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Olson

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Über Olson wird geredet, soviel steht fest. Zwar interessieren einige sich mehr für seine schicke Frisur oder seinen Kleidungsstil als für seine Musik, aber daran hat sich der Düsseldorfer längst gewöhnt. Da rein, da raus, lautet die Devise. Seit gestern wird aber tatsächlich wieder mehr über seine Musik geredet, denn da erschien bei den Kollegen von hiphop.de seine EP "40213" zum freien Download. Derzeit, das verriet Gerard kürzlich im rap.de-Interview, arbeitet Olson in Stickles Krabbe-Studio an seinem Album. Im Interview erzählte er uns von seinen Anfängen, seiner Hartnäckigkeit im Umgang mit Veranstaltern und Presse, seine Trennung von Freunde von Niemand, seinen Style, sein Studium, seine geliebte Düsseldorfer Altstadt und vieles mehr. Ebenfalls anwesend war Prinz Pi, der sich allerdings nur einmal kurz in das Gespräch einschaltete.

rap.de: Im zu Ende gehenden Jahr 2011 hat sich dein Bekanntheitsgrad beträchtlich erhöht.  Was hat sich dadurch für dich geändert?

Olson: Verändert hat sich, dass ich bis vor kurzem noch alles alleine gemacht habe. Ich habe mir immer Leute gesucht, bei denen ich aufnehmen konnte, hab mir übers Internet Beats besorgt und meine Musik umsonst ins Internet gestellt. Ich hatte nie wirklich Support. Also bin ich die ganzen Veranstalter immer selber angegangen und habe versucht, sie zu überzeugen, mich auftreten zu lassen, obwohl sie mich gar nicht kannten. Das hat auch ganz gut geklappt. Aber mittlerweile unterstützen mich Leute und kucken, dass sie mich auf den rechten Weg bringen (grinst). Auf den richtigen, meine ich natürlich.

rap.de: Das heißt, davor saßt du weitgehend allein auf weiter Flur in Düsseldorf und hast dich alleine durchgekämpft.

Olson: Genau. Ich habe in der 1×1 Meter großen Abstellkammer meines besten Freundes mit einem Fame Kondensatormikrofon ein paar Songs aufgenommen, manchmal auf Amibeats, manchmal auf selbst produzierte Beats. Das hat aber noch keiner so richtig wahrgenommen, ich habe damals so ein Album gemacht, für das ich das Booklet selber ausgeschnitten habe. Das habe ich auf dem Schulhof für 5 Euro verkauft, es gab irgendwie 20 Stück davon oder so. Dann habe ich das "Rudeboy"-Album gemacht. Ich habe über einen Freund jemanden kennen gelernt, der in Mönchengladbach ein Homestudio hatte. Da haben wir dann zusammen diese zehn Songs fertig gemacht, mit im Internet gekauften Beats. Ich habe das vom Zeitraum her glaube ich ganz gut platziert, weil es etwas Eigenes war. Es war noch ein bisschen hart, aber auch sehr auf Technik ausgelegt, die Härte wurde durch gesungene Hooks wieder ein bisschen raus genommen. Ich möchte nicht sagen, dass es was groß Neues war, aber vielleicht schon ein bisschen innovativer. Es kam ja auch ganz gut an. Darauf habe ich mich dann zwar nicht ausgeruht, aber es zunächst einmal dabei belassen und geguckt, dass ich livemäßig viel unterwegs bin. So hat alles seinen Lauf genommen. Ich habe im richtigen Moment die richtigen Leute kennen gelernt.

rap.de: Welche Leute waren das?

Olson: Zuerst Leute wie Vega, der auf mich aufmerksam wurde. Das war auch ein Vorteil. Denn durch Vega bin ich an DJ Stickle gekommen und kenne jetzt die Beatlefield-Jungs ganz gut. Durch eine gemeinsame Freundin habe ich Prinz Pi kennen gelernt, der mich dann auch auf Tour mitgenommen hat, nachdem ich ihn lange genug genervt habe.

rap.de: Tatsächlich genervt?

Olson: Ja (lacht).

rap.de: Sein Management ist ja inzwischen auch deins, oder?

Olson: Genau. Jedenfalls, durch diese Tour, die wir mit ihm gespielt haben, hat sich einfach sehr viel ergeben. Die Infrastruktur stimmt mittlerweile, darauf lässt sich natürlich viel mehr aufbauen, als wenn man es als Ein-Mann-Unternehmen versucht. Ich bin also recht zuversichtlich. Ich denke auch, dass ich da an die richtigen Leute geraten bin. Da stimmt es persönlich, die haben alle Ahnung, von dem was sie machen und gute Visionen. Zusammen können wir das glaube ich gut umsetzen.

rap.de: Was genau war denn deine Vision am Anfang? Welchen Background hast du?

Olson: Am Anfang habe ich, wie es wahrscheinlich jeder am Anfang macht, nachgemacht. Das war auch total unterschiedlich. Zuerst war ich total angefixt von Savas, dann war ich auch ein sehr, sehr großer Beatfabrik-Fan. Ich habe aber auch so Sachen wie “Carlo Cokx Nutten“ total gefeiert, das war auch großartig. Die Musik, die ich damals gemacht habe, klang immer so wie das, was ich gerne gehört habe. Ich weiß nicht, ob letztendlich so ein Mix aus allen Sachen, die ich mag, dabei herausgekommen ist oder wie ich auf die Sachen gekommen bei diesem "Rudeboy"-Ding bin. Aber das war der Ursprung.

rap.de: Und was war dein Antrieb, selber zu rappen?

