielen, diesen Faktor bei dem vorliegenden Werk nicht zu berücksichtigen, fällt allerdings schwer. Das gesamte Album scheint mit Tracks wie "King Auf Dem Schulhof“, "Taschengeld“ oder dem unsäglichen "Ferien“ mit unerträglicher Mickey Maus-Hook nämlich absolut auf das Thema "Schuljunge“ konzeptioniert. Gerade bei letzterem Track fragt man sich, wer zur Hölle das eigentlich gut finden kann. Jede Rolf Zuckowski Kassette nimmt das musikalische Empfinden ihrer Hörer ernster. Inhaltlich beschleicht einen außerdem das Gefühl, dass Gameboi verzweifelt in eine Art "liebenswerter Lausbub“-Konzept gezwungen wird. Vielleicht lebe ich in einer desillusionierten und von asozialen Gangbang-Kindern aus Ostberliner Randbezirken geprägten Welt, aber welcher 13-Jährige sagt heute noch Sachen wie "Da sind zwei Kästchen, trage es ein. Willst du mit mir gehen, ja oder nein?“ oder "Und ich hab Angst Mann, die ganze Nacht lang. Wenn er mich holen kommt Alter, was dann?“ ("Horror Movie“), nachdem er einen Ü18 Film gesehen hat?

Lines wie "Es gibt Taschengeld, guck wie ich das Money make“ ("Taschengeld“) und "Scheiß auf Jimi Blue, ich will ihn nicht mehr sehen. Alle Girls in meiner Klasse wollen mit mir gehen“ geben außerdem Rätsel darüber auf, ob das nun alles absichtlich selbstironisch oder unfreiwillig peinlich ist. Die, wie ich den Danksagungen entnehme, denn anderweitige Informationen liefert das Booklet wie gesagt nicht, größtenteils von Prodycem produzierten Beats schwanken zwischen fröhlich begleitend und grenzdebil untermalend, stören aber genau so wenig, wie sie begeistern. All das summiert sich zu dem Verdacht, ein Mitfünfziger hätte sich Gedanken darüber gemacht, wie es in seiner Kindheit so abging und genau diese Erfahrungen auf einen Jugendlichen der aktuellen Generation projeziert. Die meisten der 17 Tracks wirken so alles andere als glaubwürdig und schlittern in ihrer Aussage wohl meilenweit an der vermutlich angepeilten Zielgruppe der 10- bis 15-Jährigen vorbei.

Trotzdem hat "Tanz Den Gameboi“ auch seine hellen Momente.  So zeichnet zum Beispiel "Ich Will“ ein absolut authentisches Bild eines jammernden Kindes, dass dem ein oder anderen Elternteil ein wissendes Schmunzeln ins Gesicht zaubern könnte und zumindest von der Idee her amüsiert "Meine Lehrerin“ mit jugendlich-unausgegorenen, erotischen Fantasien über den Lieblings-Lehrkörper. Am Interessantesten bleibt aber die Video-Auskopplung "Siehst Du“, bei dem niemand Geringeres als Eko Fresh dem Nachwuchsrapper zur Seite steht. Der hat sich den German Dream Chef offensichtlich als raptechnisches Vorbild auserkoren und auch Eko selbst scheint sich in dem halb so alten Jungen wiederzufinden. Schon im gemeinsamen Clip schien der gebürtige Mönchengladbacher in die Rolle seines ehemaligen Mentors Savas zu schlüpfen, der dem jungen Ekrem, in diesem Fall Gameboi, von den Gefahren und Tücken des Games erzählt. "Siehst Du“ wirkt mit Zeilen wie "Siehst du, was Rappen aus dir macht? Gebe besser auf dich Acht.“ und "Guck, ich hab schon einiges durchgemacht, Steiniges durchgemacht, weine mich durch die Nacht“ wie eine etwas verbitterte, aber nichtsdestotrotz ehrliche Retrospektive der eigenen Karriere.

So viele Parallelen man auch zwischen Gameboi und seinem Vorbild ziehen mag, dem 13-jährigen Kölner fehlt etwas ganz Entscheidendes, was ihn vom zu Beginn seiner Karriere ebenfalls sehr jungen Eko unterscheidet: Eine eigene künstlerische Identität. Dieses harm- und aussagelose, ja geradezu schmerzhaft belanglose Album brauchen weder aufmüpfige Schulkinder, noch am Nachwuchs interessierte Rapfans. Das ist schade für den durchaus talentierten Künstler, der raptechnisch auf Albumlänge eine absolut solide Leistung zeigt. Den Grundstein für einen kometenhaften Aufstieg in den Hip Hop Himmel wird aber zumindest "Tanz Den Gameboi“ nicht legen.
 

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