Gris & Chefket

Edit Entertainment. Für viele Fans des realen Hip Hop ist das Berliner Label, die letzte intakte Bastion, wenn es um bewussten Rap auf technisch hohem Niveau geht.
Dass es bei Gris und Chefket mehr um Kunst, denn um Kommerz geht ist offensichtlich und trotzdem erfreut sich ihre Musik immer größerer Beliebtheit. 
Während Gris am 23.10. sein neues Album "Schwarzweiss in Farbe" heraus bringt, veröffentlichte
Chefket bereits im September die CD "Einerseits Andererseits". Ereignisse auf jeden Fall, die wir zum Anlass nahmen mit Gris und Chefket bei Unmengen von Kernen und Nüssen über die Ausbildung im Rap Game zu sprechen und darüber, warum Jonathan Meese nicht das Cover von Gris malen darf.    

rap.de: Ihr seid beide bei dem Berliner Label Edit gesignt. Was steckt hinter diesem Namen?

Chefket: Edit ist ein Zusammenschluss von Freunden, die sich irgendwann mal dazu entschlossen haben, ungefilterte Musik zu veröffentlichen. Und wer da alles ist, weiß er viel besser, (deutet auf Gris).

Gris: Meyah Don, Gris, Chefket, Amewu, Team Avantgarde, also Phase und Zenit, DJ Eight, DJ Fiks, Shiranu und Wakka. Und dann noch Leute, die mehr im Hintergrund sind und nicht unbedingt selbst Rap machen, sondern Videos oder so was. Aber das waren jetzt so die Artists.

rap.de: Was bedeutet "ungefilterte Musik“?

Chefket: Dass bedeutet, wenn ein Song zum Beispiel "Winter“ heißt, niemand kommt und sagt "Kannst du den nicht „Sommer“ nennen?“. Es wird nicht vorher überlegt, in welche Richtung man es am besten verkaufen könnte, sondern erst wenn die Musik fertig ist, wird die Promo ganz normal gemacht.

rap.de: Ist es gut, wenn man als Künstler so frei ist? Wünscht man sich nicht manchmal jemanden, der einen in den Arsch tritt und sagt "Jetzt mach mal“?

Gris: Das gibt es ja. Arschtreten und Motivieren hat ja nichts mit Verbieten zu tun. Es gibt ein, zwei Leute, die mehrmals am Tag anrufen und dir sagen, wo du noch hin musst und was du machen musst. So was braucht man auch garantiert, das ist ganz wichtig, sonst würde alles auf der Strecke bleiben. Es gibt aber einfach dieses harte Vorschreiben nicht.

rap.de: Wie wichtig ist es, eine Gruppe von Menschen um sich zu haben, die dein Produkt ehrlich bewerten?

Chefket: Sehr wichtig.

Gris: Nee, das bringt überhaupt nichts. Meinungen, egal in welche Richtung sie gehen, verunsichern einen nur. Ich kann auch mit Kritik, egal ob positiv oder negativ, schlecht umgehen. Natürlich frage ich manchmal, aber dann ärgere ich mich auch, dass ich gefragt habe. Der Eine findet es gut, der Andere findet es schlecht und das hilft dir dann auch nicht weiter.

Chefket: Ich hole mir eine Meinung ein, aber das heißt nicht, dass ich die dann auch genau so umsetze. Ich höre mir gerne an, wie andere das wahrnehmen und meistens bestätigt das meinen eigenen Eindruck, wie meine Musik auf andere wirken könnte. Deswegen bin ich eigentlich nie überrascht. Aber selbst wenn jemand sagt, "das ist total scheiße“, dann denke ich mir zwar "hm, komisch“, benutze das aber trotzdem, weil ich trotzdem davon ausgehe, dass ich einen guten Geschmack habe.

rap.de: Wie massenkompatibel ist Eure Musik?

Gris: Ich stelle mir die Frage nicht wirklich. Ich habe auch das Glück, dass das nicht mein einziges Standbein ist und ich nicht wie ein Gangsterrapper ausschließlich darauf baue und wenn ich’s verkacke, auf Hartz IV bin.
Wenn das jetzt alles wegbricht und keiner mehr meine Musik kaufen würde, dann mache ich halt die anderen Dinge. Natürlich wäre es super, wenn ich mehr Geld damit verdienen würde, aber das ist jetzt wirklich nicht das Hauptziel.
Ich meine, was ist denn Massenkompatibel? Nur weil alle Bushido oder so hören, heißt das ja nicht automatisch, dass das gut ist. Das was ich mache, muss nicht allen gefallen. Eigentlich ist es bei mir genau das Gegenteil.

