Prinz Pi – Neopunk

Ich habe ein Dejavue. Schon letzte Woche hatte ich an selber Stelle eine in Schwarz und Neongrün gehaltene Rap-CD mit unüberhörbaren Elektro-Anklängen auf meinem Schreibtisch. Letzte Woche hieß der Künstler Marsimoto und es ging unter anderem um ausgesetzte Hunde, dieses Mal heißt der Künstler Prinz Pi und ein nicht unerheblicher Teil der Tracks dreht sich um Affen. Natürlich nicht um den Affen als Tier, sondern als Sinnbild für Ausrasten, unbeherrscht sein und vielleicht auch dafür, einfach mal zu schreien. Genau so lässt sich übrigens auch das hier vorliegende Werk "Neopunk“ zusammenfassen. Prinz Pi hat sich musikalisch wie Image-mäßig neu erfunden und um das Fazit schon einmal vorweg zu nehmen: es gefällt.

Schon das Intro "Super Seiajin“ mit Unterstützung von DJ Craft gibt die Richtung des Albums vor. Treibende, mal mehr, mal weniger experimentelle Beats, welche übrigens, bis auf partielle Unterstützung der Royals und vom Prinzen selbst, Biztram produziert hat, und zwischen Größenwahn und schwankend tief schürfender Sozialkritik angesiedelte Texte, die nichtsdestotrotz eins klarmachen: das "Donnerwetter" soll mit "Neopunk" entgültig aus dem Keller auf die Bühne gebracht werden.

Der Großteil der Hooks ist durch das betont simple und Parolen-artige geradezu dazu prädestiniert, von frenetischem Publikum mitgebrüllt zu werden. Zwar verfolgt Pi nach Eigenaussage einen politischen Auftrag, textlich drängt sich einem jedoch der Eindruck auf, dass die eher weichgespült linksradiale Punk-Attitüde einfach gut zu schwitzenden, schreienden und pogenden Massen passt. Das mag man als Kritikpunkt sehen, schlußendlich geht es aber immer noch darum, wie das Ganze musikalisch gelöst wird, und zumindest in diesem Bereich kann man Biztram und dem Artist formerly known as Prinz Porno kaum Vorwürfe machen.

Egal ob das direkt nach dem ersten Hören zum Ohrwurm mutierende "Gib Dem Affen Zucker", die quasi auf Platte gebrachte Live-Publikumsanimation "Spring" oder das großartige "Wir Bleiben Immer Anti", welches zumindest in meinen Augen zu einem absoluten Highlight von "Neopunk" zu zählen ist – das ist einfach Musik zum Herumspringen und Durchdrehen. Im lärmberuhigten Umfeld der Redaktionsräume mutiert dieses Bedürfnis leider zu einem engagierten Mitwippen. Egal.

Trotz vornehmlicher Party- und Abgeh-Thematik werden auf der LP jedoch auch andere Töne angeschlagen. "Bevor Ich Aufschlage" könnte auf der Heimfahrt von einer Party in der U-Bahn entstanden sein, wenn man mit leerem Blick aus den Fenstern ins Nichts starrt und sich restalkoholisiert an die eigene Vergangenheit erinnert oder wenig hoffnungsfroh der Zukunft entgegenblickt. In "2030" befindet sich der Hörer dann in ebendieser Zukunft, in der Pi seinen Kindern von der eigenen Jugend erzählt. Dies allerdings ohne sich abgedroschener Phrasen zu bedienen, was den Track ebenfalls zu einem absoluten Anspieltipp macht. "8 Bit Untergrund" bildet schließlich zumindest im Refrain eine Hommage an alte Westberlin Maskulin Zeiten, die sich zuletzt ja recht häufig der zweifelhaften Ehre des Zitiertwerdens erfreuen durften.

Wenig anfreunden kann ich mich allerdings mit "Aschenbecher". Nachdenkliche Lines, fünfeinhalb Minuten lang schleppend vorgetragen, wirken wie eine musikalische Straßensperre, die urplötzlich im flüssig laufenden Feierabendverkehr auftaucht. Auch "Mein Blut", ein von der Idee her durchaus amüsant anmutendes Eifersuchtsszenario, verführt zumindest mich nicht zum erneuten Hören. Vielleicht kann ich mich aber auch einfach nicht mit Binas Stimme anfreunden. Wer die Premium Edition von "Neopunk" käuflich erworben hat, bekommt genau vier Tracks mehr als die Besitzer der normalen Version und ja, es lohnt sich wirklich. Sowohl das doch etwas überraschende Frauenarzt-Feature auf "Wir Werden Nie Erwachsen" oder "Sieben Sünden" mit einem absolut psychopathisch klingenden Basstard machen Spaß und bleiben definitiv im Ohr.

"Neopunk" ist ein gutes Album. Schmeckt vielleicht nicht jedem, kann aber begeistern. Zu einem ähnlichen Fazit brachte mich auch das aktuelle Werk des bereits eingangs erwähnten Green Berliners Marsimoto. Schwarz und Neongrün sind anscheinend die Farben des Musik-Herbstes.

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