Review: Hanybal – Haramstufe Rot

Da, wo das herkommt, willst du nicht hin. Drogendeals am Block, minderjährige Prostituierte auf Koka und hammerharte Schicksale in Blaulicht getaucht vor Großstadtpanorama. Es ist eklig in den düsteren Ecken FFMs – und Hanybal bedient die ganze Palette an Ekelhaftigkeit und beleuchtet mit seinen Texten den Hexenkessel Großstadt. Auf angemessen bedrohlicher Basis fließen trappige Snares, oldschoolige Scratches und melodiöse Instrumentals zusammen, elektrisiert durch Hanys durchdringendes Organ.

Gangsta Rap ist meist darauf bedacht hart zu wirken, mal abgesehen davon, dass seine Protagonisten mal mehr oder weniger in soziale Brennpunkte hineingeboren sind. Man ist harte Texte und Einblicke in Abgründe des menschlichen Daseins also gewohnt, dennoch überschreitet „Haramstufe Rot“ das übliche Maß an Brutalität. Abgesehen davon, dass Hany in seinen Texten eklige Situationen detailliert zeichnet, auf eine Art und Weise, dass es einem durch Mark und Bein geht, glorifiziert er den Lifestyle nicht wirklich. Weder vermittelt Hany den Gedanken, Drogengeld könne einem ein besseres Leben ermöglichen, noch transportiert er lyrisch ein Erhabenheitsgefühl gegenüber Rechtschaffenden. Die Härte und Brutalität dieser abgründigen Lebenswelt öffnet sich dem Hörer deutlich abschreckender als bei üblichem Straßenrap. Natürlich gibt es Strophen, in denen der Frankfurter die Eier auf den Tisch packt und verschiedene staatliche Institutionen verteufelt, dennoch animiert „Haramstufe Rot“ eher weniger dazu, auf der schiefen Bahn rumzuschlittern. Die Texte treffen dahin wo es weh tut, dahin wo man den Anschein bekommt, unsere Welt ist in zwei Teile geteilt: Da, wo die Reichen Kaviar fressen und die Armen Scheiße.

Der erste Track „Jag die Batzen“ leitet mit harter Realitätskonftrontation ein: Eltern vergessen ihre Kinder, weil die Sucht sie an den Rand der Menschlichkeit treibt:„Wie viel ist der Kick dir wert, wenn dein Kind sich beschwert/ wegen Loch in den Klamotten, bist seit Wochen schon am Rotzen, minus Loch in dein’ Kopf drin“. Diese Lines setzen Abgründe auf die Anklagebank. Musikalisch umgesetzt mit Vokaltags á la „Ich bin Straße, Junge und denk nur an mein Profit“. „Kopfgefickt“ wiederum destilliert das Gefühl der Verzweiflung, mit einem fragilen Gesangssample auf dem dröhnenden Beat, zusammen mit Hanybals erbarmungslosem Rap. Ein Part von Stylez P verleiht dem ganzen noch zusätzliche Crediblity.

Auch sonst sind hochkarätige Künstler auf dem Album vertreten. Der Titeltrack featuret die 385i-Members Celo & Abdi. Passend zu Celos s/o an Tupac und Biggie flowt der Titel kontrovers über oldschooliger Melodik und Abdis Adlibs. Zwei Tracks kommen unbeschwerter daher als der Rest: „Vanilla Sky“ mit Nimo ist gewürzt mit hellen Bells und traplastigen Snares und lädt damit alle Schatzambauis zum „Schweben durch die Sphäre“ ein. Im fröhlichsten Track „Messi Ronaldo“ hört man, wie Hany und Olexesh auf wohlklingendem Flötensound „ficken zum Takt“.

Auffallend ist, dass die einzelnen Tracks styletechnisch stark von dem jeweiligen Feature beeinflusst sind, was dem Album, bei der relativ schwarzseherischen auf-die-Fresse-Attitüde trotzdem eine gesunde Abwechslung verleiht. „Kiffen, Koksen, Alken, Ficken“ mit Gzuz sowie „Baller los“ mit Bonez hat die 187-typischen Bläser und durchdringenden Cello Samples am Start. Genauso sind die Songs mit Nimo, Soufian und Haftbefehl vom Trapsound angehauchte Stücke. Wenn Hany und Hafti sich fragen:„Wo sind die Gegner“ präsentiert der Hauptdarsteller sich als nach vorne preschenden Schreihals, sowie seine Fans ihn kennen und lieben, was den ehrwürdig gespitteten Haftbefehl-Part perfekt ergänzt.

Bei allem Leid aus dem Blockpanorama bewahrt Hany sich aber stets seinen Humor. Du bist sein „Schatzi“, solang du kein Schwätzer aka „Babbler“ bist. Während andere sich bei einem Banküberfall, mit „Skimaske“ ein Fluchtauto organisieren, flüchten er und Soufian mit aggressiven Snares und Future-Instrumental im Gepäck „auf dem E-bike“ – eben auf Schatzambauis-Art. Nicht albern, aber witzig.

Den einzigen Liebessong widmet der Kicker seinem besten Freund dem Ball. „Ich liebe meinen Ball, er ist mein aller bester Freund, ich spiele überall“, heißt es im letzten Song. Liebe hin oder her, selbst in diesem retrospektiven Schluss liegt eine deutliche Schwermütigkeit.

Hanybal nimmt durchaus eine grundsätzlich gesellschaftskritische Position ein, ohne explizit politisch zu werden. Er illustriert Missstände mit schonungslosen Bildern auf hartem Drogendealersound. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, schafft der Azzlack mit „Haramstufe Rot“ den Spagat zwischen erbarmungsloser Härte und berührenden Bildern. Erfrischenderweise regt das Ding zum Denken an, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen oder irgendwelche Moral zu predigen – das Panorama eines jungen Mannes, der dazu determiniert ist, auf die schiefe Bahn zu geraten, aber reflektiert, dass die Scheiße die er dabei baut „Haram“ (arab. verboten) ist und diese Einbahnstraße nirgends hinführt.

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