Capital – Kuku Bra [Review]

Schnapp mir mein Brot, flieg wie’n Pilot, hau dir die Fresse dann Ferrari-rot/ Meine Gang ballert mit Schrot, meine Gang ballert dich tot“ . Puh. Das, was Capital ausmacht, wird schon beim Hören der ersten Zeilen des Intros klar. Hier nimmt einer aber mal so gar kein Blatt vor den Mund. Die Zeilen kommen wie aus der vielberappten Uzi durch die Boxen geschossen. Auf „Kuku Bra“ gibt es ins Gesicht. Frontal, rücksichtslos, mit Schlagring: „T-Shirt L, Pulli M/ Kugelhagel, ich lass Muschis rennen“, heißt es auf dem trappigen Instrumental von „Bra macht die Uzi“ . Apropos Instrumental: Für die komplette musikalische Untermalung der Platte zeichnen sich die Hijackers verantwortlich. Das Berliner Produzententeam schneidert Capital einen sauber ausproduzierten Soundteppich, bei dem mit angewinkelten Ellenbögen getrappt-, an manchen Stellen aber auch klassisch mit dem Kopf genickt werden kann. Kurzum: Die Beats sind Bretter. Düster, bedrohlich und mit harten Drums abgerundet. Über diese marschiert der gebürtige Ukrainer mit einer Stimme, die nur so vor Aggressivität strotzt. Der Flow ist brachial, aber sitzt gut und onpoint. Die druckvollen Betonungen sind auf Dauer eintönig, passen aber zur Atmosphäre der Instrumentals. Rappen kann dieser Capital aus Berlin-Hohenschönhausen allemal.

Aber über was rappt er? Das Themenspektrum der Platte ist relativ schnell erklärt: Es geht platt gesagt ums Geld machen, den Hustle auf der Straße und darum, dass er krasser ist als du. Neuartig sind diese Themen beileibe nicht, einige Zeilen hätte man so auch bei anderen Rappern hören können. Catchphrases und Fremdwörter, wie eben jenes titelgebende „Kuku Bra“ , verpassen dem Ganzen zwar einen individuellen Anstrich, runter gebrochen auf den Inhalt wird hier jedoch kein Neuland betreten. Die stärksten lyrischen Momente erzeugt der Künstler, wenn er anfängt zu erzählen. Mit schnörkelloser Sprache nimmt Capital einen mit, direkt in den Berliner Osten nach Hohenschönhausen. Weit weg von angesagten Techno-Clubs und Szenebars, in denen man auf Englisch Cocktails bestellt. Vielmehr sieht man die Jugos an der Ecke dealen und die Obdachlosen vorm Supermarkt sitzen.

Guck mal, was mein Nachbar macht, er kokst die ganze Nacht/ und fickt meinen Kopf mit der Musik aus seinem Heimatland“ heißt es auf „Zu viel, zu wenig“. Capital erzeugt ein astreines Kopfkino und geht selbst neben Feature-Gast Olexesh keinen Deut unter, im Gegenteil. Von solchen Momenten wünscht man sich mehr. Genau wie wenn die Kindheit in-, und der Umzug aus der Ukraine zur Sprache kommen. Capital kam nämlich erst mit sieben Jahren nach Deutschland. Hier und da wird eine Zeile über das Aufwachsen im Heimatland und die Anpassung an ein neues Lebensumfeld eingestreut. Leider wird dieses spannungsbietende Thema jedoch nur auf wenige, vereinzelte Zeilen beschränkt. Eine Frage, die beim Hören aber nicht aufkommt, ist die nach der Authentizität. Man glaubt dem ehemaligen Rap am Mittwoch-Champion einfach, was er da so über sein Leben, seine Gegend und seine Ziele erzählt. Dieser Typ macht keinen Straßenrap, weil er das Genre feiert, sondern weil er Straße ist. So abgedroschen das im Jahre 2016 auch klingen mag.

Von eben jenem Straßenrap bietet die hiesige Szene zurzeit so viel Gutes wie lange nicht mehr. Ein Umstand, der Capital vielleicht nicht unbedingt zugute kommt. Er ist eben nicht der einzige, der taktsicher und mit anständigem Flow über Bratans und Uzis rappen kann. Dass dieser Rapper enorm viel Potenzial zu mehr mitbringt, wird einem schon nach dem anklicken seiner Singles auf YouTube klar. Capital hat eine ganze Menge Skills, leider fehlt es (noch) an textlicher und stilistischer Individualität. Laut eigener Aussage soll mit diesem Album nur erreicht werden, dass die Leute deutschlandweit erfahren, dass „es da so einen Capital aus Berlin gibt„. Dieses Ziel wird mehr als erreicht und könnte mit dem nächsten Album übertroffen werden, wenn der eigene Sound noch ausgereifter daherkommt. Also, aufgepasst. Oder wie Capital es selbst übersetzt: „Kuku Bra“!

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