Review: Döll – Nie oder jetzt.

Rien ne va plus, nichts geht mehr. An diesem Punkt war Döll während seiner Produktionsphase für sein Album anscheinend öfter – sowohl persönlich als auch beruflich. Die Karriere wollte nicht so laufen, wie man sich das so vorstellt und dann kam noch die Spielsucht dazu. Durch Lines wie „Stand kurz vor dem Aus und besoffen vor 17 in Essen“ oder „Spielsucht fühlt sich an wie die Sucht nach ’nem Opiat, Dicker“ werden die Abgründe klar, in denen sich der Darmstädter nach der 2015 erschienenen „Weit entfernt EP“, befand.

Therapie und Psychoanalyse in einem

„Nie oder jetzt.“ ist für Döll Therapie und Psychoanalyse in einem. Über mehr als drei Jahre arbeitet er mit Unterbrechungen an seinem Debütalbum und ist dabei laut eigener Aussage an seine Grenzen gegangen.

Zu klassischen Boombap-Beats rappt er eindringlich über die Sucht nach dem Glücksspiel. Auf „Waldemar“ spittet Döll in der dritten Person über seine Zeiten am Spieltisch und Wettbüros, wie Verlieren und Gewinnen ihn fast kaputt gemacht haben. Er belässt es aber nicht bei solchen konkreten Schilderungen, sondern wandelt seine innere Zerrissenheit, irgendwo zwischen Narzissmus und krassen Selbstzweifeln, in ehrliche, persönliche Texte um.

Keine Depri-Platte

Trotz des verkopften und schweren Vibes ist „Nie oder Jetzt.“ aber keine Depri-Platte. „Ich bleib“ ist zum Beispiel eine Hommage an seinen Hoffnungsträger und älteren Bruder Mädness, mit dem er ein sehr enges Verhältnis hat. Ähnlich vom Aufbau ist der Track „Ich probier’s“. Eine anscheinend gescheiterte Beziehung liegt in der Vergangenheit, wird aber trotzdem nicht aufgegeben.

Sich keine Features auf das Album zu holen, unterstützt den thematisch gesetzten Fokus sehr positiv und lenkt nicht von seiner eigentlichen Message ab. Insgesamt gibt Fabian Döll mit dem Album einen tiefen und sehr persönlichen Einblick in sein Leben und erzählt dabei seine Geschichte übers Scheitern und doch wieder Aufstehen. Der Darmstädter erschafft dreizehn Tracks, die mit dem aktuellen Zeitgeist nicht viel zu tun haben. Trotzdem ist er ist mit „Nie oder Jetzt.“ textlich und musikalisch zeitgemäßer als die ganzen Ami-Clones – manchmal ist back to the roots eben doch die größere Revolution.

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