Olson: Der Antrieb war von Anfang an, es darüber auszudrücken, wenn mich irgendetwas belastet hat. Mit 12 habe ich mal einen Text geschrieben, weil meine Eltern mir irgendetwas verboten haben. Es hätte ja nichts gebracht, mich mit denen zu streiten. Deshalb habe ich einfach versucht, das irgendwie so raus zu lassen und das hat ganz gut geklappt. Also habe ich immer weiter geschrieben, habe dann mit Freunden in meinem Keller mit 13 gefreestylet, mit 14 bin ich auf die örtlichen Freestyle-Cyphers gefahren. Da wurde ich aber überhaupt nicht akzeptiert. Ich war halt erst 14 und hatte damals so kinnlange Skater-Haare, die fanden mich total unkredibil. Über die Jahre habe ich es aber schon geschafft, da akzeptiert zu werden. Ich war auch in Düsseldorf, im Icklack Squad, jeden Donnerstag, da waren auch Leute wie Adi von Millionadi, MC Torwart, eine Freestyle-Legende, Jesen war da, sogar Farid Bang war am Ende da. Toxik (Chefredakteur von hiphop.de – Anm. d. Verf.) war auch da.

rap.de: Hat er auch gerappt?

Olson: Nein (lacht). Ich hatte daran jedenfalls so viel Spaß, ich habe auch so ziemlich alles andere vernachlässigt. Ich war nie ein großer Sportler, war auch nie besonders gut in der Schule, weil ich immer total dieses Rapding im Kopf hatte. Nicht nur unbedingt, es selber zu machen, sondern auch zu konsumieren, auf Jams zu fahren und so. Dann hatte ich wohl einfach den Anspruch an mich selbst, wenn ich schon so viel Zeit da rein stecke, da auch was draus zu machen. Ich hab dann auch relativ großen Zuspruch von den Leuten bekommen, also habe ich den Entschluss gefasst.

rap.de: "Ich werde auch ein Rapper".

Olson: Genau (lacht). Und wie gesagt, lange Zeit war ich nur auf mich allein gestellt. Zu dieser “Rudeboy"-Zeit habe ich zum Beispiel mal ein Interview mit euch gemacht, aber ihr seid nicht auf mich zugekommen, sondern ich habe einen Redakteur von euch solange genervt, bis er das gemacht hat. Das habe ich immer so gemacht, einfach nicht lockergelassen. Es gibt eine Geschichte von der Rheinkultur, das war drei Monate, nachdem ich das Album ins Netz gestellt habe. Der Veranstalter hat gesagt: Wer bist du? Darauf meine ich, ich bin der Olson, hier, ich schick dir mein Album. Er meinte, ja, ist okay, aber unser Line-Up ist dicht. Dann meinte ich, komm, gib mir um elf Uhr fünfzehn Minuten. Ich will weder Gage noch Anfahrtskosten, lass mich da nur irgendwas machen. Er meinte aber, nee, das geht nicht. Ich so: Warum geht das denn nicht? Irgendwie legt da doch immer irgendwann ein DJ-Team in der Mitte auf, Mann, lass mich einfach anstelle von denen auftreten! Darauf meinte er, na gut, dann machen wir das halt. So hat es eigentlich immer ganz gut funktioniert. Mittlerweile ist es natürlich viel einfacher. Das freut mich auf jeden Fall, das zeigt mir, dass es sich gelohnt hat, so hartnäckig zu bleiben.

rap.de: Was ja auch zeigt, dass du anscheinend einfach sehr überzeugt bist von dem, was du machst.

Olson: Ja, überzeugt, aber bescheiden. Natürlich würde ich nicht so damit an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich es nicht für gut halten würde. Aber ich finde es ganz wichtig, immer höflich zu bleiben. Nicht nur, weil man von den Leuten abhängig ist, sondern einfach aus einer gewissen Respekthaltung heraus. Das wurde mir so beigebracht, deshalb finde ich es wichtig, höflich und bescheiden zu bleiben. Aber trotzdem eben bestimmt aufzutreten, zu sagen, das bin ich, das kann ich und wie wäre es denn, wenn wir auf einen Nenner kommen? Mit der Schiene bin ich bisher ganz gut gefahren.

(Prinz Pi kommt herein, setzt sich zu uns und öffnet die noch verschweißte Savas-Issue der Juice)

Olson: He, die wollte ich mir doch eingeschweißt in den Schrank stellen!

Prinz Pi: Würdest du dich denn freuen, wenn es mal eine Juice über dich gäbe?

Olson: Also, GQ fände ich schon cooler. (Gelächter) Nein, die Juice fände ich natürlich cool. Ich glaube aber nicht, dass es jemals dazu kommen wird. Savas war ja schon ein wegweisender Mann.

rap.de: Gerade auch für dich, wie du vorhin erwähnt hast.

Olson: Auf jeden Fall. Ich habe damals eine selbstgebrannte CD vom Bruder meiner damaligen besten Freundin bekommen. Mit 13 glaube ich. Die war unbeschriftet, aber darauf waren Songs wie "Schwule Rapper", "LMS" oder "Ihr müsst noch üben" mit STF. Natürlich hat er da zehnmal in jedem Song seinen Namen gesagt, aber es gab ja noch nicht die Möglichkeit, im Internet nachzuforschen, wer das denn nun ist. Irgendwann habe ich eine Wicked-Ausgabe gesehen, in der ein zweiseitiges Interview von Savas war, das habe ich mir dann ausgeschnitten und an meine Wand gehängt. 2002 war ich in Wuppertal auf einer X-Mas Jam, da ist Kool Savas mit Jack Orsen als Back-Up aufgetreten. Das waren super Momente, weil das heute ja gar nicht mehr so stattfindet. Wenn man irgendetwas Neues hört, hört man es wahrscheinlich sowieso im Internet und da steht dann ein Name drüber. Nach dreißig Sekunden hat man alle Informationen über diese Person. Wie sieht er aus, wann ist der nächste Auftritt, wo kann ich hinfahren? Aber damals war noch richtig viel Spannung und Leidenschaft im Spiel. Das war schon gut.

rap.de: Gab es noch weitere Wegweiser außer Savas?