Chefket: Ich habe in der Richtung alles auf eine Karte gesetzt und kann davon glücklicherweise auch meine Miete zahlen.
Ich habe viele Freunde, die gar nichts mit Rap zu tun haben und deshalb habe ich mir gedacht: Ok, wie kann ich eine Platte machen, die auch außerhalb des HipHop-Mikrokosmos funktioniert? Die du auch deiner Mutter vorspielen kannst, ohne dich zu schämen, weil vielleicht irgendwas vorkommt, was man nur als Hip Hopper verstehen kann!
Ich glaube, ich bin da auch von den Inhalten her kompatibel und vielleicht auch der Beweis, dass gute Musik eben doch nicht unbedingt nicht erfolgreich sein muss.
Wenn das jetzt noch krasser gepusht wird, dann kommt natürlich auch noch viel mehr Feedback zurück. Aber ich kriege es auch jetzt schon mit, dass Leute, die eigentlich gar keinen HipHop hören, auf die Platte stoßen und das geil finden. Es wird dann interessant, wenn man aus diesem Mikrokosmos raus geht und versucht, auch außerhalb davon Leute zu erreichen und nicht nur diese HipHop Heads, die sowieso schon die ganze Zeit von Punchlines und was weiß ich zugeballert werden. Zum Beispiel den da hinten mit der Mütze, der sieht nicht aus, als hätte er was mit Rap zu tun. Wenn ich den mit meiner Musik erreichen kann, ich auf der Bühne stehe und ihn sehe und er checkt das alles und macht mit, dann ist das für mich ein Erfolg.

rap.de: Erfolg ist also nicht gleich scheiße?

Chefket: Ich kann jetzt nur über mein Album "Einerseits, Andererseits“ reden und da war eben auch das Ziel, ein bisschen Genreübergreifend zu werden und mehr Musikalisches rein zu bringen. Der Grund für mich zu Edit zu gehen war ja auch, dass die da offener sind. Diese Massenkompatibilitätssache beziehe ich jetzt nur auf mich und die Sachen, die ich raus gebracht habe, aber vielleicht kommt demnächst ein "Punchlinemixtape“ und das ist dann eben nicht massenkompatibel. Es ist einfach eine gewisse Freiheit, dass ich überall auftreten kann – egal ob mit einer Band, mit Backgroundgesang oder eben nur mit DJ. Ich könnte theoretisch bei allen Festivals auftreten. Ich habe mal wo gespielt, wo sonst nur Metalbands waren, aber die Leute haben es trotzdem verstanden. Es ist halt Deutsch, es ist Sprache und deshalb ist es für mich interessanter, jeden zu erreichen.

rap.de: Um große Massen zu erreichen, ist es aber gerade im Rap-Bereich wichtig, dass man ein einfaches Bild darstellt. Dass man als Künstler auf irgendwas reduziert werden kann. Das kann man bei Euch beiden aber nicht. Habt Ihr überhaupt eine Künstlerpersönlichkeit, die sich von Eurem privaten Ich unterscheidet?

Gris: Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas um mich herum konstruiere. Ich bin einfach, wie ich bin – egal ob auf der Bühne, dahinter oder in einem Interview. Ansonsten würde man sich selbst verändern und sich so zurechtschnipseln, dass die Presse oder die Leute einen interessanter finden. Dieses "Ich kann jetzt den Takt treffen und Texte schreiben, oder lass mir die Texte schreiben und ich mach jetzt einen auf Ex-Knasti oder Kindermörder und die Leute feiern das“. So bin ich nicht und deshalb empfinde ich es auch als Lob, dass du das so siehst.
Das ist ja dann aber auch alles sehr interessant. So ein Alexander Klaws dürfte ja auch nicht zugeben, dass er kokst, weil sonst die ganzen Kids, die das kaufen, total enttäuscht sind. Wenn er gerne kokst, dann kann er das gar nicht sagen. Er ist da irgendwie beschnitten und verliert für mich an Glaubwürdigkeit. Dann ist das nur Musik für Geld und der Typ ist ein Produkt, das die Leute kaufen.

