Skinnys Abrechnung #17: Bodybuilding-Rap

Ein ganzes Album über ein einziges, langweiliges Thema? Ach, das ist doch utopisch! Aber wie der tamilische Traumtorso Majoe kürzlich mithilfe seines „Utopischen Körperbaus“ bewies, ist auch das utopische möglich. Und dass ein solches Album ebenfalls existieren kann, ist auch nichts neues. Klar, es gibt universelle Themen. Der Beischlaf mit Müttern etwa, der wird nie langweilig. Oder Drogen, insbesondere das oft besungene grüne Gold. Und dann gibt es da noch ein ganz aktuelles Phänomen, das sich mir nicht so richtig erschließen will. Es handelt von körperlicher Ertüchtigung, eingeölten Adoniskörpern und dem einzig wahren Hobby, ach was, der einzig wahren Passion: Dem Bodybuilding. Das ist kein tumbes Pumpen. Kein hirnloses gewichte Stemmen – das ist Kunst. Und die dient mal eben als Aufhänger, nein als einziges Thema, für ein komplettes Album. Und ein Jahr später noch eins. Nächstes Jahr dann noch eins. Auf wen diese Aussage bezogen ist, ist traurigerweise auch nicht klar – denn da gibt es einige. Ob jetzt Majoes bald erscheinender Nachfolger von seinem unumstößlichen Klassiker „Breiter als der Türsteher“ gemeint ist, der den originellen Titel „Breiter als zwei Türsteher“ trägt (ernsthaft… Keine Pointe…), oder Sillas Neuling „Vom Alk zum Hulk“ – der Fitnesssport als Zentrum kompletter Alben ist leider keine Seltenheit.

Dabei geht es aber auch nicht um die körperliche Ertüchtigung an sich. Nicht um den sportlichen Aspekt, wie ihn etwa Kontra K in seiner Boxhymne „Kampfgeist“ betont. Es geht einzig und allein ums Aussehen. Darum, wie toll Sillas Sixpack aussieht. Darum, wie breit Majoe ist. Der Sport wird zum ästhetischen Mittel pervertiert. Ich will den jeweiligen Muskelmännern jetzt nicht unterstellen, dass das auch in ihrem Privatleben der Sinn und Zweck der sportlichen Betätigung ist. Sicherlich hilft es Silla als Ventil trocken zu bleiben. Bestimmt hat Majoe gewissermaßen Spaß am Pumpen. Und natürlich geht Massiv nicht nur trainieren, um knackig für die Girls auszusehen. Aber in der textlichen Gestaltung dieser Meisterwerke trainiert das lyrische Ich lediglich um mit seinem gestählten Körper optisch zu begeistern. So degradiert der jeweilige Muskelberg sich zwar selbst zum Objekt, aber das ist ja deren Kanne Bier.

Ein ganzes Album über das eigene Aussehen zu schreiben ist sogar für Rapper-Verhältnisse beeindruckend narzisstisch. Doch keine Sorge, dieser Kreislauf aus Schweiß, Langhanteln und Egozentrismus dreht sich nicht nur um die eigene Achse. Denn das ganze hat einen doppelten Boden. Das Feuer ernährt sich von sich selbst. Rap über Fitness wird zum Selbstzweck. So erzählt Silla nicht nur von seinen Erfahrungen beim Training, nein. Der Mann ist doch kreativ. Und überhaupt: „Ein ganzes Album nur übers Muskeltraining? Das wäre doch gelacht!“ denkt sich der beflissene Bizepsbrudi und zaubert mal eben einen Song über… den „Cheatday“! Für alle Laien, wie ich selbst einer bin, das ist ein Tag an dem der strikte Ernährungsplan, den jeder verantwortungsbewusste Pump… pardon, Athlet, befolgt, ausnahmsweise mal über den Haufen geworfen wird. Dann darf auch ein Silla sich mal „Häagen Dazs und Hot Wings, Käseplatten, Softdrinks“ gönnen, wie eigentlich jeder normale Mensch. Nur das unser entbehrungsfreudiger Hulk den größeren Bizeps hat. Utopisch quasi. Oder dem fiktiven Sohn „Arnold“ wird ein Song gewidmet. Besungener Wunderknabe weist erstaunliche Parallelen mit dem ehemaligen Californischen Gouverneur auf und „immer schon zu Muscle Beach, Gewichte stemmen“ wollte. Songs übers Pumpen also, nur ausnahmsweise mit einer Art thematischen Rahmen und einem kleinen Augenzwinkern.

All das erinnert irgendwie ans Klischee des Vegetariers, der von nichts anderem als seinem eigenen Vegetarismus und seiner moralischen Überlegenheit redet. Doch wer hat diese Lawine eigentlich losgetreten? Wer kam auf die Idee, aus einem derart eindimensionalen Thema ohne jeglichen Mehrwert Songs zu spinnen? Vollständige Alben? Ein ganzes Image darauf aufzubauen? Natürlich der Mann, der die Wie-Vergleiche auf ein neues Level brachte, der die Promophase revolutionierte, der sie Silbenzählerei Salonfähig machte. Kollegah. Überraschung. Mit einem körperbezogenen Boss-Image, konsequentem Training, diversen oben-ohne-Fotos und natürlich entsprechenden Zeilen und Songs brachte der Koloss, was kurz für Kollegah der Boss stehen soll, Muskeln in aller Munde wie Zungen. Auch wenn Kollegah nie ein ganzes Album über Fitness schrieb, mir seiner absurden Begeisterung fürs Bodybuilding und der geradezu mythologischen Inszenierung seines vorgeblichen 44er Bizeps wurde der Umfang des Oberarms plötzlich zum Gesprächsthema Nummer eins auf dem Schulhof. Die Zahl der McFit Abos schoss nach oben (keine Ahnung, aber bestimmt). Nachahmer schossen aus dem Boden. Kollegahs Partner in Crime Farid Bang konnte natürlich ebenfalls einen stattlichen Körperbau sein eigen nennen. So zeigten sich die beiden oberkörperfrei nebeneinander in den Videos zu ihrer „Jung, brutal, gutaussehend“-Reihe und protzten mir ihren glänzenden, durchtrainierten Körpern, während sie Rap-Kollegen als schwul bezeichneten.

