Bioware / 2k – Jade Empire Special Edition

Was lange währt, wird endlich gut. Diesem ausgelutschten Spruch aus dem Glückskeks kann man im Falle eines Jade Empire nur Folge leisten. Zumal das Szenario aus dem Land der Glückskekse entnommen ist. Eigentlich ist es ja kein neues Spiel, schließlich kam die Originalversion des Action-Rollenspiels auf der Xbox bereits im Oktober 2005 heraus. 1,5 Jahre später erscheint Jade Empire nun in einer Special Edition auf dem PC. Dies löst bei PC-Spielern Besorgnis aus, ist eine Konsolenumsetzung meist nur ein liebloser Angleich mit veralteter Grafik und miserabler Steuerung. Doch man kann an dieser Stelle Entwarnung geben: Jade Empire Special Edition ist gut gelungen. Was so alles im Land der Drachen, Dämonen, Geister und Glückskekse abgeht, werdet ihr auf der folgenden Reise ins Jadereich erleben.

Schon wenn man die Verpackung des Spiels in den Händen hält, kann man erkennen, dass Bioware und 2k sich Gedanken gemacht haben. So wird Jade Empire in einer stabilen Steelbook-Verpackung ausgeliefert. Diese ist verschönert mit hübschen Artworks aus dem Spiel (sogar innenseitig) und einem geprägtem Logo. Die Verpackung macht auf dem Schreibtisch und im Regal richtig was her. Weitere Extras wie ein Artwork-Heft und ein einem Kinoplakat angehauchtem Spieleposter werten den Lieferumfang enorm auf. So kontert man die lieblosen Raubkopien! Täuschen lassen sollte man sich nicht vom Titel: Die „Special Edition“ ist eigentlich die normale PC-Version, sie verdeutlicht nur den Unterschied zur Xbox-Version. Aber nicht nur im Regal benötigt man einen Sonderplatz für Jade Empire: Das Spiel besetzt über 7 GB Speicher auf der Festplatte. Dafür ist das Spiel recht anspruchslos: Auf einem normalen Spiele-PC läuft das Spiel ohne Probleme, die Anforderungen auf der Verpackung sind sehr realitätsnah.

Intro und Hauptmenü sind schön gestaltet. Hier kann man in den Optionen Veränderungen an Grafik, Sound und Gameplay vornehmen, Minispiele spielen (man kann so einige freispielen), Spielstände laden oder ein neues Abenteuer in mehreren Schwierigkeitsgraden (ein neuer im Vergleich zur Xbox-Version) beginnen. Hier kann man sich dann auch einen passenden Charakter aussuchen. Mehrere männliche und weibliche Helden stehen zur Auswahl. Wenn man möchte, kann man auch ihren ersten Kampfstil (schneller, ausgewogener oder starker), Namen und Startwerte ändern – oder einfach so lassen. Bereits hier bemerkt man ein für Rollenspielfans nicht ganz so schönes Detail des Spieles: Der Charakteraufbau ist relativ simpel inszeniert. So gibt es lediglich drei Charakterwerte – Körper verbessert die Ausdauer, Geist den Fokus (für eine Art Bullet-Time sowie dem Benutzen von Waffenstilen) und Seele das Chi (Energie, mit der man Magiestile, Chi-Attacken, Selbstheilung und Verwandlungen benutzen kann). Außerdem bilden sich jeweils aus zwei der drei Werte gesprächsverändernde Faktoren. So sorgen Körper und Geist zum Beispiel für die Fertigkeit zum Schmeicheln. Bei einem Levelaufstieg erhält man Punkte für die Charakterwerte und für die Kampfstile, mit denen man ausdauernder, schneller oder stärker wird.