Chefket: Das ist wie bei einem Restaurant. Manche betreiben das, um den Leuten was Gutes zu essen zu geben, und andere kochen nur, um Geld zu verdienen.
Ich finde aber, dass es schon einen Unterschied geben muss zwischen der Persönlichkeit  auf der CD und dem, der jetzt vor euch sitzt. Ich zeige quasi meine Schokoladenseite.
Stell dir vor, wir treffen uns jetzt unabhängig vom Interview und ich erzähl dir irgendwelche negativen Sachen. Da erzähl ich lieber was Schönes und habe ein gutes Gespräch, in dem man auch zusammen weiterkommt. So ist das auch auf meiner CD und die ist wie ein Gespräch mit mir selbst, um mich daran zu erinnern, wie meine Ideale sind und wie ich meinen Charakter weiter ausbilden kann. Deshalb sind  viele Dinge nicht drauf auf der CD.

rap.de: Was sind so Dinge, über die Ihr nie ein Lied machen würdet, auch wenn sie Euch beschäftigen?

Chefket: Mhm. Wenn ich jetzt irgendwas sage, mache ich es vielleicht doch irgendwann. Ich habe aber auf jeden Fall schon Songs über meine Eltern geschrieben, die ich niemals raus bringen würde.

Gris: Bei mir war es genau andersrum. Ich habe kürzlich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eigentlich alles machen würde, will und werde. Ich komme ja eigentlich aus der Malerei und das wäre so, als würde man nicht alle Farben benutzen. Dann ist da eben mal ein schwarzer, roter oder weißer Track dabei und deswegen will ich mich da eigentlich nicht verschließen. Auf dem neuen Album ist ein Track mit Chefket über Studenten drauf und da habe ich kurz überlegt, welcher Rapper eigentlich was über Studenten hören will, außer Studentenrapper. Aber Chefket meinte dann, der wäre doch ganz fresh, und da hat er Recht. Ich habe auch ein Lied über meine Frau gemacht, der sehr, sehr persönlich ist, und der ist jetzt auch auf dem Album drauf. Man überlegt sich eben nicht vorher, was man für Lieder macht, wenn man eine CD macht.

rap.de: Gibt es viele Parallelen, die man zwischen Musik und der Malerei ziehen kann?

Gris: Ja, schon. Eigentlich ist es genau das Gleiche. Du sitzt am Anfang am Rechner, wo nur die Spuren sind, und fängst an, Beats zu basteln und überlegst dir, was du jetzt wie schreibst. Da ist man dann genau wie beim Malen sauer, wenn was nicht funktioniert, oder freut sich, wenn man was geschafft hat, was man sich vorgenommen hat. Die Energie, die da rauskommt, ist genau dieselbe, wie die, die reingeht. Manchmal ist es auch ein bisschen zuviel.
Wenn man Rap wie wir macht, kann man sich auch mit der Musik ausdrücken, aber wenn man so kanalisiert und gefiltert ist, muss man dann da und da aufhören, oder hier lang, obwohl man eigentlich da lang möchte.

rap.de: Womit kannst Du Dich besser ausdrücken: Mit Deiner Malerei oder der Musik?

Gris: Das geht bei beidem gleich gut. Manchmal macht man eine Skizze, das sind dann nur vier Linien, und jemand, der sich nicht damit auskennt, sagt dann "Ja, das hat er ja ganz gut gemalt“ und der alte Kunstprofessor, der schon Millionen von Bildern gesehen hat, sagt "Boah, das ist so ein Treffer, ich weiß genau, was du damit meinst!“. So ist das auch bei Songs, wobei es da leichter ist, weil die Sprache noch hinzukommt. Bei Zeichnungen, gerade auch abstrakten, ist das natürlich schwieriger. Aber für mich selbst ist es das Gleiche. Ich weiß nur nicht, ob ich bei beidem gleich gut verstanden werde.

rap.de: Ab wann ist in Euren Augen ein Rapper ein richtiger Künstler?

Gris: Das ist eigentlich dasselbe wie vorhin. Er ist genau dann kein Künstler mehr, wenn er es Produktorientiert macht, wenn er sagt "Was muss ich machen, damit es sich jetzt verkauft?“. So jemand ist eher ein BWL-Student.
"Was könnte ich machen? Ah, ich mach ein Lied über den 11. September. Und wie mache ich Promo? Ach hier für 2000 Euro das Video und das und das“ – so was halt, weißt du? Ab dann ist er für mich auf jeden Fall kein Künstler mehr. Wie lange er noch ein Künstler ist, weiß Chefket.