So schnell wurde der Körperbau plötzlich zum wichtigsten Attribut eines Heranwachsenden. Ich Lauch mit meinem 10er Bizeps war natürlich ganz vorne mit dabei. Aber ernsthaft, da bringt der uneigenständige deutsche Rap, der eigentlich nur am biten, kopieren und nachahmen ist, endlich mal etwas eigenes zustande und dann ist es das? Diese Geisel der Oberflächlichkeit? So einen lächerlichen Körperkult? Ich meine… Muskelrap? Ernsthaft? Rap über ein langweiliges Hobby? Über ein Thema, das weit schneller erschöpft ist, als andere eindimensionale Aufhänger, etwa Karate Andis Drogen- und Suff Eskapaden? Das nicht mal für mehr als fünf anständige Punchlines ausreicht? Das ist das eigenständigste was Deutschrap zustande bringt? „Breiter als der Türsteher“ und „Audio Anabolika“ sind das, was hier geboren wird und es bis zum Mainstream schafft. Das Problem dabei ist natürlich auch, dass das erst der Anfang war. Kollegah mit seinen paar Lines und Songs – von mir aus! Wenn jemand der Meinung ist, er sei „Boss“ weil er 120 Kilo stemmen kann – bitte. Ist ja auch okay, jeder sucht sich seinen Egopush. Aber muss das wirklich als derart omnipräsentes Thema im Rap behandelt werden? Mann, ich hätte niemals gedacht, dass es so weit kommt, dass ein Beef-Protagonist seinem Rivalen vorschlägt, das ganze mit einem „Körpervergleich“ auszumachen. Wie unfassbar absurd das klingt.

Von mir aus kann Majoe auch breiter als drei Türsteher sein! („BA3T“ droppin‘ 2016) Von mir aus kann er das auch mal am Rande erwähnen. Und Silla darf den Hulk im Armdrücken besiegen – ist ja sein Ding. Aber verschont die Allgemeinheit doch bitte mit Details. Dann werdet gottverdammte Bodybuilder oder Models, die haben ja auch ihre Daseinsberechtigung. Nur Rap mit diesem Firlefanz zu vermengen, das muss doch nicht sein. Zwei Alben hintereinander nur übers Pumpen. Wenn ich mir diesen Satz auf der Zunge zergehen lasse, bin ich fassungslos. So ein hanebüchener Unfug! Das dient nicht als Aufhänger für unterhaltsame Punchlines, oder als Metapher für irgendwas. Das ist eine leere Inhalts-Hülse, um Reime aneinander zu flechten und so Songs und letztendlich einen ganzen Langspieler zu füllen. Die ganzen postpubertären Protze wollen dann unterstreichen wie sehr das Hanteln-Stemmen für sie doch Lifestyle ist und kaufen das. Natürlich auch als Soundtrack zum pumpen. Kollegah selbst sagte mal, dass er immer so ein bisschen trainiert, um vor der Promophase mit hardcore-Training alles abrufen zu können und für Fotos und Videos gut auszusehen. Danach wird diese Zeitverschwendung auch wieder hinten angestellt. Denkt mal drüber nach.

5 KOMMENTARE

  1. Um mal auf den Autor einzugehen,was wirklich selten passiert; Sehr gut geschrieben und das nicht zum ersten mal! Hut ab dafür und Hut ab für die themenwahl, weiter so ;)Hier wurde Kunst mit Kunst aufgegriffen, dass das mal bitte nicht vor lauter Muskelbergen auf Albencovern übersehen wird,die den /die Artikel zieren;) fdzg

  2. Dieser ganze Fitness Schwachsinn, der letztlich eh nur darin mündet, dass man sich zustoffen muss, um die eigene Genetik zu besiegen, hat im Rap nichts zu suchen.

  3. Guter Text, finde ich grundsätzlich oft bei den „Abrechnungen“, was mir jedoch in dieser ein bisschen fehlt, ist der Bezug auf die „Männlichkeit“. All die Fragen nach dem vermeintlichen Grund für die Omnipräsenz dieser Thematik lösten während des Lesens bei mir ständig das Wort „Männlichkeit“ aus. Dass HipHop bzw. Rap sich schon sehr lange aus Wettkampf, Stärke und weiteren vermeintlich männlichen Attributen speist, muss ich vermutlich nicht groß erörtern. Da scheint es nahezu die logische Konsequenz, dass die klassische, hegemoniale Männlichkeit sich nun im Aussehen und körperlicher (nennen wir es mal nicht Überlegenheit) Ästhetik niederschlagen muss, nachdem mittlerweile alle Mütter und Bitches gefickt, alle Gegner rasiert und der Rest sowieso als „schwul“ entlarvt wurde. Bäm! Männlichkeit in seiner reinsten Form. Dass davon die Eier schrumpfen, hat den Kanisterköpfen wohl niemand gesteckt. Schade 😉

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