Olson: Ja, diese Ruhrpottleute, ABS, Creutzfeld & Jakob, fand ich super. Ich war auch auf jedem Beatfabrik-Konzert bei uns im näheren Umkreis in Neuss, wo ich mit 14 auch immer freestylen war. Das war, was mich in meiner frühen Zeit geprägt hat. Es gibt aber immer noch Leute, wo ich sage, das finde ich gut, was die machen. Damit halte ich nicht hinterm Berg, mit den Props, wie man so schön sagt. Aber wir müssen ja auch kein Namedropping jetzt machen.

rap.de: Du bringst in dieser Game auch äußerlich einen wieder erkennbaren Style mit. Einen Style, den man auch karikieren kann, was ja auch schon geschehen ist. Nervt dich das eigentlich, wenn über deine Frisur geredet wird?

Olson: Anfänglich hat es mich genervt, mittlerweile ist es mir total egal. Wenn man selbst sich damit nicht wohl fühlt, sprechen einen Leute darauf an. Das ist wie damals, als ich mir vor vier, fünf Jahren eine Glatze geschnitten habe. Ich wurde unfassbar beschimpft in der Düsseldorfer Altstadt, weil man damit eine politische Einstellung verbunden hat. Ab dem Moment, wo ich es aber einfach als Teil von mir gesehen habe, mir gesagt habe, das ist jetzt einfach meine Frisur, hat das auch direkt aufgehört. In der Anfangsphase von, äh, Haaren hört man sich eben auch einiges an, aber das mir total egal. Ich würde die Frisur nicht tragen, wenn es mir selbst nicht gefallen würde. So selbstbewusst bin ich, dass ich das hinnehmen kann.

rap.de: Deutschrap 2011 ist auch eher bereit für so was, oder? Vor drei, vier Jahren hätte man dich wahrscheinlich gesteinigt.

Olson: Naja, es gibt immer noch genug, die am klassischen Lederjacke-Tyson-Schnitt-Style festhalten. Aber das ist wahrscheinlich einfach nicht die Zielgruppe für meine Musik. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass Leute, die mit meiner Musik sympathisieren, es einfach auch akzeptieren, selbst wenn sie es mit ihrem Geschmack nicht vereinbaren können. Es geht ja um Musik, und nicht um Haare. 

rap.de: Wobei HipHop eben auch Style ist.

Olson: Auf jeden Fall, das ist auch wichtig. Aber: Mein Vater hat das mal gesagt, als er mitgekriegt hat, dass so viele Leute in der Szene sich über bestimmte Outfits auslassen. Er meinte, das ist doch total paradox, denn in dieser Szene wollten doch anfangs alle anders sein, wollten alle ihre Baggyhosen tragen und ihre Nachthemden, ihre schiefen Kappen. Und sind wild geworden, wenn die Großtante beim Geburtstag des Vaters meinte: Gab's die Hose nicht in deiner Größe? Gerade dann ist es doch total komisch,  dass genau diese Leute sich negativ über andere äußern, nur weil die wiederum nicht deren Geschmack entsprechen. Unter dem Aspekt ist es für mich einfach eine hinfällige Diskussion. Das berührt mich nicht besonders.

rap.de: Aber Style ist dir schon wichtig? Du achtest schon darauf, wie du dich kleidest?

Olson: Auf jeden Fall. Sehr wichtig. An den Federn erkennt man einen Vogel. Eitelkeit spielt schon eine Rolle. Aber das ist ja auch vertretbar, beim modernen Mann.

rap.de: Du siehst dich also als modernen Mann?

Olson: Ja, auf jeden Fall. Es ist vollkommen okay, auf sein Äußeres zu achten, auf seine Kleidung zu achten. Auf Hygiene und Pflege zu achten. Das ist nicht weich, das ist nicht feminin, sondern gehört einfach dazu. Es kommt ja auch gut an bei den Damen. (lacht)

rap.de: Wieviel Zeit verbringst du denn durchschnittlich im Badezimmer?

Olson: Nicht sonderlich viel (lacht). Es ist nicht außergewöhnlich, so viel Arbeit ist dann auch nicht nötig.

rap.de: Du hast vorhin Vega erwähnt, der schon früh auf dich aufmerksam wurde. Kurz vor der Tour kam es aber zur Trennung von Freunde von Niemand. Was ist da schief gelaufen?

Olson: Nichts ist schief gelaufen, man hat sich einfach nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen können. Da gab es kein böses Blut oder sonstige zwischenmenschlichen Differenzen. Es hat einfach nicht gepasst und dann finde ich es auch okay, wenn man das ausspricht und cool auseinander geht. Es muss ja nicht immer gleich ein Krieg dranhängen. Es ist alles gut. Ich bin auch sehr gespannt auf sein Album im Januar.

rap.de: Also wird es keine Disstracks hin und her geben?

Olson: Auf gar keinen Fall. Ich bin bekennender Vega-Fan. Ich habe mich halt in dieser Labelphilosophie nicht wieder gefunden. Mit dieser Anti-Haltung wollte ich nicht in eine Szene reingehen. Das, was sie machen, finde ich aber super, damit werden sie auch erfolgreich sein und viele Leute ansprechen. Aber ich gehe in eine andere Richtung.

rap.de: In welche denn konkret?

Olson: Letztendlich soll es einfach schlüssiger sein. Und, wie gerade jeder sagt, es soll musikalischer werden. Es soll vor allem mehr Liebe im Detail stecken. Keine zusammengekauften Beats mehr, sondern welche, die musikalisch durchdacht sind.

rap.de: Reden wir jetzt von der EP oder von dem Album, das danach erscheinen wird?

