Review: Sido – Das goldene Album

Die Zeiten, in denen Sido auf der „Wiese vor dem Reichstag“ rumlümmelte oder als „Astronaut“ abhob, sind erstmal vorbei. Auch die grimmige „30-11-80“-Maske verstaubt im Schrank. Eine goldene Maske ziert nun Sidos Gesicht. Passend dazu: „Das goldene Album“.

Bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Was aber ohne Frage 24 Karat aufweist: DJ Desues Produktionen. Das gesamte neue Album stammt aus den Maschinen von Sidos langjährigem Wegbegleiter, teilweise auch von Siggi selbst. Und das Ergebnis kann sich hören lassen. Die durchweg samplelastigen Beats wummern mit Schmackes aus den Boxen und klingen schön dreckig, sind aber bis ins letzte Detail ausgearbeitet und geschmackvoll arrangiert. So entsteht ein einheitliches Soundbild, das an Abwechslung nichts vermissen lässt und zudem hervorragend auf Sidos Stimmlage zugeschnitten ist.

Stellenweise holt Sido auch einiges aus den Beats raus und flowt mit lässigem Timing, etwa auf dem letzten Song, „Siggi Siggi Siggi“ mit „Hypnotize“-Reminiszenz in der Hook. Viele seiner Verses klingen aber ziemlich statisch und langweilig. Auf „Ganz unten“ etwa rappt Sido derart lasch und unmotiviert, dass die etwas ungelenk formulierte Hook kaum noch auffällt:

„Diese Gegend hier ist jenseits von Glanzpunkten / In Alis Apotheke sind wir Stammkunden / Hier hat keiner ’ne Idee, jeder am Pumpen / Der Ort von dem ich rede, der ist ganz unten“

Diese lieblosen, pflichtschuldig absolvierten Reimketten sind das größte Manko auf dem „Goldenen Album“. Technisch ist beispielsweise „Striche zählen“, ein Song über einen Mörder im Knast, ziemlich stark. Jeder der drei Parts basiert auf jeweils nur einer Reimkette. So kommt die Erzählung jedoch kaum zur Geltung. Nicht nur, weil Sido jede Zeile genau gleich und lediglich auf den Reim betont, sondern auch, weil am Ende dabei nichts außer einigen Situationsbeschreibungen rumkommt. „Noch letzte Woche hing er mit den Kumpels ab / Kucken, wie viel Haze in seine Lunge passt / Doch eh er sich versieht, hängt er rum im Knast / Und der Schlüsselmeister schließt seinen Bunker ab“ – War irgendwas? Hook und Bridge von Blut & Kasse sind dagegen nicht verkehrt und passen zur Atmosphäre. Wie bereits hinreichend bekannt hat Sido durchaus ein Händchen für Storyteller, lässt sich hier von seinem technischen Anspruch aber in ein Korsett zwängen, das ihn letztlich viel Potential verschenken lässt.

„Der einzige Weg“ – ein weiterer Storyteller, in diesem Fall einen Kerl, über dem der Pleitegeier kreist – macht das schon besser. Abschließend fragt man sich zwar auch, was einem in dieser Geschichte nun wirklich erzählt wurde, aber nur, weil es keinen richtigen Plot gibt. Trotz etwas hölzerner Lines wie „Rotwein knallt er sich rein / Sein Kopf auf Standby, Herz kalt wie ein Stein“ bleibt man am Ball und hört zu.

Auch bei „Alkohol“ bleibt man dran, aber eher wie bei einem Unfall, bei dem man nicht weggucken kann. Sido rappt aus der Sicht eines alkoholkranken Obdachlosen – inszeniert das aber als ganz furchtbar lustige Suff-Hymne mit Vocal-Cuts aus irgendwelchen Trash-TV-Serien (die ich nicht kenne, Ehrenwort). Das ist ziemlich albern und wird dem ernsten Thema kaum gerecht.

Es gibt aber auch die Songs, in denen Sido hörbar motiviert rappt – und abrechnet. Unter anderem mit „diesem Fetten da bei rap.de“ (Funfact: i bims das). Trotz des bereits von KRS Ones „A Friend“ bekannten Samples einer der stärkeren Songs – lässt man mal außer Acht, dass Sidos Haltung zu einer freien und kritischen Presse ungefähr auf dem Niveau von Donald Trump ist…

Das absolute Highlight aber ist „Masafaka“ mit Kool Savas. Auf einem atmosphärischen, eher ruhigen Beat wird gegen szenefremde Medien geschossen, die mit ihrem gefährlichen Halbwissen über Rap schreiben und geblendet von Klischees Rapper vorführen wollen. „Machen einen auf ‚yo yo yo‘ – seltsame Moves mit ihren Händen.“. Sidos „Sie schreiben über HipHop da bei Noisey / Der Redakteur sagt: Deutschrap enttäuscht ihn / Oooh, du bist ’n Kenner, wie es aussieht / Nooo, du bist n Penner, wie du aussiehst“ ist in seiner plumpen Direktheit so viel schlagkräftiger und pointierter, als das Technik-Gewichse, das „Das goldene Album“ ansonsten immer wieder durchzieht. Neben Savas liefern die Feature-Gäste von Hanybal über Blut & Kasse bis Haze übrigens allesamt stark ab – bis auf Der Russe, aber das war eigentlich klar. Auch Estikay schwächelt stellenweise etwas.

„Das goldene Album“ ist nicht derart überambitioniert und gleichzeitig unmotiviert wie der Vorgänger „VI“ es war. Der radiounfreundliche Sound steht Sido einfach immer noch besser als seine Songs für die ganze Familie. Dennoch gibt es einige peinliche und demgegenüber wenig wirklich interessante Momente. Was es zu „Geuner“ zu sagen gibt, wurde ja bereits an anderer Stelle abgehandelt. Stellenweise lässt Sido tatsächlich wieder aufblitzen, wofür er mal stand. Leider aber noch viel öfter, warum ihm mittlerweile neben Chart-Erfolgen auch viel Kritik entgegenschlägt. Immerhin hat Desue seine hochkarätigen Produzenten-Skills wieder einmal unter Beweis gestellt – und Sido sein Händchen fürs Beats picken nicht verloren.

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