Prinz Porno – pp=mc² (Review)

Als ich erfuhr, dass Prinz Pis vor Jahren abgelegtes Alter Ego Prinz Porno ein Revival erfahren solle, machte mein Herz einen Sprung. Ich gehöre nämlich zu jenem Schlag Raphörer, der das aktuelle Schaffen des selbsternannten Prinzen mit wachsender Ablehnung verfolgt. Wie wohl die meisten Angehörigen dieses Schlages bin ich auch ein enttäuschter Prinz Porno-Jünger, für den sich mit „Rebell ohne Grund“ ein Kapitel geschlossen hat. Der kurz darauf erschienene Lichtblick in Form der EP „Achse des Schönen“ erlosch ebenfalls schnell wieder. „Kompass ohne Norden“ hörte ich mir nur an, um auch begründen zu können warum es der allerletzte Scheiß sei. Diese Perspektive werde ich auch für die folgende Review nicht ablegen (können).

Mein Herz machte also einen Sprung. Für exakt eine Sekunde. In Sekunde zwei schossen mir diverse Gedanken durch den Kopf, die allesamt etwa folgenden Grundtenor hatten: „Dass der sich wirklich denkt, ich falle darauf ‚rein. Jetz‘ noch die letzte Kohle aus seinen alten Fans schröpfen, um mitzunehmen was geht. Das könnte dem so passen. Dem Arschloch!“ Vermutlich gibt es Tausende , die exakt dieselbe unspektakuläre Geschichte erzählen zu haben. Und ebendiese werden, wie auch ich, nach der ersten Videoauskopplung „Chillig“ bereits im Stillen beschlossen haben, dass „pp=mc²“ der selbe Mist wie zuletzt werden würde – nur halt mit ein paar Kraftausdrücken und anderer Verpackung. Aber so einfach abschreiben kann man ein nie gehörtes Album natürlich nicht. Also CD eingelegt, Kopfhörer aufgesetzt und versucht, alle Vorurteile abzulegen. Denn ein neues Porno-Album, das etwas taugt – das wäre das Größte.

Über Pornos Skills am Mic gibt es an dieser Stelle natürlich nichts zu diskutieren, die Frage ob „pp=mc²“ den legendären Prinz Porno-Spirit einfangen kann, drängt sich hingegen auf wie keine andere. Dieses Ansinnen steht und fällt natürlich mit der Instrumentalisierung, für die sich „Paradies„-Produzent Max Mostley verantwortlich zeigt. Schnell zeigt sich, dass die Zielsetzung nicht daraus bestand, die rohen, skizzenhaften Beatskelette, wie man sie damals aus den Maschinen von Kick und Sash kannte, originalgetreu zu imitieren. Stattdessen prägen durchaus staubige Beats im Stile der Mitt- bis Spätneunziger das Klangbild. Schon die detailliert ausproduzierten, aber nicht überladenen Instrumentale sind gespickt mit Referenzen an vergangene Tage, beispielsweise das Scooby-Doo-Sample in „Parfum„, das man unter anderem durch MF DoomsHey!“ kennen dürfte. Dazu kommen einige Cuts, wie von Eazy-Es legendärem „Boyz n the Hood“ oder auch eigenen Klassikern. Bereits das Intro „Für meine Feinde“ fängt perfekt den Wu-Tang-Spirit der Mittneunziger ein. Einige Songs brechen dahingehend ein wenig aus, etwa „Massephase“ das auch von „!DonnerwetteR!“ aus dem Jahr 2006 stammen könnte.

Gerade „Massephase“ beweist übrigens: Dass im Vorfeld ein solches Geheimnis aus den Feature-Gästen gemacht wurde, war ein verdammt guter Entschluss. Auch im Pressemuster waren diese nirgends angegeben und erschlossen sich so beim Hören. Und heilige Scheiße, ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken, als auf „Massephase“ nach acht Zeilen des Prinzen plötzlich völlig unerwartet die vertraute Stimme Jonaramas aus den Kopfhörern schallte. Noch von der Euphorie gepackt, angespannt dem Achter-Tennis des vermeintlichen Duos lauschend, fiel mir quasi alles aus der Fresse als Kid Kobras Stimme im letzten Verse einsetzte. Für die zweite Anspielstation „Der alte Witz“ hat der Prinz außerdem niemanden geringeres als Kamp One aus der Versenkung geholt. Auch der altbekannte Porno-Kumpel E-Rich ist mit „Auf Augenhöhe“ vertreten. Eine illustre Runde also, die da zum Schwelgen in Erinnerungen einlädt. „Die Löffelparabel“ wartet mit einem Part von Prinz Pis Protegee eRRdeKa auf, der zwar neben seinem Hang zu weich gespülter Phrasendrescherei auch ein starker Battlerapper ist, auf dessen Part man aber getrost hätte verzichten können. Kollegahs Auftritt im abschließenden, viertelstündigen Storyteller „Dschungelabenteuer“ kann man getrost als Schmankerl sehen – der Track fügt sich nicht schlüssig ins Gesamtbild ein, steht deshalb auch am Ende des Albums. Wäre es anders, hätte man hier einen massiven Kritikpunkt.

