Review: Ruffiction – Ausnahmezustand

Bei Ruffiction herrscht „Ausnahmezustand“ – und das, obwohl deren Normalzustand für einen gesunden Menschen schon die totale Eskalation darstellt. Crystal F, Arbok48 und Crack Claus haben richtig viel Wut im Bauch. Die kanalisiert das Trio in einer Inbrunst, die man so lange nicht mehr im Deutschrap gehört hat.

Dieser glaubhaft aggressive Vortrag ist es auch, der „Ausnahmezustand“ so interessant macht. Man hört den Protagonisten schlichtweg in jedem gerappten Wort an, dass dieses Ventil absolut nötig ist. Inhaltlich wird aber nicht den eigentlichen privaten Problemen und Issues Luft gemacht, stattdessen wird so ekelhaft übertrieben, wie es überhaupt nur möglich ist.

Wenn Crystal F auf „Darknet“ schildert, wie er im Drogenrausch seine eigene Mutter anal penetriert, „auch wenn die Schlampe manchmal stinkt, als ob sie Scheiße im Mund hat“, dann ist das an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Ob einem das gefällt, ist wohl eine Frage des Geschmacks und der geistigen Gesundheit. Andere Lines kommen da durchaus gefälliger und punkten mit pointiertem Wahnwitz, die nicht unbedingt Übelkeit hervorruft, etwa wenn Arbok48 verkündet, dass er seit Jahren keine Kneipe mehr von außen gesehen hat. Das Themenspektrum bewegt sich jedenfalls zumeist zwischen Drogenexzessen, Gewaltausbrüchen, sexueller Perversion und misanthropischen Anwandlungen.

Ab wann die Grenze des guten Geschmacks letztlich überschritten ist, muss jeder für sich entscheiden – mit Songs wie „Kindersoldaten“, in dem sich gewünscht wird, als eben solcher ein Leben ohne Regeln zu fristen, lehnen Ruffiction sich aber verdammt weit aus dem Fenster und ringen einem zwar im ersten Moment durchaus ein entrüstetes Glucksen ab, bleiben aber dann leider doch berechenbar eindimensional, statt das Terrain für subtile Kritik auszunutzen. Songs wie „Allergisch gegen Menschen“ oder „Haltung“ lassen zwar ebenfalls einen doppelten Boden vermissen, funktionieren aber hervorragend als das, was sie sein sollen: Eine Hymne, ein Apell und ein verdammter Banger.

Das können Ruffiction: Laute, mitreißende Auf-die-Schnauze Songs für den Moshpit. Die Drums brettern wuchtig aus den Boxen, voluminöse Synthies und Basslines treiben den düsteren Sound kraftvoll voran. Mit ihrem energischen Vortrag halten die Protagonisten den monströsen Beats aber locker stand, zumal Arbok und Crystal F hervorragende Rapper sind und diesen Unterbau voll ausnutzen.

Dass „Ausnahmezustand“ harte Kost ist, steht außer Frage. Die irrwitzigen Abarten verlangen dem Hörer ein dickes Fell ab, auch wenn die ein oder andere Zeile schnell als offensichtliche Provokation entlarvt ist. Ruffiction wollen aufs ekelhafteste auf die Kacke hauen und das gelingt ihnen. Momente wie „Hässlich“, in denen die eigenen Erfahrungen als Opfer von Mobbing ungeschönt geschildert werden, fügen dem aber eine interessante und ergreifende Facette hinzu. Musikalisch ist „Ausnahmezustand“ sowieso astreine Kost, die zeitgenössischen Trends konsequent ausweicht und stattdessen auf ein grundsolides Fundament und die raptechnische Stärke des charismatischen Trios setzt.

Ausnahmezustand (LTD. Boxset)
  • Ruffiction, Ausnahmezustand (LTD. Boxset)
  • Ruffiction Prod. / Distri (Soulfood)
  • Audio CD

3 KOMMENTARE

  1. Lustig, bei JBG3 heißt es „ach das schockt nicht mehr im Jahre 2017, der Witz wurde schon zu oft erzählt, das ist außerdem geschmacklos“.
    Hier rufen geschmacklose Zeilen plötzlich doch wieder ein „entrüstetes Glucksen“ hervor.
    Bei JBG 3 heißt es „das auf neumodischen Sound verzichtet wurde könnte ein Pluspunkt sein aber ist aber irgendwie nicht“ (weil zuviele Reime oder so, typisches Skinny drumrumgelaber eben).
    Hier heißt es „Musikalisch ist Ausnahmezustand sowieso astreine Kost, die zeitgenössischen Trends konsequent ausweicht und stattdessen auf ein grundsolides Fundament und die raptechnische Stärke“.

    Ich bin KEIN Kollegah und Farid Fan, im Gegenteil. Auch weiß ich das die Platten nicht wirklich zu vergleichen sind. Trotzdem zeigt das einmal mehr das Skinny einfach ein parteiischer Kek ist. Wie er sich um Kopf und Galle redet konnte man ja schon bei Prinz Pi sehen.

  2. Beim Lesen dieses reviews, ging mir exakt das durch den Kopf, was mein Vorredner hier schon vermerkt hat. Aus diesem Grunde schließe ich mich diesem Kommentar ausnahmslos an.

  3. „Wenn Crystal F auf „Darknet“ schildert, wie er im Drogenrausch seine eigene Mutter anal penetriert, „auch wenn die Schlampe manchmal stinkt, als ob sie Scheiße im Mund hat“, dann ist das an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten.“

    Aber Diskussionsrunden über „Was darf Battlerap“ machen, doppelmoralische Scheisse

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