Olson: Beides. Das baut ja aufeinander auf. Bei dem Album wird noch viel mehr Arbeit drinstecken. Da wird es sicher einen qualitativen Unterschied geben, einen deutlichen. Die EP bildet eine Stufe der Treppe, die zum Album führt, das sich im Obergeschoss befindet, hoffentlich.

rap.de: Die EP heißt "40213". Das ist die Postleitzahl der Düsseldorfer Altstadt. Deine bevorzugte Feiergegend?

Olson: Ja, richtig. Also, nicht nur als Feiergegend, die Düsseldorfer Altstadt ist ja nicht nur die längste Theke der Welt. Die ist auch schön anzusehen. Da gibt es viele alte Gebäude, die noch gut erhalten sind. Aber was ich damit verbinde, ist einfach, dass ich, seitdem ich 14 war, jedes Wochenende dort verbracht habe. Dabei ist sehr viel positives, aber auch negatives passiert. Viele Freunde dort gefunden, viele Freunde dort verloren. Wenn du mich fragst, wo ich herkomme, dann sage ich Düsseldorf und im Blick habe ich dabei die Altstadt. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren. Da fühle ich mich zuhause.

rap.de: Du bist also ein Nachtmensch, der aufs Wochenende hin lebt?

Olson: Das auf jeden Fall. So kann man das stehen lassen.

rap.de: Trotzdem machst du keinen klassischen Partyrap, sondern sparst auch die düsteren, schmutzigen Seiten nicht aus.

Olson: Genau. Diese ganze Feierkultur hat ja auch eine sehr melancholische Seite. Eine sehr traurige Seite. Durch dieses ganze Ding, Wochenende, schick anziehen, versucht man, den Alltag zu verdrängen. Den Menschen, der man wirklich ist, zu verkleiden. Man tut häufig so, als wäre dieses Wochenende das richtige Leben, als wäre alles High Life, gibt sich Küsschen links-rechts, ach, du auch hier. Letztendlich kehrt aber jeder am Montag wieder zurück an seinen Schreibtisch oder in den Hörsaal und führt die nächsten fünf Tage wieder ein tristes Leben. Diesen Punkt finde ich am interessantesten an dieser Feierkultur.

rap.de: Das Widersprüchliche also.

Olson: Das Widersprüchliche und vor allem diese dunkle Seite, denn das High Life ist ja für jeden gleich ersichtlich, der daran teilnimmt. Aber keiner hinterfragt das und schaut auch mal auf die düstere Seite. Ich stelle das metaphorisch so dar wie einen Betonklotz, den man mit sich trägt. Den stellt man einfach am Wochenende in irgendeine Lokalität und deckt ihn schön mit einer Tischdecke, legt ein paar Goldbarren drauf und gießt ein bisschen Champagner drauf, so dass alle denken, wow, was für ein toller Betonklotz. Aber am Montag ist er dann halt wieder nur aus Stein und grau und hat Kanten.

rap.de: Und wo findest du dich am Montag wieder? Im Büro oder im Hörsaal?

Olson: Im Hörsaal. Ich studiere BWL.

rap.de: Aha, sehr zukunftsorientiert.

Olson: (seufzt) Naja. Theoretisch ja. Praktisch wollte ich aber auf jeden Fall in eine andere Richtung gehen, Kommunikationswissenschaft war das ursprüngliche Ziel. Aber natürlich will man auch nicht herumhängen oder einen Kellnerjob machen, bis der gewünschte Studienplatz frei ist.  Also ist es eben einfach BWL geworden. Das war für mich von Anfang an eine Zwischenlösung. Sobald sich irgendwas ergibt, wo ich sage, da sind neue Horizonte, die ich anpeilen kann, werde ich das auf jeden Fall aufgeben.

rap.de: Es liegt dir also nicht am Herzen?

Olson: Es liegt mir gar nicht am Herzen. Es hat aber auch interessante Aspekte. Es gibt da ja auch Marketingbereiche oder Fächer wie e-Business, wo Shopsysteme hinterfragt werden, das finde ich schon interessant. Aber dieses betriebliche Rechnungswesen, naja. Nicht sehr begeisterungswürdig (grinst).

rap.de: Wie bist du jetzt eigentlich geschäftlich aufgestellt? Du bist immer noch ungesignt, oder?

Olson: Ja. Aber ich habe jetzt ein Management, das mich unterstützt, auch beim Albumprozess. Momentan gibt es noch keine Gespräche oder Verhandlungen, das wird dann halt im Zuge des Albumprozesses stattfinden. Man muss eben kucken, wo es hingeht und ob sich was finden lässt. Aber momentan gibt es noch nicht viel, worüber man reden kann.

rap.de: Okay. Aber was schwebt dir so vor? Willst du das Album lieber independent rausbringen oder suchst du schon nach einem Label?

Olson: Da habe ich eigentlich keine Präferenzen. Es muss einfach passen. Ich muss nicht Major sein, muss aber auch nicht Indie sein. Solange es für alle cool ist, ist es total egal, wo es herkommt oder wer es macht.

rap.de: Hast du schon angefangen, das Album aufzunehmen?

Olson: Nee, noch nicht.

rap.de: Was sind so die Pläne? Weißt du schon, mit wem du da zusammenarbeiten willst?

Olson: Nö, das ist zwar schon ungefähr klar, aber noch nicht im Kasten. Somit kann man auch noch keine Namen nennen. Aber es gibt auf jeden Fall ein kleines Team, es gibt Visionen, aber die jetzt vorwegzunehmen wäre natürlich desaströs. (Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Olson sein Album bei DJ Stickle aufnimmt. Gerard hat das im rap.de-Interview erzählt – Anm. d. Verf.)

rap.de: Hast du schon einen Titel für das Album?

Olson: Einen Arbeitstitel. Aber den kann ich auch noch nicht verraten. Geheimniskrämerei (lacht).

rap.de: Möchtest du sonst noch was loswerden?

