Disarstar – Kontraste (Review)

Disarstar stellte bereits eindrucksvoll klar, dass er „Tausend in einem“ ist. Seine Vielseitigkeit stellt der Hamburger auch mit seinem Debütalbum „Kontraste“ wieder unter Beweis. Um nach zahlreichen Mixtapes und EPs auch auf Albumlänge zu überzeugen braucht es auch einen gewissen Facettenreichtum.

Mit Kontrasten arbeitet Disarstar ohnehin gerne – schon in seinem Auftreten, das eher nach Handy-her! als reflektierten, intelligenten und ehrlichen Texten anmutet. So sind auch auf dem gleichnamigen Album wieder Kontraste von Battle-Representer über Gesellschaftskritik bis fast-Seelenstriptease zu finden. Dennoch zieht sich ein lose gesponnener roter Faden durchs Album, der dem ganzen eine Stringenz verleiht und es eben zu einem kompletten, schlüssigen Album macht. Ein Großteil der Songs folgt einem festen Motiv, das nachvollziehbar mit dem Gesamtwerk verwoben ist. In jedem der Songs steckt so viel Profil und eigenes, dass „Kontraste“ auch als eine Art Visitenkarte funktioniert – der Charakter Disarstar ist stets greifbar und verhehlt auch seine Schwächen nicht.

Seinen Kontrastreichtum, auch abseits der Musik, untermauert er auch mit „Wer ich bin„. Ein Selbstportrait, das die verschiedenen Facetten und die eigene Mehrschichtigkeit darstellt. Dabei werden eben auch die Schwächen und Makel ohne Scham eingestanden – und so ein authentisches und dadurch liebenswertes Profil erstellt, auch wenn es sich um ein egozentrisches Produkt handelt. Doch auch das ist dem jungen Hamburger durchaus bewusst.

Ich bin bin oft grob und Ich-bezogen / bin ein ehrgeiziger Künstler – einer von den Mittellosen“ (Disarstar – Wer ich bin)

Nicht nur die Selbstreflexion liegt Disarstar. Der bekennende Kommunist prangert auch an. Stellenweise wird es da zwar arg plakativ, aber dennoch wird der mahnende Zeigefinger stecken gelassen. Nicht etwa, weil sich von dieser Herangehensweise distanziert wird. Jeder der kritischen Songs hat einen originellen Aufhänger und beschränkt sich nicht auf eine dies-und-das-läuft-falsch-Vortrag. Auf „Anno 2300“ etwa, versetzt Disarstar sich ins Jahr 2300, in dem die ganze Welt ein gerechtes Utopia ist. Als Vater berichtet er seinem Sohn von der Zeit „als die Menschheit am Abgrund stand“ – vor 300 Jahren, also heute. So wird also einiges, was schief läuft in Erzählungen verschachtelt und wirkt, so klar und direkt formuliert irgendwie fremdartig, etwa wie wenn man heute jemandem von Hexenverbrennungen und der Inquisition erzählt. „Capitis Deminutio Maxima“ – der sogenannte bürgerliche Tod im antiken Rom, also der Verlust sämtlicher Bürgerrechte, Freiheiten und Familienangehörigkeit, hingegen kommt mit dem Vorschlaghammer daher. Ohne ein Szenario herbei zu beschwören spricht Disarstar im Imperativ zum Hörer – und berät ihn, mit welchen Methoden man Menschen klein hält und unterjocht, ohne dass diese es merken. Die geschilderten Wege und Mittel sind natürlich nicht selbst erfunden sondern eben die Beobachtungen und Erfahrungen, die er macht. Stellenweise beschleicht einen aber das Gefühl, dass sich ein bisschen zu viel vorgenommen wurde und Disarstar sich selbst einfach zu wichtig nimmt. Vereinzelt driftet es auch arg in Richtung abstrakter Verschwörungstheorien ab, aber darauf antwortet er:

Gib ihnen Nationalität, füg sie ein in ’ne Gemeinschaft / so dass keiner mehr was macht, aus Angst davor, dass er was falscht macht // Aus Angst davor, den Anschluss Formuliert / stell jeden als Spinner dar, der seine Zweifel an dem ganzen Formuliert“ (Disarstar – Capitis Deminutio Maxima)

So hungrig und wuterfüllt, wie Disarstar seine Zeilen einrapt ist die Intention über jeden Zweifel erhaben – inhaltlich bietet der Song durchaus viel Diskussionsstoff – worauf die vereinfachte Herangehensweise aber offensichtlich auch abzielt. Ebenso hungrig, aber eher erfüllt von Bock einfach krass zu rappen sind die Representer. Die sind einfach das was der Typ am besten kann – weil er so ein verdammt guter Rapper ist. Technisch versiert zehrt Disarstar von einem abwechslungsreichen Wortschatz, platziert jeden Rhyme, jedes scheme, onpoint und unterstützt so den treibenden Flow. Wenn auf „Nahdistanz“ ein skizzenhafter Beat mit minimalistischen, wuchtigen Drums und drückenden Synthieflächen zum Einsatz kommt, dann trifft die Phrase „den Beat zerficken“ tatsächlich zu. Der leichtfüßige Style wirkt zu keiner Zeit angestrengt, aber stets druckvoll und kräftig – Disarstar kann’s einfach. Mit nur zwei lupenreinen Representern ist das Skills-zeigen rein quantitativ  leider ein bisschen mau ausgefallen.

„Ey, das bin ich, Disarstar, der Alchemist / Kombinier‘ den professoralen Ton mit der Hand im Schritt // Das ist Authentizität / Mal ’n trauriger Poet, mal die Faust, die dich grad schlägt“ (Disarstar – Nahdistanz)

Kontraste“ hat aber auch schwache Momente. Denn der eigentlich so stilsichere 94er driftet gerade bei den ruhigeren Songs arg Richtung Kitsch ab. Bestes Beispiel: „Mein Palast“ mit Teesy. Man kann kaum unterstellen, dass dies nicht so gedacht sei – wenn man sich Teesy in die Hook holt, dann weiß man genau worauf man sich einlässt. Auch „100 Jahre“ arbeitet unnötig viel mit Pathos und knatschigen Metaphern. Misslungen ist der Balanceakt aus gefühlsbetontem und Ernsthaftigkeit aber nicht immer: Wenn Disarstar „Kaleidoskop“ empathisch und grundehrlich erzählt, wie ihn die Leiden anderer Menschen betroffen machen, dann reißt das mit. Zwar kommen wieder vereinfacht „die da oben“ ins Spiel, aber das Versuchte, das oben erwähnte Songs in die Tiefe reißt, bleibt aus.

Zu sagen „Kontraste“ wäre durchwachsen, ist eine glatte Übertreibung – es ist ein rundes Album, das über die gesamte Spieldauer schlüssig funktioniert – aber eben Schwachpunkte hat. Disarstar scheint sich ein wenig zu überschätzen, wagt zu viel. Doch als technisch brillanter Rapper mit Profil, Ecken und Kanten – voller Hunger und Energie – macht er dennoch eine herausragende Figur, die die kleinen Ausrutscher deutlich überschattet.

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