Doch erst mal etwas zur Story. Jade Empire spielt sich in einer Anlehnung des alten China ab. Es gibt die Mauer, die Kaiserstadt und die ganze Architektur erinnert daran. Man selber startet mit seinem Charakter in „Zwei Ströme“, einem lauschigen Fleckchen Erde fernab jeglicher Stadt. Als Waise ist man in der hiesigen Kampfschule aufgewachsen und zum besten Schüler herangereift. Alles scheint toll – doch da bahnt sich Furchtbares an. Der Meister des Spielers, Li, erzählt von der wahren Bestimmung und vielen vielen Geheimnissen. Tatsächlich wird man nach einem sehr kurzen Kampftutorial, einer Charaktereinführung der ansässigen Bevölkerung und dem Erkunden des Dörfchens schon mit den ersten Ärgernissen konfrontiert: Piraten treiben ihr Unwesen in der Stadt und löschen alles aus, was sich ihnen in den Weg stellt. Wenige Kämpfe später steht man auch schon vor dem Anführer des Überfalls. Der Kampf ist hart und mehrere Wellen an Gegnern (darunter Geister, welche SEHR häufig im Spiel auftauchen) müssen besiegt werden. Im richtigen Moment bekommt man Gott sei Dank Hilfe von Meister Li. Doch hinter diesem Überfall steckte mehr als bloßer Diebstahl und man wird in die tieferen Geheimnisse des Charakters eingeführt. Nach einer Entführung und der Befreiung des Teammitgliedes „Morgenstern“ (welche Geister besser wahrnehmen kann als normale Menschen) wird der Spieler Zeuge eines grausamen Schauspiels (inklusive noch einer Entführung – diesmal Meister Li). Daraufhin macht sich der Spieler auf die Suche nach seinem oder ihrem Meister.

Auf dem Weg erkundet man verschiedenste Regionen und lernt noch viel verschiedenere Wesen kennen. Hier spielt Jade Empire seine Vorzüge richtig aus. Die Atmosphäre ist in jedem Gebiet einfach super. Ob Wälder, Moraste, Städte oder Himmelsreiche – man fühlt sich, als wäre man mittendrin. Und hier merkt man auch, dass dieses Spiel von den Machern von „Star Wars: Knights of the old Republic“, kurz „KotoR“ ist. Der grafische Stil ist zwar anders, aber im System sehen sie doch recht ähnlich aus. Auch wenn Jade Empire, wohl auch aufgrund des zeitlichen Unterschieds, wesentlich bessere Effekte besitzt. Allerdings hat KotoR einen großen Vorteil: Die Areale waren wesentlich großflächiger angelegt. Bei Jade Empire läuft man meist auf sturen Pfaden entlang. Doch dies ist nur manchmal störend, meistens bewundert man eh die schöne Umgebung.

Einen weiteres Mal bemerkt man, dass Jade Empire auf KotoR basiert, wenn man Gespräche führt. Aber das ist keineswegs schlecht. Die Gesprächsfreiheit ist ein großes Plus an Jade Empire. So kann man nett oder genervt, skrupellos oder verachtend mit dem Gegenüber reden. Dies kann manchmal Situationen grundlegend verändern und zu Kämpfen führen oder diese verhindern. Durch Schmeicheleien, Drohungen oder intuitive Antworten kann man zusätzliche Informationen erhalten – wenn man Erfolg hat. Hierbei sei erwähnt: Der Textumfang von Gesprächen ist RIESIG. Fünfminütige normale Gespräche sind keine Seltenheit. Einen sehr großen Teil des Spieles verbringt man mit Gesprächen. Je nach Verhalten kann man, ähnlich wie die Machtgesinnung in KotoR, den Weg der offenen Hand (Harmonie) oder den der geschlossenen Faust (Chaos) wählen. Dadurch ändern sich die erhältlichen Stile, Juwelen und Nebenaufgaben. In einer Mission beispielsweise kann man wählen, ob man eine himmlische Fuchsgottheit oder ihren Nemesis, einen Menschen manipulierenden Dämonen, tötet. Man hat also einen gewissen Anreiz, das Spiel ein zweites Mal auf einem anderen Weg zu beschreiten. Bei den Gesprächen wirken die Gesprächspartner stets authentisch. Die deutsche Lokalisation ist zwar nicht perfekt, aber durchaus vorzeigbar. Dazu sollte man erwähnen, dass das Spiel wohl auch durch die Dialoge eine USK 16-Einstufung erhalten hat, man sollte also nicht mit allzu laschen Wortwechseln rechnen.

Und auch sonst hat man, trotz der eingeschränkten lokalen Möglichkeiten, doch viel Handlungsfreiraum. Man kann schon mal eine Stunde oder mehr mit dem Erkunden einer Stadt verbringen oder meist auch eine Fülle an Nebenaufgaben nachgehen, bevor man sich der Hauptstory widmet. In der Kaiserstadt zum Beispiel kann man in der Arena kämpfen, eine Kampfsportschule völlig auf den Kopf stellen (positiv sowie negativ) und auf dem hiesigen Friedhof, deren Verstorbene nicht verstorben bleiben wollen, für Ruhe und Ordnung sorgen.