Was hingegen tatsächlich ein Kritik- und der große Knackpunkt ist: Es fehlt einfach der Zauber vergangener Tage. Ja, das ist leicht gesagt. Und ja, für alle die derlei kundtun hat Porno direkt zu Beginn einige rechtfertigende Lines der Marke „Ich kann rappen wie ich will, Bitch, du wirst es eh haten – also chill Bitch“ oder „Die Heads schreien: Bitte mach nochmal die alten Hits, weil wir besser lachen könn‘ über den alten Witz, wo wir die Pointe kenn‘ – warte mal, der ging so: Ich geb‘ keinen Fick auf nichts! P zu dem O!„. Die Porno’sche Arroganz funktioniert ohne Zweifel noch, aber das, was Prinz Pi mittlerweile verkörpert steht im krassen Kontrast zu dem, was Porno damals verkörperte und heute gerne wieder verkörpern würde. Dadurch wirkt die ganze Attitüde unweigerlich angestrengt. Die „wollt ihr tighte Raps […]„-Keule lasse ich nun ganz bewusst stecken. Wie dem auch sei, dementsprechend weiß man nicht ob man empört aufschreien oder sich fremdschämen soll, wenn Prinz Porno, der den Hornbrillen-Jutebeutel-Club-Mate-Pi in sich ja durchaus schwer verleugnen kann, Lines wie „Jeder Boy in deiner Gang hält sich für individuell/ die haben ihre Casios aus Ironie bestellt/ Du denkst: Rappt der da im Hipster-Hype/ Mit ’ner veganen Bionade auf seinem Fixie Bike? Irgendwas im Fitti Style? Doch weit gefehlt, am Anfang war das Wort – am Ende deines Daseins stehe ich in einer Short“ – dann bitte doch lieber totschweigen. Auch zwei Tracks nach erwähntem „Massephase„, in dessen Hook versichert wird: „Rapper machen Promophase, Rapper machen Massephase – ich bin Prinz Porno, ich glaube nicht was die Spasten sagen„,  Kollegah seinen erwähnten Auftritt hat, dann fragt man sich unweigerlich, was genau der gute Herr einem denn vor fünf Minuten zu erzählen versucht hat.

Inhaltlich ist „pp=mc²“ generell sehr durchwachsen. „Spur der Steine“ etwa, das den eingeklammerten Titel „(Alternativer Strassenrap Ansatz 1)“ trägt, erzählt die Geschichte einer personifizierten steinernen Straße und klingt in seinem minimalistischen, gedankenverspielten Anmuten wie anno 2009 „TMHS2„. „Simplizismus“ mit seinen nihilistischen Beobachtungen und der nüchternen Selbstreflexion hätte sich 2005 perfekt in das Gesamtbild von „Zeit ist Geld“ eingefügt. Alles in allem also ein nachvollziehbares Resümee von Prinz Pornos und später Pis Schaffen der Nuller-Jahre. Leider fügen sich Songs wie „Die Löffel Parabel„, „Abhängen“ oder das furchtbar krampfhafte „Chillig“ so ganz und gar nicht ins Gesamtbild ein, sondern wirken eher wie schwache Trostpflaster für „Kompass ohne Norden„-Käufer.

pp=mc²“ ist (Gott sei Dank) nicht die befürchtete Katastrophe – aber leidet dennoch genau an den prophezeiten Schwächen. Es fehlt einfach der Biss des alten Prinz Porno – der Hass auf die selbstgefällige Überflussgesellschaft, der unbändige Hunger, der Wille Widerstand zu leisten. Alles zu ficken. Die ungeschönte, kafkaeske Atmosphäre, die harten, treffenden Worte, die originell und präzise, aber schnörkellos gezeichneten Bilder. All das, also der eingangs erwähnte und so sehr herbeigesehnte Prinz Porno-Spirit, geht „pp=mc²“ leider ab und weicht allzuvielen Plattitüden.

Was bleibt? Ein Album voller exzellenter Battleraps und interessanter, reflektierter Gedankenansätze auf hervorragend produzierten, referenzgespickten Instrumentalen im Stile längst vergangener Tage. Irreversibel verschwunden geglaubte Featuregäste, die dem geneigten Prinz Porno-Fan die Pisse in die Augen treiben und deren Einsätze einen Großteil der Höhepunkte des Albums ausmachen (schon weil man diesen anhört, dass sie richtig Bock haben). Und zu guter Letzt einfach endlich mal wieder doper, harter (beziehungsweise nicht komplett verweichlichter) Rap vom Prinzen – welchen Namen auch immer er tragen mag. Betrachtet man das ganze also nicht durch meine „er kann rappen wie er will Bitch, ich werd‘ es eh haten„-Brille, hat man hier ein ganz hervorragendes, lupenreines Rapalbum vorliegen. Das nächste Prinz Pi-Album hassen wir dann auch alle wieder gemeinsam. Versprochen.

