Montana Max – Maximilian

Wenn ein Künstler sein Album nach sich selbst benennt, so ist es in den wenigsten Fällen sein Erstlingswerk. Viel mehr handelt es sich um ein Erzeugniss der mittleren Schaffensphase, gerne auch auf dem Zenit des Erfolgs, mit dem den Hörern mitgeteilt werden soll, wie man denn nun wirklich ist. Also richtig wirklich, der Mensch hinter der haushohen Plakatwand und dem gebleachten Lächeln. So hat das Britney Spears gemacht und so macht das auch Montana Max mit seiner aktuellen CD "Maximilian". Kommen wir ihm in der Selbstoffenbarung also mal entgegen und entwerfen ein Persönlichkeitsprofil des jungen Mannes – rein anhand des vorliegenden Tonträgers. Los gehts.

Präsentiert sich der Bremer auf dem Cover szenebedingt großspurig vor der rasenden Straßenkulisse einer nächtlichen Stadt in heldenhafter Fluglotsenpose, bietet sich auf der Rückseite des Booklets ein vollkommen anderes Bild. Nahezu verschüchtert hockt er neben einem Hund, der verdächtig nach Yorkshire-Terrier aussieht und sofort ist klar: Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Musiker-Persönlichkeiten zu tun. Im Allgemeinen scheint mir der Trend zur gepflegten Schizophrenie zu gehen, wird hier etwa eine gesundheitlich bedenkliche Persönlichkeitsabspaltung durch einen dadurch erzwungenen künstlerischen Pseudo-Facettenreichtum legitimiert? Keine Ahnung, ist eigentlich auch total egal. Musikalisch hat man es in jedem Fall erst einmal mit der soften Seite des blonden Jünglings zu tun, der eigentlich genau der Typ ist, den man gerne seinen Eltern vorstellt. "Mama, Papa, das ist Maximilian. Er macht in seiner Freizeit Rap-Musik und wir gehen seit drei Monaten miteinander."

Nach einem sympathischen Intro, in dem uns der Herr aus dem hohen Norden zeigt, dass er seinen Namen auch Doubletime buchstabieren kann, erklingt dann direkt der Track, den ich schon beim Klang des Albumtitels erwartet hatte. "Typisch Ich" kommt mit einem Beat, den man als gewöhnungsbedürftig bezeichnen könnte, mich persönlich aber nervt, und bildet genau deshalb trotz durchaus unterhaltsamer Lines a la "Hier kommt die neue deutsche A-Prominenz / Du brauchst nicht länger so zu tun, als ob du mich nicht auf der Straße erkennst" eins der wenigen Lieder dieser Platte, das ich nicht zwingend mehrmals hören muss. Ein bisschen hat man nämlich das Gefühl, der Produzent 7Inch wolle seinen rappenden Kollegen mit möglichst vielen dramatischen Soundeffekten erschlagen. Weil sich im eben beschriebenen Lied allerdings noch nicht so wirklich herauskristallisieren konnte, WIE GENAU sich die Persönlichkeit des Herrn Mönster denn nun darstellt und WAS in zu dem gemacht hat, was er nun ist, heißt der nächste Track… Ja richtig, "Maximilian" und wenn man ähnliches in seiner Kindheit erlebt hat oder sich im allgemeinen gerne von dramatischen Schicksalen berühren lässt, dann ist das genau euer Lied. Die lediglich aus einem geflüsterten Namen bestehende Hook über einem "Frau summt traurig"-Beat ist trotz wahnsinniger Ausgelutschtheit des letzteren Elements atmosphärisch und dem Inhalt angemessen.