Und die Art zu handeln hängt auch von den Gesprächen ab. Gewisse Konflikte lassen sich allerdings nicht vermeiden und so geht das Spiel nahtlos in den Kampfmodus über. Dabei visiert man automatisch einen der Feinde an, mit TAB kann man die Ziele wechseln. Hierbei unterscheidet sich Jade Empire im Vergleich zu KotoR, die Kämpfe sind schnell und dynamisch, allerdings weniger strategisch. Wobei gewisse Taktiken verstanden werden müssen. So verfügt man über eine leichte Attacke, die auch als Combo verfügbar ist, über eine einzelne starke Attacke sowie einem Rundumschlag. Außerdem kann man gegnerische Angriffe blocken. Alle Möglichkeiten sind einem Schere-Stein-Papier-System zugeordnet: So unterbricht ein schneller Angriff oder ein Rundumschlag eine langsame Attacke, welche aber die Deckung durchbricht, die wiederum schnelle Schläge verpuffen lässt. Dazu kommt eine Fülle von Kampfstilen, die sich in Kraft, Schnelligkeit und Kampfstilklasse unterscheiden. Meistens wird man mit waffenlosen Stilen kämpfen, aber man kann auch Waffenstile einsetzen, welche dann bei Benutzung Fokus kosten. Gefundene oder gekaufte Waffen verbessern erlernte Waffenstile. Dann gibt es Unterstützungsstile, die zusätzliche Effekte wie Lähmung oder Vergiftung erzeugen, selber aber kaum Schaden machen. Magiekampfstile können den Gegner von der Ferne angreifen, benötigen aber viel Chi zum Benutzen. Noch mehr brauchen die Verwandlungsstile, bei denen man sich zum Beispiel in einen Kröten- oder Pferdedämon verwandelt. In dieser Form ist man gegen gewissen Schaden immun und teilt verdammt viel Schaden aus. Verschiedene Gegnerarten sind gegen gewisse Kampfstilklassen immun.

Allerdings benötigt man meist eh nur die Standardkampfstile, allerdings ist jeder Stil sehenswert und jeder wird in Versuchung kommen, mal den ein oder anderen in den Kampf einzubauen. Ein kleiner Nachteil: Man hat zwar Teamkameraden, ist allerdings immer nur zu zweit unterwegs. Die Kameraden können entweder mitkämpfen oder den Spieler stärken. Allerdings wurde der Charakteraufbau gänzlich weggelassen.

Die Grafik kann sich trotz der 1,5 Jahre alten Urversion noch sehen lassen. Bioware und 2k haben glücklicherweise noch ein wenig an den Effekten geschraubt, um das Alter und den Konsolenursprung zu vertuschen. Mit Erfolg, die Landschaften sehen fantastisch aus (vor allem die Himmelsregionen sehen toll aus) und die Charaktere wirken relativ glaubwürdig, beim Kämpfen und beim Sprechen. Auch der Sound ist gelungen. Der asiatische Flair kommt sehr gut rüber und Dungeons haben eine gruselige und bedrohliche Atmosphäre.

Zwischendurch kann man auch diverse Minispiele spielen. So fliegt man in einem Vertikalshooter mit einem Fluggerät durch die Lüfte und erledigt Piraten, die sich einem in den Weg stellen. Sieht ganz nett aus, ist aber eher was für zwischendurch.


Jade Empire
ist wohl ein Spiel, welches man liebt oder bei welchem man früher oder später einschlafen wird. Das kommt dabei ganz auf den Spieler an. Leute, die Action suchen, werden hier nur bedingt fündig. Das liegt an den vielen Gesprächen, die man zu führen hat – und möchte man von diesem Spiel einigermaßen etwas mitbekommen, führt kein Weg daran vorbei. Dies ist aber auch das große Plus, welches vor allem Rollenspielfreunde freuen wird. Man kann eine Menge erfahren, viele Charaktere kennen lernen und sich in dem asiatischen Flair wohlfühlen. Negativ zu bemängeln ist der simple Charakteraufbau und die starren Räumlichkeiten, in denen man sich bewegt. Positiv dagegen die trotz dieser beschränkten Raumgegebenheiten gefühlte Freiheit, der (Liefer-)Umfang, die Interaktivität in den Gesprächen und die Atmosphäre dank Grafik und Sound. Ich selber bin begeistert von dem Spiel und empfehle euch, es anzutesten. Und wer sich immer noch nicht sicher ist, kann sich ja einen Glückskeks besorgen, der einem die Antwort abnimmt.

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