Olson: Ja, das übliche: Die EP "40213" ist am 14.12. über hiphop.de erschienen, ich hoffe, das müsst ihr nicht schwärzen (lacht). Ich freue mich über jeden, der es sich herunterlädt und Feedback gibt.

Rick Ross wieder fit

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Am Freitag ist es soweit: Officer Ricky himself gibt sich mal wieder die Ehre und beglückt alle Fans von Maybach Music mit einem neuen Mixtape. "Rich Forever" heißt das gute Stück und soll die Wartezeit bis zum nächsten Album des Bawse, "God forgives, I don't" überbrücken helfen.

Besagtes Album hat sich etwas nach hinten verschoben, was mit den gesundheitlichen Problemen zusammenhängt, mit denen Rick Ross kürzlich zu kämpfen hatte. (rap.de berichtete: Rick Ross erleidet Herzanfall , Rick Ross hat Schlafmangel)

Nun scheint es dem beleibten Rapper wieder besser zu gehen. Inwiefern sich seine Krise musikalisch niedergeschlagen hat, erfahren wir spätestens am kommenden Freitag, dem 6. Januar und somit nach christlich-abendländischer Auffassung der Tag der heiligen drei Könige. Na, einer tut's in diesem Fall ja auch…

Das Cover des Mixtapes wird so aussehen:
 

„Geteiltes Leid 3“ kommt

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So langsam wird's anscheinend ernst. Der dritte Teil von Moses Pelhams "Geteiltes Leid" nimmt immer konkretere Formen an.

Gestern stellte das Frankfurter Urgestein schon mal zwei mögliche Cover auf seinem Facebook-Profil zur Auswahl. Kurz nach Weihnachten hatte er ebendort verkündet, noch ein letztes Mal Drums für diese Platte ("Geteiltes Leid 3") aufzunehmen.

Die beiden Coverentwürfe seht ihr hier, die Fotos dazu stammen von Katja Kuhl:
 

 
Das 3p-Mastermind veröffentlichte seine erste Platte "Raining Rhymes" bereits 1989, damals rappte er noch auf Englisch. Gemeinsam mit Rapper Thomas H. bildete er zwischen 1993 und 1998 das Duo Rödelheim Hartreim Projekt, das mit aggressiven Texten und Disses u.a. gegen die Fantastischen Vier für einen neuen Wind in der deutschen Sprechgesangsszene. Später brachte er Künstler wie Sabrina Setlur und Xavier Naidoo auf den Weg.

In der rap.de-Redaktion, wo man normalerweise nicht zu spontanen Gefühlausbrüchen neigt, löst der bevorstehende Release von "Geteiltes Leid 3" gespannte Vorfreude aus.

Zur Feier des Tages hier das Video zu "Schnaps für alle":
 

 

Xatar legt Revision ein

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Wer gedacht hatte, durch das Urteil im Goldraub-Prozess gegen Xatar und seine mutmaßlichen Mittäter werde ein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen, sieht sich nun eines besseren belehrt. Wie ein Sprecher des Stuttgarter Landgerichts mitteilte, haben Xatar sowie drei weitere Angeklagte Revision gegen das Urteil eingelegt. Kurz vor Weihnachten war Xatar zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt worden (rap.de berichtete).

Durch die Revision ist das Urteil nun vorerst nicht rechtskräftig. Das Gericht muss nun zunächst eine schriftliche Begründung seines Urteils vorlegen, sobald dies geschehen ist, müssen die Angeklagten ihre Revision begründen. Diese wird dann vor dem Bundesgerichtshof verhandelt.

Anlässlich des Urteils hatten wir euch eine Chronik der Ereignisse seit dem Goldraub zusammengestellt, die ihr hier noch mal findet:

Alibis, Gerüchte und Index (Februar 2010)

Kopfgeld auf Xatar ausgesetzt (März 2010)

Anklage gegen Rapper noch nicht erhoben (Juli 2010)

Xatar "jammert" vor Gericht (Oktober 2010)

2. Prozesstag im Fall Xatar (November 2010)

3. Verhandlungstag (November 2010)

4. Verhandlungstag (Januar 2011)

Der Fall Xatar (Januar 2011)

Xatar vor Gericht (Mai 2011)

Xatar gesteht Goldraub (Mai 2011)

Xatar-Geständnis frei erfunden? (Mai 2011)

Neue Geständnisse im Xatar-Prozess (Mai 2011)

Personalerweiterung im Fall Xatar? (Mai 2011)

Wurde Xatar gefoltert? (Juni 2011)

Neues vom Xatar-Prozess (Dezember 2011)

„Blutzbrüdaz“ in den Kinocharts

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Seit letzten Donnerstag ist "Blutzbrüdaz", der erste abendfüllende Spielfilm von sido, in den Kinos zu sehen. Und anscheinend hat die Mischung aus HipHop-Film und Komödie bereits 128.000 Zuschauer angelockt. Das jedenfalls meldet Media Control, die den Film in der ersten Woche auf Platz 6 der deutschen Kinocharts listen.

Ein zehnminütiges Making Of von "Blutzbrüdaz" seht ihr hier:
 

Ob der Film mit diesen Zahlen auf Kurs ist, die Millionengrenze zu knacken, wie sido es sich in mehreren Interviews gewünscht hatte, bleibt, wie man so schön sagt, abzuwarten.

Anlass zu Ärger liefert dem ehemaligen Maskenmann hingegen ein gemeinsamer Angelausflug mit "23"-Partner Bushido. Das Kulturmagazin des Spiegel hatte die beiden zu einem solchen auf dem Tegeler See begleitet, im dazugehörigen Interview hatten beide offenherzig erklärt, gar keinen Angelschein zu besitzen.

