Fatoni & Dexter – Yo, Picasso [Review]

picasso

Wenn sich zwei Kritikerlieblinge wie Fatoni und Dexter zusammentun, dann sind die Vorschusslorbeeren vorprogrammiert. Ebenso prädestiniert ist das gemeinsame Werk „Yo, Picasso“ für Rezensionen, die sich vor Lob überschlagen – dass das Album genial wird, sei ohnehin klar gewesen, so der allgemeine Konsens der Medienlandschaft. So gerne ich mich auch querstellen würde: An dieser Stelle kann ich den geschätzten Kollegen nicht widersprechen. Ich hatte hohe Erwartungen und die wurden sogar noch übertroffen. Chefredakteur Oliver Marquart zeigte sich nach kurzem durchskippen kritischer. Ich schlug eine Versus-Review vor, schon um nicht eine Weitere von zig Lobhymnen zu veröffentlichen. Nach etwas intensiverer Beschäftigung mit „Yo, Picasso“ gab aber auch Oliver resigniert zu Protokoll, dass die Stimme zwar anstrengend sei, aber es ansonsten absolut nichts an diesem Album auszusetzen gebe. Also kurz und schmerzlos: Vorhang auf für das vielleicht beste Album des Jahres.

Was genau macht „Yo, Picasso“ denn so gut? Fatoni sticht jetzt nicht unbedingt durch nie gehörte Rapskills aus der breiten Masse, auch die Stimme ist, wie angemerkt, wenig spektakulär. Beginnen wir also beim offensichtlichsten: Dexter – ohne Frage einer der talentiertesten Beatbastler des Landes – hat einen durchweg stimmigen Beatteppich geflochten, der Fatoni die perfekte Bühne bietet. Die maßgeschneiderten Instrumentale passen stets perfekt zum jeweiligen Song, ähneln einander nie, fügen sich aber doch zu eine homogenen Masse zusammen. Das behäbige „Kein Tag“ fängt perfekt die lethargische Tristesse der Lyrics ein, der bewusst trashige „32 Grad“ Beat mit 70er-Synthies unterlegt Fatonis zynisch-euphorisch vorgetragene Urlaubserlebnisse mindestens ebenso gut – die Adlibs von Goldkehlchen Marie Gold geben dem ganzen den letzten Schliff.

Dexis Beats sind in sich so komplex und Abwechslungsreich produziert, dass sie ohnehin viele Schnitzer und langweilige Flows kompensieren könnten. „Könnten“ , weil es keine gibt. „Kann nicht reden ich esse“ kommt mit derart viel Variation daher, dass er an der Grenze zur Überladung kratzt. Aber eben nur kratzt – so ist es eine der interessantesten Produktionen auf „Yo, Picasso“ , schon weil sie aus dem BoomBap-Rahmen fällt, der eigentlich den roten Faden darstellt. Freilich kein staubiger-90er-Sampleloop-Boombap, sondern zeitgemäßer, origineller und detailliert ausproduzierter Boombap mit Dexter-Trademark Sound. Also keine sturen Loops – gut so, denn Fatoni lässt sich auf die Beats ein, switcht mit jeder Veränderung im Arrangement den Flow und verschmilzt so nicht nur mit der musikalischen Untermalung, sondern stellt so auch sein technisches Repertoire unter Beweis.

Würde Gemüse nicht so scheiße schmecken / Müsste ich nicht den ganzen Tag lang Schweine fressen / Aber ich tu’s rund um die Uhr / Dass Schweinebabys süß und lecker gleichzeitig sind war ein Bitchmove von Mutter Natur / Eine Aubergine kann nichts, sieht scheiße aus und hat kein Bewusstsein / Wieso schmeckt die nicht wie ein Schwein und kann gleichzeitig gesund sein?
(„Ein schlechter Mensch„)

Was Fatoni raptechnisch auf dem Kasten hat, spielt aber nur bedingt eine Rolle. Im Vordergrund stehen die originellen, gewitzten Texte. Jeder Song hat eine Kernidee, die unterhaltsam und kreativ umgesetzt wird. „Semmelweisreflex“ erzählt die Geschichte von Ignaz Semmelweis, einem Arzt aus Österreich, der Mitte des 19. Jahrhunderts feststellte, dass Ärzte sich vielleicht die Hände waschen sollten, wenn sie mit Patienten arbeiten – erstrecht, wenn sie wenige Minuten vorher an Leichen herumseziert hatten. Im Kontrast dazu schildert der zweite Part das Schaffen des Harvard Professors Edward Clark, der ein Buch voller Bullshit – Frauen sollten nicht studieren, da ihr Gehirn für derartige Denkleistungen nicht geschaffen wäre – veröffentlichte und dafür als Genie gefeiert wurde. Abgesehen vom exzellenten Storytelling überzeugt „Semmelweisreflex“ durch die ausgefallene Idee und die unaufdringliche Botschaft.

Geboren im heutigen Budapest trug er einen Schnurrbart – Swag! / Und war Arzt in Wien – Superfresh! / Dieser Dude war okay / Auf jeden Fall hatte er irgendwann ’ne gute Idee / Er meinte, Ärzte sollten sich besser die Hände waschen / Bevor sie sich an die Arbeit mit den Patienten machen
(„Semmelweisreflex„)

Der Münchener gibt sich unberechenbar, kommt immer wieder mit neuen Ideen um die Ecke und zwingt mit seinem beißenden Zynismus zum Überdenken der Texte. Unterhaltsam bleibt es stets, etwa wenn er von einem Schicksal voller Rückschläge berichtet – aber hey, „immer noch besser als Hodenkrebs“ . Oh, letztendlich wird auch noch Hodenkrebs diagnostiziert? „immer noch besser als Stalingrad – wenn man es so betrachtet hat, ist es nicht mehr ganz so hart.“ Fatoni legt gezielt den Finger in die Wunde und drückt tüchtig zu. Durch seine präzise, pointierte Wortwahl trifft er stets ins Schwarze. Im letzten Drittel des Langspielers wird es dann auch etwas ruhiger und sogar ein wenig persönlich. So richtig Tiefgang kommt zwar nicht auf, ein runder, willkommener Abschluss aber allemal.

Im Falle von „Yo, Picasso“ kann man guten Gewissens verkünden: Believe the hype! Jede Zeile sitzt, jeder Song unterhält, jeder Beat frisst sich in die Gehörgänge. Wenn einer der besten deutschen Produzenten mit dem vielleicht originellsten und interessantesten zeitgenössischen MC ein Album macht, kann offenbar wirklich nicht viel schief gehen. Oder halt gar nichts. Kritikpunkte sucht man mit der Lupe, während im Grunde jeder Song ein Highlight ist und auch alleine funktioniert. Als rundes, in sich geschlossenes Album, macht „Yo, Picasso“ wirklich alles richtig. „Ich werde langsam perfekt“ – da ist ja doch eine Line, die nicht funktioniert: Die Übertreibung geht nicht auf, wenn sie der Wahrheit entspricht.

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