VÖ Datum: 2015-01-09
Verkaufsrang: 21
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2 KOMMENTARE

  1. Ich habe ja nichts gegen subjektiv geschriebene Reviews, im
    Gegenteil, Reviews müssen sogar subjektiv sein. Aber könnte man dann
    vielleicht noch jemanden zu Wort kommen lassen, der die Sache einfach
    anders sieht? Der Rezensent hier scheint es sich ja zur Hauptaufgabe
    gemacht zu haben, nochmals zu betonen, dass ihm Kompass ohne Norden
    missfallen hat… Um da jetzt auch mal subjektiv zu bleiben. Ich sehe
    das anders. Kompass ohne Noreden ist nur aus absolut oberflächlicher
    Perspektive betrachtet ein Hipster Album oder gar verweichlicht. Kompass
    ohne Norden ist für mich die perfekte Momentaufnahme eines Künstlers,
    der über sich, sein Leben und die darin enthaltenen Sorgen berichtet.
    Das ist emotionaler Ausdruck – und das ist nicht verweichlicht. Das ist
    Kunst. Alles was kein emotionaler Ausdruck ist, ist in meinen Augen
    Kunsthandwerk (also gut gemachtes vom Fließband) aber eben keine Kunst.
    (Ich verwende die Begrifflichkeiten wie im Englischen Artisan vs
    Artist). Zum Hipster Album wird Kompass ohne Norden nur dann, wenn man
    Pi unterstellt, er habe das Album gemacht um ein gewisses Image zu
    pflegen und sich dann eines raus sucht, was dazu passt. Wenn man diesen
    „Vorfilter“ jedoch nicht anlegt, dann blickt man auf ein Album eines
    Künstlers (Artist) in dem sich erwachsene Gedanken wieder finden, die
    ohne Kaschmirschal und Aphorismen aus dem Glückskeks daher kommen.
    Meiner Meinung nach ein Album aus einer Phase in der man einfach mal
    keine Lust mehr hat „Wack MCs“ zu dissen. Und genauso ist jetzt pp=mc2
    als Kunst zu sehen. Denn auch dieses hat Pi meiner Meinung nach nicht
    abgeliefert um irgendein Image zu pflegen. Es ist emotionaler Ausdruck
    aus einer Zeit im erwachsenen Leben in der man sich daran erinnert, wie
    leicht es doch manchmal ist Spaß zu haben. Mit holen Sprüchen und nem
    Sixpack Bier. pp=mc2 ist keine 180° Image Umkehrung und kein Selbstdiss.
    Es ist die Erinnerung daran, das Kunst Ausdruck eines Menschens ist und
    Kunst ist nur dann Kunst, wenn der der sie macht einen Fick drauf gibt,
    was andere sagen. Und deswegen ist „Chillig“ auch nicht gezwungen.
    Meiner Meinung nach hat Pi das sowohl bei pp=mc2 als auch bei „Kompass
    ohne Norden“ mit Bravour getan.

    Aber um doch auf einer
    versönlichen Note zu enden. Ich bin kein Pi-über-alles-in-den-Himmel-Lober. Textlich gesehen sehe ich zwar in Deutschland wirklich niemandem
    über ihn, aber leider rappt er inzwischen – meiner Meinung nach – leider
    wirklich zu monoton und nicht mehr emotional genug (!! Unterschied zu
    oben, da meinte ich das Konzept, nicht den Rapstil). Das fällt an drei
    Stellen besonders bitter auf:

    1. Im Intro, das Beatmäßig so
    sehr an Wu-Tangs 36 Chambers erinnert, dass man denkt, gleich
    zerschneidet Ghostface den Beat mit scharfer stimme wie einst auf „Bring
    da Ruckus“ … und dann kommt „nur“ Pi

    2. Als Pi beim fünften Lied sein eigenes „warum gibt es auf der Welt keine Liebe“ eincuttet.

    3. Als er im letzten Lied mit Kollegah, dem
    „ich-rappe-alles-monton-weil-man-durchs-Gefühle-zeigen-nicht-mehr-wie-ein-harter-boddybuilder-boss-wirkt-und-verwechsele-Geschwindigkeit-mit-Flow-Wack-MC“
    zusammen rappt und man leider kaum einen Unterschied feststellt.

  2. P.S. Das Lied „Abhängen“ als ein Trostpflaster für „Kompass ohne Norden Käufer“ zu bezeichnen ist schon lustig. Das zeigt mir 1. Dass der Rezensent Kompass ohne Norden gar nicht wirklich kennt und 2. Dass er dann wohl so einiges aus der alten Porno Zeit verpasst hat, in die er es nicht einzuordnen vermag.
    Das Lied chillig passt übrigens perfekt zu kkff und die löffelparabel passt in meinem Augen viel besser auf Zeit ist Geld oder TMHS 1 als Spur der Steine.

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