Offenbar hat sich daran ein anonymer Leser des Kulturspiegels so gestoßen, dass er die Behörden eingeschaltet hat. Gestern veröffentlichte Bushido via Facebook einen Brief der Berliner Polizei, in dem er aufgefordert, eine Zeugenaussage abzugeben. Gegen sido, der unter seinem bürgerlichen Namen Herr Würdig genannt wird, sei aufgrund des Interviews nach dem Hinweis eines mutmaßlichen Lesers ein Strafverfahren wegen des Verdachtes der Fischwilderei nach § 293 Strafgesetzbuch eingeleitet worden.

Erste splash!-Acts bestätigt

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Der ersten Nachricht des neuen Jahres wohnt ein gewisser Zauber inne. Weckt sie doch Erinnerungen an ein durchaus rundum gelungenes Festival, das im vergangenen Sommer über die Bühne ging: Das splash! hat gestern die ersten Acts für die 15. Runde, die 2012 ansteht, bekannt gegeben.

Unter diesen finden sich Platzhirsche wie Kool Savas & Friends, dessen Teilnahme durchaus erwartbar war, aber auch einige Überraschungen. So wird auch Savas' ehemaliger Westberlin Maskulin-Partner Taktlo$$ einen Auftritt haben – unvergessen seine legendäre halbstündige "Was macht mein Label?"-Session bei seinem letzten splash!-Gig.

Auch das Heranwachsen einer neuen Sparte im Deutschrap wird von den Festival-Organisatoren nicht ignoriert. So sind bisher Auftritte des Stuttgarter Chimperator-Schützlings Cro sowie des Hamburgers mit dem rosa Viereck, Ahzumjot bestätigt. Und nachdem im letzten Jahr sein Alter Ego Marteria bereits die ersten grünen Rauchsignale aussandte, wird in diesem Jahr Marsimoto selbst zu bewundern sein.

Auch aus den Vereinigten Staaten kündigt sich hoher Besuch an. Wiz Khalifa hat letztes Jahr gleich zwei kleinere Touren in good ol' Germany hingelegt, auch er wird auf dem splash!15 vertreten sein. Für noch mehr Begeisterung, gerade unter jüngeren und weiblichen Fans wird die Nachricht sorgen, dass auch Shooting Star Mac Miller zu Gast sein wird. Und um das bisherige Bild abzurunden: Auch das Vereinigte Königreich wurde nicht vergessen, mit Murkage füllt man die vermeintliche Lücke zwischen HipHop, Grime und Dubstep.

Auch der diesjährige Host des Ganzen steht schon fest. Es ist niemand anderes als der Münchner Rapper und DJ Roger Rekless.

Insgesamt also durchaus Anlass genug, sich schon mal auf die Tage vom 6. bis zum 8. Juli zu freuen – ein Gedanke, der die trübe Winterzeit durchaus ein wenig erträglicher macht.

Jahresrückblick Teil 4

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So, liebe Freunde. Drei Teile hatte unser Jahresrückblick bisher. Drei Teile, die sich mit drei Phänomenen gesondert befasst haben. Um den Jahresrückblick abzurunden, brauchen wir natürlich noch die beliebten Jahresbestlisten.
Andere Medien lassen darüber gern die Leser entscheiden, doch nicht so rap.de. Wir wollen euch nicht überfordern, außerdem habt ihr ja schon sicherlich bei mindestens acht bis zwölf Jahresendumfragen teilgenommen und seid Voting-müde. Kein Problem. Bei rap.de übernimmt es die Redaktion bzw. der Chefredakteur der Einfachheit und Übersichtlichkeit halber selbst, festzulegen, wer wichtig war und wer nicht. Schließlich und endlich ist das ja unsere Aufgabe, nicht eure.
Das hat etwas autoritäres, zugegeben, steht aber gleichzeitig für ein gewisses Maß an Führung und Anleitung, nach der sich neusten Studien (die der Autor dieser Zeilen bei einem kürzlichen Zahnarztbesuch im Stern oder so gelesen hat) circa 75 % aller deutschen Internetuser sehnen. Hinterher kann dann ja immer noch jeder anmahnen, wen wir alles vergessen/ignoriert/missachtet/boykottiert etc. haben.
Auf geht's, los geht's.

30 Platten, über die man 2011 gesprochen hat

1 Casper – XOXO
2 Kool Savas – Aura
3 K.I.Z. – Urlaub fürs Gehirn
4 Favorite – Christoph Alex
5 Prinz Pi – Rebell Ohne Grund
6 Fler – Im Bus Ganz Hinten
7 Samy Deluxe – SchwarzWeiss
8 Kollegah – Bossaura
9 Die Atzen – Party Chaos
10 Ahzumjot – Monty
11 Fard – Invictus
12 Eko Fresh – Ekrem
13 DNP – Bis einer weint
14 Baba Saad – Halunke
15 Nate57 – Auf der Jagd
16 23 – 23
17 F.R. – Ganz normaler Wahnsinn
18 Absztrakkt – Diamantengeizt
19 Massiv – Eine Kugel reicht nicht
20 King Orgasmus One – M.I.L.F.
21 Farid Bang – Banger leben kürzer
22 Basstard – Zwiespalt
23 Hiob – Drama Konkret
24 Bushido – Jenseits von Gut und Böse
25 Kaas – Liebe, Sex und Zärtlichkeit Twighlight Zone 
26 Morlockk Dilemma – Circus Maximus
27 Nazar – Fakker
28 KC Rebell – Derdo Derdo
29 Laas Unltd. – Blackbook
30 Bosca – Fighting Society

5 Newcomer, über die man 2011 gesprochen hat

1 Cro
2 MoTrip
3 Raf 3.0
4 Ahzumjot
5 SunDiego

10 Videos, die 2011 viel und gern angeschaut wurden

1 Cro – Easy
2 Casper – Auf und davon
3 23 – So mach ich es
4 MoTrip – Was mein Auto angeht
5 Kool Savas – Aura
6 Eko Fresh – Köln-Kalk Ehrenmord
7 Marsimoto – Ich Tarzan, Du Jane
8 Casper – Der Druck Steigt/Blut sehen
9 Fler – Spiegelbild
10 Prinz Pi – Du bist

