Review: Maeckes – Tilt

Maeckes‘ Karriere ist von Kompromissen geprägt. Seine Veröffentlichungen waren bislang Kollabos (Bartek, Celina, Orsons) oder bekamen von ihm selbst nicht das Prädikat Album verliehen. Ungehört bleiben sollten sie dennoch nicht („Null“-Reihe, „Der bessere Mateja Kezman-Tonträger“). Bis gestern stand unter dem Punkt Album in der Diskographie lediglich das Konzeptalbum „Kids“. Auch für „†il†“ hat Maeckes sich wieder prägende Mitstreiter gesucht. Mit Multi-Instrumentalist Tristan Brusch und Produzent/Grafiker Äh, Dings bildete Maeckes ein Dreigestirn. Und ohne die anderen beiden hätte „†il†“ sicherlich deutlich anders geklungen.

Durch die eingestreuten Hooks von Brusch und dem Gitarrensound ist das Album teilweise recht poppig und einfach zugänglich geworden. Maeckes verliert dadurch jedoch keinesfalls seine Identität als Rapper. Poppig ist in diesem Fall auch nicht unbedingt etwas Negatives. Die Instrumentierung fährt zurück, um den Lyrics Platz zu geben. Aber sie wird auch lauter, wenn der Rapper es selbst wird. Durch diese Dynamik, die Details und den Einfluss der anderen beiden Musiker klingt „†il†“ sehr eigenständig. Das von vielen angestrebte individuelle Soundbild wurde hier auf jeden Fall erreicht.

Auch beispiellos für Deutschrap ist vielleicht Maeckes‘ Qualität, mit jeder neuen Line ein weiteres Bild zu malen. Spielend leicht jongliert der Orson zwischen Melancholie, Selbstzweifeln und einem humorvollen Blick auf verschiedene Lebenssituationen. Das lässt manche Songs vielleicht im ersten Augenblick schwer verständlich wirken, doch die Atmosphäre, das Gefühl, das vermittelt werden soll, ist jederzeit greifbar.

Außerdem sind manche Songs für Maeckes fast untypisch eindeutig. Auf „Atomkraftwerke am Strand“ spricht er über seine Verwunderung für den Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt. „Kreuz“ ist eine im ersten Moment einfach heitere Liebesgeschichte. Neben Maeckes‘ Beziehung zur Welt und der Liebe, sind die anderen beiden großen Themen das Verlierertum und das Innenleben des Rappers. In einer Welt, in der über die Social Medias nur die schönsten Seiten der Menschen öffentlich werden, propagiert der Stuttgarter den Mut sich seine Fehler einzugestehen und auch den „Loser“ in sich zu akzeptieren.

Maeckes‘ Versuch, sich selbst zu beschreiben und zu verstehen bzw. sich verständlich zu machen, nimmt den größten Teil des Albums ein. Die indirekten Aussagen, die er mit Hilfe der Metaphern und Bildern trifft, lassen einerseits einen tiefen Einblick zu, andererseits bleibt eine Distanz. Wie bei einem Freund, der einem etwas Wichtiges sagen will, es ohne Umwege aber nicht über die Lippen bekommt. Das Positive dabei ist, dass die meisten Songs dadurch nicht unmittelbar traurig, dafür jedoch stets melancholisch sind und Platz für Interpretationen lassen. Das besondere Musikarrangement unterstreicht diese Stimmung zusätzlich.

Was „†il†“ von einem sehr guten zu einem grandiosen Album trennt, ist der zu poppige Ausgang des Albums. In den letzten Songs kippt der schmale Grad zwischen Rap und Pop zugunsten letztgenannten. Auf einmal wird alles sehr catchy und Ohrwürmer fressen sich durch den Kopf. Natürlich ist das musikalisch immer noch hübsch und Maeckes‘ Lyrics ebenso intelligent, doch verwässert „†il†“ zumindest für mich zum Ende hin ein wenig. Sowieso fällt auf, dass die stärksten Songs der Platte, die schon eben genannten „Atomkraftwerke am Strand“ und „Kreuz“ oder die ruhigen aber durchdringenden „Marie-Byrd-Land“ und „Die Alpen“, (noch) keine Videoauskopplung erhalten haben.

Maeckes wollte mit „†il†“ keine Kompromisse eingehen: keine Orsons, keine halbfertigen Songs und kein übergeordnetes Konzept. Durch Äh, Dings und Tristan Brusch klingen die Maeckes-Songs anders als je zuvor, musikalischer bzw. melodischer und poppiger. Der Sound harmoniert fast über die gesamte Spielzeit hinweg hervorragend mit Maeckes‘ Inhalten und Vortragsstil. Trotz des Einflusses der anderen beiden Musiker verliert sich auch nicht der typische Maeckes-Vibe. Viel mehr bekommt er eine neue Qualität hinzugefügt. „†il†“ ist durch-, aber nicht zerdacht, poppig, aber kein Plastik, und für jeden der sich darauf einlässt ganz großes Kino. Kannste Josef Hader fragen.

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