JAW & Hollywood Hank – Menschenfeind

Diese Kritik tippe ich bei einem Gläschen Weißwein in Raumtemperatur. Kurz überlegte ich, den folgenden Text mit einer von Wikipedia kopierten Definition des Begriffs "Menschenhass also known as Misanthropie“ zu beginnen. Irgendwie scheinen genau solche Einleitungen in letzter Zeit aber wahnsinnig en vogue zu sein und ich würde mich damit sehr abgeschmackt und Billo-Journalistenmäßig fühlen. Deshalb: Hollywood Hank und JAW haben ihr lang erwartetes Kollaboprojekt "Menschenfeind“ raus gebracht und wer wissen möchte, was genau das zu bedeuten hat und welche literarischen Verweise hierzu existent sind, der schlage es bitte selbst nach. Zwar herrscht draußen strahlend blauer Himmel und trotz mittelprächtigen Temperaturen eitel Sonnenschein mit zwitschernden Vögelchen vor, das ist aber definitiv kein Grund, gute Laune zu haben und tanzend und singend durch Parks zu flanieren. Auch im Sommer sollte es ausreichend Raum für Düsternis, Abscheu und Hass auf "Frauen. Männer. Geburten. Das Leben an sich. Den Tod.“ sowie die Erkenntnis geben, "dass es Dinge in diesem Leben gibt, die einem das Leben zu einem lebenswürdigen Leben machen“.

Als Faktoren eines lebensUNwürdigen Lebens wären zu nennen unheilbare Krankheiten, das plötzliche und tragische Ableben der gesamten Familie sowie extreme Armut. Ich weiß nicht, ob es all das in Freiburg, auch bekannt als die "Toskana Deutschlands“, und Zittau zuhauf gibt, aber irgendetwas muss den Herren Jotta und Hank zugestoßen sein. Vielleicht ist das hier vorliegende Konzeptalbum auch einfach nur einer außergewöhnlichen Faszination für den gleichnamigen Film von Gaspar Noé entsprungen, der bewies, wie unterhaltsam, aber auch aufwühlend und schockierend Abgrenzung von der Gesellschaft erzählt werden kann. Was auch immer der Grund sein mag: DANKE! Seit gut fünf Tagen höre ich die LP/EP/das Album (?) rauf und runter und habe immer noch nichts gefunden, was ich richtig schlechte finde. Das ist bei mir durchaus eine Leistung. Zwar klingen die beiden Hauptakteure inhaltlich wie stimmlich sehr ähnlich und bilden somit eine Art Sonny Black und Frank White Kombo nur in komplett anders, das stört zumindest mich aber überhaupt nicht. In Anbetracht der Tatsache, dass der Großteil der Beats von JottAhWeh selbst produziert ist und der Tonträger zusätzlich auch noch über sein Label Weisse Scheisse erscheint, kann man "Menschenfeind“ durchaus als ambitioniertes und größtenteils selbst gestemmtes Projekt bezeichnen.

Sowohl JAW als auch der frenetisch gefeierte "Soziopath“ Hollywood Hank gehören einer neuen Generation von Rappern an, die via Internet-Battle-Plattform RBA ihre Fähigkeiten geschult und sich eine solide "Ich scheiße auf euch alle und wenn ich Lust habe, spreche ich auf Albumlänge nur über meinen Penis oder darüber, wie ich schwangere Frauen ausweide“-Antihaltung antrainiert haben. Inhaltlich bewegen sich die Protagonisten dabei von nachdenklich bis eklig ("Wie du irritiert feststellst, schmeckt der Schwanz deines Papas nach Blut. Jetzt weißt du, dass deine Schwester die Tage hat. Und die verdaute Wichse hält deine Mutter für Toffifee und serviert sie deinem Vater als Dessert zur neuen Kochidee.“ – "Hardcore“), raptechnisch gesehen müssen sich beide Künstler innerhalb Deutschlands vor wirklich niemandem verstecken. Frisch, rotzig und unterhaltsam werden über selbst produzierte oder von den Beatgees, Vizirbeats, Freezing Beats und Adolph Gandi stammende Produktionen drogenschwangere Allmachtsphantasien und abartige Sadismen entworfen, Unterstützung unterhalten die beiden Freizeit-Misanthropen hierbei von Private Paul formerly known as Kash, Rahzkronenprinz, Adolph Gandi, Favorite und den Berlinern Plasti und Mach One.

Trotz kurz gehaltener Spieldauer muss man allerdings sagen – spätestens nach dem dritten Track stellt sich ganz entschieden die Frage nach dem "Warum“. bezüglich des Albumtitels . Macht es einen zum "Menschenfeind“, auf Konventionen und guten Ton zu scheißen, und einfach das in Raps zu verpacken, was man sich sonst nach dem fünften Bier als ekligen Witz erzählt? Zwar wird wie auf "Kranke Welt“ durchaus versucht, der vermeintlichen Sozialkritik eine gewisse Tiefe zu verleihen, insbesondere auf vergangenen JAW-Releases gelang dies aber schon weitaus besser. Dementsprechend bieten einem Hollywood Hank und Dokta Jotta zwar Unterhaltung auf raptechnisch hohem Niveau, am filmischen Werk Gaspar Noés wird hier aber nicht einmal ansatzweise gekratzt. Vielleicht wollten das die beiden aber auch gar nicht.

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