HipHop-Labels, die ihre Sache 2011 besonders gut gemacht haben

1 Four Music
2 Selfmade Records
3 Essah Entertainment
4 Keine Liebe Records
5 Atzenmusik
6 Chimperator

5 Peinlichkeiten, die 2011 nicht hätten sein müssen

1 Ausschreitungen bei der Rheinkultur/div. Autogrammstunden
2 Heuchlerische Diskussion um Bushidos Bambi
3 Absage von One Love/Time2Bomb
4 Begründung der Nicht-Sendung von Farid Bangs Video bei Aggro.TV
5 Immer noch geht keiner auf Fards Battleherausforderung um 15.000 € ein

Bestes Festival: splash!14

Beste HipHop-Website: rap.de hiphop.de meinrap.de rappers.in 16bars.de juice.de mixeryrawdeluxe.tv  splash-mag.de rap.de

Bester HipHop-Film: Blutzbrüdaz

20 21 Rapper, von denen man in 2012 etwas viel erwarten darf

1 Vega
2 Tua
3 Haftbefehl
4 Celo & Abdi
5 Olson
6 MoTrip
7 Cro
8 Die Orsons
9 Gerard
10 Bass Sultan Hengzt
11 Alligatoah
12 Chakuza
13 DCS
14 Megaloh
15 Genetikk
16 Marsimoto
17 eou
18 Silla
19 Nate57
20 Raf 3.0
21 Rockstah

Und noch ein paar Typen, die 2012 auch mal (wieder, zum Teil) was von sich hören lassen dürfen

1 Liquit Walker
2 Marcello
3 Grüne Medizin
4 Edgar Wasser
5 Montez
6 Weekend
7 Battleboi Basti
8 Dazzle
9 Beginner
10 Stieber Twins

So, das war's dann auch für dieses Jahr. Guten Rutsch und ein frohes Neues.

Jahresrückblick Teil 3

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Was Haftbefehl für Gangsterrap war, war Casper für den emotionaleren Rap. Oder den melancholischeren Rap. Oder den Emo-Rap. Oder den Nerd-Rap. Oder den Hipster-Rap. Oder halt den Nicht-Gangsterrap. Kategorisierungen sind eh scheiße, aber man weiß wohl ungefähr, worauf der Autor hinaus möchte. Im Fahrwasser des Exil-Bielefelders schwammen so einige Charaktere mit, die das Game wieder um ein paar Facetten reicher gemacht haben.
 
 
Angefangen hat es aber auch hier bereits Ende letzten Jahres. Da releaste Rockstah nämlich sein Album “Nerdrevolution“, wobei Rockstah von dem Wort “Nerd“ eine weitergefasste Definition im Kopf zu haben scheint. Jedenfalls geht es auf dem Album nicht darum, wie er an verstauben C64-Platinen rumbastelt, sondern Videospiele zockt und DVDs sammelt. Cleverer Move, denn mit diesem Begriff dürften sich weit mehr Personen identifizieren können und zu Fans rekrutieren lassen. Ein kurzweiliges Album war es allemal, “Sturmfrei“ oder “Zocken größer Ficken“ sind amüsante Songs mit Kultpotential, dazu durchdachte Electrosound-Dingens-Produktionen. Vorher von der Szene weitgehend unbeachtet erlebte der Rodgauer nun erstmals so etwas wie einen, Achtung, Unwort: Hype. Nur um sich dann von der Musik erst mal wieder zurück zu ziehen und sich seinem Ulk-Blog zu widmen. Quasi pünktlich zum Splash gab es noch den Track “A-Taste“ sowie ein paar nebulöse Ankündigungen sein Album betreffend. 2012 soll es rauskommen und viel mehr ist eigentlich bis dato nicht bekannt.
 
Im April kam dann Kaynbock mit seinem kostenfreien Album “Trümmertetris“ um die Ecke. Der Kollege ist wie Casper auch aus Bielefeld, und musikalisch könnte man mit zu wenig Phantasie und genug Oberflächlichkeit beide mal schnell in eine Schublade packen, aber damit würde man Kaynbock nicht gerecht werden. Tatsächlich hat er einen sehr interessanten Longplayer abgeliefert. Da wird The Streets gesamplet, aber auch Psych-Gitarren finden ihren Platz auf den Instrumentals. Das Ganze klingt aber zu keinem Zeitpunkt bemüht oder uninspiriert. Nur sehr melancholisch, manchmal aggressiv und selten optimistisch, aber sehr ansprechend und alles in allem hörenswert to the fullest. Allerdings fand das Projekt nicht die verdiente Abnehmerschaft, sollte es Kaynbock aber gelingen, an dieses Werk anzuknüpfen, stellt sich auf längerfristige Sicht wohl auch hier ein spürbarer Erfolg ein.
 
Im Windschatten besagten Rockstahs betrat dann im Oktober dieses Jahres Ahzumjot das Parkett. Für die einen Kid Cudi oder Drake auf Deutsch, mindestens, und das nächste ganz große Ding, garantiert – für die anderen einfach nur overhypet und belanglos, womit man aber immerhin schon mal die Polarisierung der Community geschafft hätte, was für einen Durchbruch bekanntlich die Mindestanforderung ist. Warum es dann letztendendes doch nur bei einem überschaubaren Buzz geblieben ist, trotz diverser Ritterschläge durch die Fachpresse, ist nicht ganz klar. Möglicherweise weil das erste richtige Album “Monty“ nur gegen Bezahlung und nicht wie so oft kostenfrei downloadbar war. Vielleicht aber auch, weil die Texte weit weg sind von besoffen Mitgröhlen und Nebenbeihören. Eine Zukunft als feste Größe scheint aber durchaus im Bereich des Möglichen, schon wegen der Qualitätsdichte in Sachen Beats und Texten und auch dem entsprechenden Rückhalt vieler HipHop-Heads. Lediglich der eigentümliche Flow braucht noch Gewöhnungszeit. Aber hey, daran wird es nicht scheitern.
 
