Review: Haze – Die Zwielicht LP

Das Wort Zwielicht findet seinen Gebrauch in den unterschiedlichsten Kontexten. Ob nun von der Dämmerung die Rede ist oder einer zwielichtigen Gestalt, in jedem Fall steht es für etwas düsteres, finsteres und teils auch für etwas dreckiges. Da alle kumulierten Attribute sich im positiven Sinne mit der Musik von Haze vereinbaren lassen, hätte der Karlsruher wohl keinen signifikanteren und treffenderen Titel auswählen können und macht nach „Guten Abend, HipHop“ bei der Titelwahl hier schon wieder alles richtig.

In Sachen Inhalt und Soundbild trifft die Redewendung „HipHop to the fullest“ den Nagel auf den Kopf. Der charismatische, badische Kroate hat sich mal wieder keinen Zacken aus der Krone gebrochen und stellt sein Talent auf den unterschiedlichsten Ebenen unter Beweis. Geschichten von der Straße, gepackt auf BoomBap-Beats und Samples, die an den 90’er Eastcoast-Sound erinnern. Die Scratches im Outro von „Einmal Karlsruh, immer Karlsruh“ oder in der Hook von „Stara škola“ verpassen dem Sound den endgültigen Trueschool-Flavor, ohne dabei hängengeblieben zu wirken.

Der Karlsruher erzählt Stories, deren Wahrheitsgehalt zu keinem Zeitpunkt zweifelhaft erscheint. Ein zentrales Element der Platte ist beispielsweise der Einbruch, der ihm in seiner Zeit in Freiburg widerfuhr. Auf „Kletter nicht durchs Fenster rein“ und „Leise“ thematisiert Haze den Vorfall noch konkreter und erzählt, wie sein Pitbull die Situation blitzschnell geregelt hat. Dabei variieren die Songs zwischen Storytelling und unmissverständlicher Ansage an zukünftige Einbrecher.

Des Weiteren geht es um das Leben in der süddeutschen Großstadt und den damit einhergehenden Problemen wie Drogen, Prostitution und Gewalt. Klar hat es diese Themen allesamt schon zu Genüge gegeben, aber durch sinnbildliche Aussagen wie „Pisser könn‘ noch nicht mal Auto fahren und heben schon Pistole“ oder Metaphern wie „noch immer spielt das Viertel Schach und wir sind die Figuren“ verleiht Haze seinen narrativen Lyrics eine gewisse Spannung und ein Stück weit auch einen anderen Blickwinkel. Der sonst so fade Drug- and Guntalk erstrahlt hier in neuem Glanze.

Überhaupt: Bei den Geschichten von Haze hört es sich nie so an, als wären sie an den Haaren herbeigezogen oder ausgeschmückt. Der Karlsruher rekonstruiert schlichtweg die Geschehnisse, packt sie in den Takt und therapiert sich dabei selbst. Mit Hilfe von passenden Skits schafft er auch gelungene Übergänge zwischen den Songs und mit seinem abwechslungsreichen, druckvollen Flow ist es daher auch kein Wunder, dass sich das am Ende des Tages in der Qualität des Albums niederschlägt.

Der einzigartige Slang des Badeners und einzelne fremdsprachige Wörter, die manche vielleicht nicht auf Anhieb peilen, kommen natürlich nicht zu kurz und machen Haze unterm Strich zu einem absoluten Unikat. Auf Worte wie „Zeko (kroatisch für „Hase“) oder „slušaj“, was ebenfalls aus dem Kroatischen kommt und so viel wie „hör zu“ bedeutet, folgen türkische Wörter wie tavşan (Hase). Badische Slang-Passagen wie „als Ratschlag kriegsch’n Päckle“ sorgen dann auch für den endgültigen Wiedererkennungswert. Das alles wird nur noch getoppt von seiner glaubhaft abgebrühten Attitüde, bei der ich ihm als Hörer ohne Wenn und Aber jedes Wort aus der Hand fresse. Daher ist die Line „gehts um Rappen, bin ich Zlatan“ auch keineswegs vermessen, sondern mehr oder weniger Fakt.

„Die Zwielicht LP“ kommt ohne biedere Soundtrends oder ähnlichen Schnickschnack aus. Nach seinem letzten Album zweifelte ich daran, dass Haze „Guten Abend, HipHop“ noch einmal toppen könne. Aber dadurch, dass der Karlsruher hörbar an seiner Technik, seinen Hooks und grundsätzlich an sich als Künstler gearbeitet hat, gibt es auf der neuen Platte keinerlei Unzulänglichkeiten. Im Gegenteil: Der Rapper hat seine Erzählungen noch besser auf den Punkt gebracht und in jeder Hinsicht eine Schippe drauf gelegt. Da trotz instrumentaler Ähnlichkeiten jeder Song für sich steht und eine eigene Atmosphäre erzeugt, genießt diese Platte für mich den Status „unskippable“ und das kommt sehr, sehr selten vor. Im Interview mit MC Bogy sagte Haze über sein Album: „kratzt und knistert hier und da die Platte, aber so muss halt auch sein weisch“ – dem kann ich nur zustimmten.

Die Zwielicht LP
  • Haze, Die Zwielicht LP
  • Alte Schule Records (Universal Music)
  • Audio CD

 

 

 

 

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