Bisher hat sich der erste Eindruck also durchaus bestätigt. Blond, brav, ein bisschen charismatisch, ein bisschen lustig, trinkt vielleicht mal was, würde dann aber niemals Auto fahren… Falsch! Denn in "Bassgitarre" mit Favorite werden urplötzlich andere Saiten aufgezogen. Beim Selfmade Records-Söldner überraschen einen Aussagen wie "Wir haben deinen Hund mit eurem Hamster gepaart!" zwar keinesfalls und auch die zunehmend fahrig wirkende Vortragsweise des Nordrhein-Westfalen lässt sich höchstwahrscheinlich einem, nicht nur auf Platte stattfindenden, Konsum von illegalen Rauschsubstanzen zuschreiben, aber bei Montana Max? Die folgenden Songs bringen dann Gewissheit: Nee, der hat nur mal bei seinem Kollabo-Kumpel Zeug probiert und das nicht vertragen. Jetzt wird nämlich wieder brav über die eigene Stadt ("Diese Stadt", gähn) oder eine verflossene Liebesbeziehung ("Schwarz-Weiss") gerappt, wobei der 24-Jährige ebendiese Thematik in "Schwarze Wolke" auf "Einzelkind" vielleicht auch aufgrung des grandios-emotionalen Samples irgendwie anrührender verpackte.

Im Allgemeinen sind die starken Momente auf "Maximilian" die, in denen der Akteur eine wirkliche Geschichte zu erzählen hat, egal ob das bis auf den Refrain großartige "Briefwechsel" mit Shiml oder das melancholische "Ein Moment", bei dem nur der etwas nervtötende Gesang von Vasee stört. Das kann er, da kommt das textliche und raptechnische Können zum Ausdruck und die Rolle des Musikers mit dem Blick für die feinen Zwischentöne nimmt man ihm auch ab. Auch das Bild des lustigen bis sympathisch-behinderten Sprüche-Reißers ist etwas, das ihm gut zu Gesicht steht. Wenn mir jemand einfach einen Spruch hinknallt, in dem es heißt, dass er "keinen Bock mehr auf kleine Brüste" hat ("Kein Bock"), nur um sich im Anschluss über Gott und die Welt aufzuregen, dann ist das witzig und dann passt das auch. Ganz im Gegenteil zur Rolle des Jungen, dessen Muskeln durch Straßenkämpfe in den dunklen Ecken Bremens gestählt wurden und der dir auch mal auf die Fresse haut. Einfach so. Richtig schrecklich gerät das Ganze bei "Hansestadt Veteranen" mit Saad. Obwohl mich hier zumindest der zwar sehr orchestral-theatralische aber nicht überladen wirkende Beat von Alper sofort anspricht, bleibt der gesamte Track einfach unerträglich. Was ist seit "Carlo Cokxxx Nutten 2" und "Das Leben Ist Saad" eigentlich mit dem Ersguterjunge-Angestellten passiert? Darf er sich nur noch von Testosteron ernähren? Synchronisiert er, weil es mit der Musik nicht mehr so läuft, Monster in schlechten asiatischen Trickfilmen, oder warum muss er so gekünstelt tief vor sich hingrummeln? Über eine diesbezügliche Aufklärung würde ich mich sehr freuen.

Abschließend muss definitiv noch der sehr relaxte Bonus-Song "Nacht" sowie das Casper-Feature "Erfolg" erwähnt werden, in denen die Storytelling-Qualitäten des blonden Norddeutschen noch einmal voll zum Tragen kommen und die somit waschechte Anspieltipps sind. Was kann man zu diesem Album sonst noch sagen? Es ist trotz wenig begeisternden Beats ein gutes und in sich auch rundes Werk. Stellenweise blitzen wirkliche Ambitionen in Richtung Hip Hop High Society auf, angekommen ist der zweifelsohne talentierte Rapper da aber noch nicht. Er ist eben einer dieser Jungen, die man seinen Eltern vorstellt. Alles läuft gut, sie sind begeistert, finden ihn nett und vielleicht geht auch die Beziehung einige Jahre lang gut. Allerdings irgendwann wird man zerknirscht vor der heimischen Haustür stehen und zugeben müssen, dass man ihn betrogen hat. Mit einem tättowierten, rauchenden und trinkenden Lebemann, der sich prügelt, der schreit, wenn ihm etwas nicht passt, und mit dem man eventuell auch gar nicht so glücklich ist. ABER man erinnert sich auch noch Jahre später an jedes Detail dieser Liaison. Um das auf die Musik zu übertragen: "Maximilian" ist absolut zufriedenstellend und hörbar, nur wer erinnert sich noch in fünf, zehn Jahren an dieses Album? Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem der Künstler noch arbeiten sollte.

 

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