Lehnen wir uns noch etwas weiter aus dem Fenster: Eigentlich finden Kraftklub ja schon fix im HipHop-Kontext statt, Einheizer für Fettes Brot und Casper, Medienpräsenz bei rap.de und Juice, selbes Management wie K.I.Z. und Casper. Die Jungs klingen wie eine Mischung aus Beatsteaks und K.I.Z., nenn es Gitarrenmusik mit Punchlines. Ihre erste EP “Adonis Maximus“ ist bereits 2010 erschienen, dieses Jahr gab es dann, quasi mitten im Sommerloch, die Single “Zu Jung“ von besagter ausverkaufter Scheibe zu erwerben und kurz darauf die eigens für  Stefan Raabs Bundesvision Songcontest komponierte Nummer “Ich will nicht nach Berlin“. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Anders als der Rest der Republik fühlt sich die Fünf-Mann-Kapelle offenbar sehr wohl in ihrer Heimat Chemnitz und will so gar nicht nach Berlin. Am 20. Januar 2012 erscheint dann das Debütalbum, “Mit K“.
 
Bereits im Februar dieses Jahres gab es “Meine Musik“ von Cro zum Download. Trotz des sympathischen Sounds blieb das Release aber ein Insider-Tipp. Möglicherweise, weil es dann doch alles ein bisschen zu positiv und happy war. Jedenfalls legte der junge Mann Ende des Jahres einfach noch mal einen drauf mit seinem Free-Release “Easy“. Vermutlich ist es zu einem Gutteil der überragenden gleichnamigen Single samt lässigem Video samt attraktiven Damen zu verdanken, dass sich nun ein, naja, Hype entwickelte, mit dem wohl keiner gerechnet hat. Das Video durchbrach kurze Zeit später die Millionen-Klicks-Schallmauer bei Youtube. Die lockeren, melodiösen Sample-Beats erinnern hier und da an den US-Newcomer Mac Miller und auch inhaltlich gibt es Parallelen. Nichtsdestotrotz hat der Rapper mit der Panda-Maske einen ganz eigenen Sound kreiert und es bleibt zu hoffen, dass da mit Hilfe der Stuttgarter Talentschmiede Chimperator, wo Cro gesignet ist, bald ein Album nachgelegt wird. Bis es so weit ist, rotiert jedenfalls weiterhin "Easy" in der Playlist.
 

Olson Rough ist kein Newcomer im klassischen Sinn mehr, trotzdem passt auch er perfekt in diese Kategorie hier (für die wir immer noch keinen coolen Namen haben. Egal.). Bereits 2009 stand das von Kritikern wie Fans hochgelobte “Rudeboy“ zum kostenfreien Download parat. Zwei Jahre später, meldete er sich dann zurück, mit neuer Musik und ohne Rough. Jetzt nennt er sich nur noch Olson und auch äußerlich hat er sich verändert. Statt Kampfglatze trägt er nun den Hipster-Undercut. Doch auch wenn er sich musikalisch weiterentwickelt hat, ist es glücklicherweise kein Versuch geworden, sich neu zu erfinden. Zumindest klingt das auf der Download EP “40213“, die seit Dezember kostenlos aus dem Netz gezogen werden kann, immer noch, wie der Olson Rough von “Rudeboy“, nur erwachsener und ein Level weiter. Es geht immer noch um den Struggle in der Schule, das Hin und Hergerissen sein zwischen Clubs und Hörsälen und natürlich die Damenwelt. Und immer noch mit der Roughness in der Stimme, der Melancholie und den melodiösen Beats. Im Mittelpunkt steht aber nicht mehr so sehr, sich zu beweisen, als der Krasseste, der Pillen, Alkohol und Prügeleien zelebriert sondern den Prozess des Erwachsenwerdens in der Großstadt zu beschreiben. 2012 kommt hoffentlich endlich ein Album, auf jeden Fall aber eine Tour, mit eRich und Gerard, die passenderweise “Almost Famous“ heißt und im April nächsten Jahres startet.
 

Und wo wir schon mal bei Gerard sind: Ähnlich wie Olson ist der Österreicher auch kein Newcomer im klassischen Sinne mehr, denn er hat bereits zwei handfeste Alben releast, so richtig zum Anfassen. Und trotzdem ist er vor allem in Deutschland eben doch noch ein Newcomer. Angefangen hat alles als Voract von Prinz Pi. Übrigens ein recht zuverlässiger Indikator für den möglicherweise bald eintretenden Durchbruch, denn auch K.I.Z., Kollegah oder Casper präsentierten sich in diesem Rahmen erstmals einem größeren Publikum. 2011 gab es musikalisch nichts von Gerard, aber das nächste Album ist schon in der Mache, die ersten Titel stehen anscheinend schon. Außerdem entsteht die Platte unter Mitwirkung von Beatlefields DJ Stickle in den Krabbe-Studios, in denen ja unter anderem auch schon Caspers Nummer 1 Album “XOXO“ gebastelt wurde.
 
 
Jetzt könnte man noch Namen wie eou nennen, denen mit dem Video zu "immernochso" ein kleiner Überraschungshit gelungen ist. Oder man könnte den Bogen noch etwas weiter spannen und die Orsons (die 2011 einen Majordeal unterschrieben), insbesondere Tua und Maeckes aufs Tapet bringen. Denn an vielen Beispielen lässt sich belegen, dass deutscher Rap 2011 so offen und vielseitig war, wie lange nicht. An dieser Stelle ist der Autor aber einfach mal froh, im gesamten Text das Wort "Hosen" nicht verwendet zu haben und wünscht allseits guten Rutsch.
 

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