Colos – Leben Im Exil

Was war das für ein Start für Colos. Im Vorfeld des 1. Mai gab es Gewaltdrohungen gegen den Berliner Rapper der VS-Mafia, der mit seiner positiven Einstellung gegenüber Deutschland anscheinend ins Fadenkreuz der Antifa geriet. Sein Auftritt zum Tag der Arbeit in Kreuzberg sollte massiv gestört werden, da er "deutschfreundliches" Gedankengut vertritt. Das klingt unglaublich, hat sich aber tatsächlich so zugetragen. Anders als viele seiner Kollegen setzt er sich für ein gesundes Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern ein. Überhaupt scheint der Kosovo-Albaner so gar nicht ins Raster aktueller Rapartists aus der Hauptstadt zu passen. Das behauptet jedenfalls die Pressemitteilung, die mit seinem Debüt „Leben Im Exil“, „das ehrlichste und beste Album, welches Berlin in Sachen Untergrund derzeit zu bieten hat“, ankündigt. Das klingt vielversprechend aber auch reichlich hochgestochen. Grund genug, das Album genauer unter die Lupe zu nehmen.

Entgegen aller Befürchtungen, hier werde wieder einmal ein talentloser Rapper künstlich gepusht, kann „Leben Im Exil“ schon beim ersten Skippen überraschend stark untermauern, dass man es hier tatsächlich mit etwas Besonderem zu tun hat. Und damit geht man unverzüglich vom Skippen zum Genießen auf ganzer Länge über. Während es derzeit Berliner Mode zu sein scheint, die Fahne des jeweiligen Ghettos und der eigenen kriminellen Karriere stolz hochzuhalten, überrascht Colos mit dem genauen Gegenteil. Anstatt sich selbst in den Himmel zu loben, rappt er über „Identität“, „Freude Und Leid“  oder „Angst Vor Der Zukunft“ und droppt Zeilen wie: „Das Erwachsenwerden ist für jeden eine Last, das Leben bietet mehr als nur ein paar Jahre Knast“. Seine Botschaft richtet sich damit an junge Ausländer genauso wie an Jugendliche im Allgemeinen. Colos erhebt tatsächlich äußerst aufrichtig und glaubhaft seine Stimme gegen Krieg,  Kriminalität und Ausländerfeindlichkeit, allerdings ohne dabei klapprige Feindbilder aufzubauen. Vielmehr will er für Verständnis zwischen den Menschen sorgen, indem er sich ausgiebig mit Identitätskrisen auseinandersetzt, um im nächsten Moment seinen Hörern positive Energie und Hoffnung zu vermitteln, wie es in dem Maße in der deutschen Szene bisher noch nicht stattgefunden hat. Das bedeutet jedoch nicht im Geringsten, dass wir es hier mit einem Rosa-Brille-Rapper zu tun haben, wie auch Colos selbst betont. „Leben Im Exil“ ist ein Bericht über den „Werdegang“ eines Mannes, der die richtigen Schlüsse aus falschen Entscheidungen gezogen hat und diese leidenschaftlich und engagiert an andere weitergibt. Und auch vor einem Liebeslied („Hey You“) schreckt der VS-Mafia Rapper nicht zurück und meistert selbst das problemlos, ohne kitschig zu wirken.
Den musikalisch passenden Rahmen zum Album haben Sofly Beats und Crew-Kollege Woroc gezimmert und für Intro, Skit und Outro konnte kein Geringerer als Afrika Bambaataa gewonnen werden. Texliche Unterstützung kommt außerdem von Cona, Dissput, Kamila,  Deso Dogg und wiederum Woroc. Für ein deutsches Newcomeralbum ist „Leben Im Exil“ erstaunlich rund und komplett ausgefallen. Von Track 1 bis 18 entsteht ein roter Faden mit dem angemessenen Maß an Abwechslung, was für Beats und Raps gleichermaßen gilt.

Colos bricht endgültig mit dem Klischee des unverwundbaren Straßenjungen und setzt damit fort, was Deso Dogg schon Anfang des Jahres mit "Schwarzer Engel" in Ansätzen begann. Er spricht (eigene) Schwächen, Verwunbarkeit, Sehnsucht und  Probleme offen an und glorifiziert keine negativen Einstellungen, wie es derzeit gang und gäbe ist. Was im Rap hierzulande bisher Tabu war, nämlich von der traurigen Wahrheit über das Leben auf der Straße zu erzählen, wird endlich ein ganz normales Thema. Ausnahmsweise werden auch nicht Geld und Frauen, sondern vielmehr Familie und ein friedliches Leben als ehrbare Ziele ausgegeben. Technische Schwächen treten durch diese wichtige Message vorerst in den Hintergrund. Damit haben nicht nur Colos’ Fans, sondern auch die kränkelnde deutsche Rapszene allen Grund zur Hoffnung, denn "Leben Im Exil" ist ein wirklich ehrliches, erwachsenes Album, so abgedroschen das auch klingen mag.

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