Chefket – Nachtmensch [Review]

Chefket hat sich ordentlich Zeit seit seinem letzten Album gelassen. Sechs Jahre, um genau zu sein. Şevket Dirican, so sein bürgerlicher Name, machte sich in der Zwischenzeit einen Ruf als einer der besten Live MCs des Landes – und trotzdem ist der richtig krasse Durchbruch bis jetzt ausgeblieben. Jetzt aber soll es soweit sein. Auch der Pressetext kündigte Großes an: „Er hat bereits Alben, EPs und Mix Tapes veröffentlicht […]- und trotz allem wird Chefket immer noch als Newcomer gehandelt. Etwas, das sich mit seinem neuen Album „Nachtmensch“ ändern wird.“

Umso höher die Erwartungen an „Nachtmensch„. Nach den Appetizern „Rap & Soul“ und „Glücklichster Rapper“ sah auch alles sehr gut aus. Die beiden Songs legten so stark vor, dass man sich fragte, ob es ihm möglich sein werde, dieses Niveau auch auf Albumlänge zu halten.

Die Antwort ist jein. Größtenteils kann das Album durchaus das Niveau der besagten Auskopplungen halten, beinhaltet jedoch eben auch ein paar kleine Schwachpunkte. Während besonders das erste Drittel sehr stark vorlegt, sinkt in der Mitte der lyrische Anspruch doch um einiges ab. Ein, zwei fast schon plumpe Songs sind das (erstaunliche) Ergebnis. Gegen Ende schaltet Chefket dann aber wieder ein paar Gänge hoch und besinnt sich auf seine Stärken.

Vor allem „Wir“ setzt sich clever mit ernsten Themen auseinander und ist eine originelle Annäherung an den Dauerbrenner Integration.

Wenn du wissen willst wie Deutsche leben, geh und frag sie
und wenn du mal mit ihnen streitest, nenn sie nicht einfach Nazi
Ja es gab sie, es gibt sie und es wird sie immer geben
Steiger dich nicht rein, denn die meisten sind dagegen
Wenn du wissen willst wie Türken leben, geh und frag sie
Aber nicht in nem Dönerladen oder im Taxi

Die große Hauptrolle spielt Politik auf dem Album aber nicht. „Nachtmensch“ lebt eher von seinem Flavor. Der Titel gibt den lockeren roten Faden des Albums bereits vor: Es widmet sich den vielen Aspekten der Nacht. Chefket erzählt viel, ob von einem Clubaufriss, oder der mysteriösen Unbekannten an der Bar, während seine „Träume“ und Vorstellungen vom Leben ebenfalls ein immer wiederkehrendes Motiv sind. Der „Kater“ danach darf natürlich auch nicht fehlen.

Man kann den größtenteils lockeren Erzählungen lauschen, ohne sich großartig anstrengen zu müssen. Chefkets Liebe zur Musik kann man fast mit Händen greifen.  Seine herausragenden Fähigkeiten sind ohnehin kein GeheimnisWährend er bei manchen Tracks locker und entspannt über den Beat flowt, zeigt er sich bei anderen technisch versiert, wie etwa bei „Tanz„.

Lediglich zwei Songs trüben den Gesamteindruck etwas. Während Chefket bei den meisten Tracks viel Wert auf seine Texte legt, soll der etwas alberne Baggersong“Lass gehn’“ wohl lediglich dem Amusement dienen. Kann man machen, muss man aber nicht. Auch „Carie me homeland“ fällt im Vergleich zum Rest etwas ab:

Mit dem ersten Schritt in die Wohnung sind wir schon nackt
Ich seh nur ihre Beine und verreibe die Körperlotion
Sie legt sich hin, guckt zurück und ihr Hintern ist so perfekt hochgestreckt
dass ich denk: fuck, wieso bin ich so benebelt?

Die junge, knackige Dame stellt sich dann aber leider – Achtung, Spoiler – als CIA-Agentin heraus, die Cheffe aber letztlich zu seinem Majordeal verhilft. Klingt bisschen an den Haaren herbeigezogen. Da wär womöglich doch etwas mehr drin gewesen.

Abgesehen von diesen beiden Ausnahmen aber ist „Nachtmensch“ eine runde Sache: Rap, Soul, Technik und Inhalt – das Album hat wirklich viel von allem. Keine Ahnung, ob das schon zum großen Durchbruch reicht. Jedenfalls bleibt am Ende die Ahnung, dass Chefket auf der Bühne noch viel besser aufgehoben ist als im Studio.

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