Buch-Review: Selim Özdoğan – Der die Träume hört

Eine Buchbesprechung? Auf rap.de? Echt jetzt? Ja. Weil in Selim Özdoğans Kriminalroman „Der die Träume hört“ mehr Rap und HipHop steckt, als in der gesamten Modus Mio-Playlist.

Das hat auch das Feuilleton bemerkt, weswegen das Buch gerne als „HipHop-Roman“ bezeichnet wird. Das allerdings ist in seiner „Bild“-haften Verknappung eine starke Untertreibung. „Der die Träume hört“ atmet auf fast jeder Seite Rap. Aber es ist trotzdem weit mehr als nur eine nette Geschichte rund um unsere Lieblingskultur.

Rap ist das Blut

Rap ist der rote Faden des Buchs, der Treibstoff, das Blut, das durch seine Adern rinnt. So spiegelt sich in der Grundkonstellation des Romans ein Rap-Generationenkonflikt wider: Der Vater (und Ich-Erzähler) Nizar ist mit Snoop, Dre und Wu-Tang aufgewachsen, sein 17-jähriger Sohn Lesane feiert Haft, Xatar und die KMN Gang.

Somit gibt Rap den Soundtrack des Buches ab, verdeutlicht durch immer wieder elegant eingestreute Zitate und Verweise auf einzelne Songs. Doch damit ist längst nicht alles über „Der die Träume hört“ gesagt. Es sind nicht nur die Vorlieben für unterschiedlichen Rap, die Vater und Sohn gleichzeitig trennen und vereinen.

Beide sind im fiktiven sozialen Brennpunkt Westmarkt aufgewachsen. Nizar hat es aus dieser Welt, in der Dealer und andere Gangster den Ton angeben, herausgeschafft und ist Privatdetektiv geworden. Sein Sohn Lesane, den ihm ein One-Night-Stand erst nach 17 Jahren vorstellt, ist dagegen noch voll drin – und verdingt sich als Kleinticker.

Drei Generationen postmigrantisches Leben

In der spannungsreichen Beziehung zwischen Vater und Sohn sowie Nizars Ziehmutter Sevgi spiegeln sich drei Generationen postmigrantisches Leben in Deutschland wider. Mit sehr genauem Blick und viel Herz arbeitet der Autor den Widerspruch zwischen Wunsch nach sozialem Aufstieg und rassistischer Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft heraus, in denen sich seine Figuren bewegen.

Und dann ist da ja auch noch die vordergründige Handlung des Romans. Nizar jagt als Privatdetektiv den Darknet-Dealer Toni_meow. Lesane hilft ihm dabei.

„Der die Träume hört“ ist ein vielschichtiger Roman, der aber nie konstruiert oder überladen wirkt. Das gilt besonders auch für die authentisch wirkenden Dialoge, die komplett ohne Klischees und Stereotypen auskommen. Das Buch hat wirklich alles, was rapbegeisterte Leser*innen sich wünschen können: Spannende Handlung, viele Rap-Bezüge, eine klare Sprache und glaubwürdige Figuren, in die man sich hineinversetzen kann.

Lies hier das Interview mit Selim Özdoğan, das unser Autor Adem Ferizaj geführt hat.

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