Chefket: Aber das ist ja eigentlich auch eine Kunst, das so hinzukriegen. Es gibt ja diesen Spruch, dass jedes Kind ein Künstler ist, und ich glaube, wenn Menschen ihre inneren Kinder vergessen, dann sind sie keine Künstler mehr. Ich weiß nicht. Wer bin ich denn auch, dass ich darüber urteilen kann, wer ein Künstler ist und wer nicht?

rap.de: Vielleicht ist man ab dem Moment ein Künstler, ab dem man Leute mit dem, was man macht, berühren kann.  

Chefket: Aber es gibt ja auch bestimmt Leute, die mich und tausend andere auch nicht berühren, dafür aber einen Einzigen. Dann wäre er ja auch wieder Künstler und es ist falsch, wenn ich sage, dass er keiner ist. Vielleicht hat das eher mit Kunst und Können zu tun.

rap.de: Jetzt seid Ihr zwei Rapper, die zwar technisch sehr gut, aber auch sehr unangestrengt rappen. Kann man Rap eigentlich richtig erlernen?

Gris: Ja klar, wie Malen. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Du kannst dich hinsetzen, den Bleistift so und so halten, die Linien und Proportionen so und so zeichnen und dann am Schluss eine Flasche gezeichnet haben, die genau so aussieht, wie das Original. Aber wir wollen ja nicht nur irgendwas abmalen oder Deko-Sachen machen, sondern Denkgewohnheiten ändern. Da fängt Kunst meiner Meinung nach erst richtig an.

Chefket: Man kann manche Sachen natürlich dem Zufall überlassen und dann entsteht was Cooles, aber wenn man eine "Ausbildung“ hat, kann man diese Sachen viel besser steuern. Da kannst du das, was du sagen willst, noch viel schöner sagen und ich muss mir meine Sachen ja auch selbst anhören können. Mich erreichen Sachen, die technisch gut sind, oftmals mehr. Natürlich bin ich auch manchmal auf MySpace Seiten, wo die Aufnahme scheiße und die Technik nicht so gut ist, aber die sagen irgendwas Krasses. Dann ist das auch cool, aber um es mir den ganzen Tag geben zu können, ist die Technik einfach wichtig.  

Gris: Ein ganz gutes Beispiel dafür ist dieser Muhabbet. Kennst du den noch? Der hat dieses "Sie liegt in meinen Armen“ oder so gesungen. Der hat das ins Internet hochgeladen und das war soundmäßig die schlechteste Qualität und jetzt auch nicht professionell gesungen. Das haben sich tausende Leute runter geladen, dann hat sich das Sony oder eine andere größere Firma gekrallt und neu aufgezogen und auf einmal war das so ein glatt gespültes Ding und keiner fand es mehr gut. Früher war es weniger Technik und hat Leute erreicht und dann war es halt zu viel Technik. Ich muss bei solchen Fragen immer direkt an Muhabbet denken. Es gibt Songs, die hat irgendjemand zuhause in seinem Kämmerchen aufgenommen und die haben irgendwas.

Chefket: Aber das ist dann Zufall. Wenn derjenige sich jahrelang mit Raptechnik befasst hätte, dann hätte der das noch viel krasser auf den Punkt gebracht oder noch viel interessanter gemacht. Wenn man zum Beispiel gleich beim ersten Mal alles versteht, wenn jemand Doubletime rappt. Das ist ein Anspruch an sich selbst und zeigt, dass man auch die Leute, für die man das macht, ernst nimmt. Die Zuhörer werden oft unterschätzt und man denkt sich "Ok, jetzt nicht zu viel und nicht zu schnell rappen“, aber das ist eigentlich Schwachsinn. Die wollen das ja, was aber auch nicht heißt, dass man jetzt jeden Track tripletime rappen muss…

rap.de: Es gibt aber das ein oder andere Youtube-Video wo Du genau das machst. Übt man so was richtig oder entwickelt sich das einfach stetig?

Chefket: Man übt das natürlich, wenn man das jetzt "üben“ nennen will. Es gibt gewisse Worte und gewisse Folgen von Vokalen und Buchstaben, die man leicht aussprechen kann. Und da versucht man dann halt damit irgendwas zu konstruieren, was man schnell rappen kann. Aber so einen ganzen Song inhaltslos Tripletime zu rappen, wäre dann auch nicht so mein Ding. Ich lege mehr Wert auf Inhalte, aber es ist interessant, wenn man beides verbinden kann.
Amewu
ist zum Beispiel so jemand, der Technik und Inhalt miteinander verbinden kann.

rap.de: Kollegah hat gesagt, dass es schwieriger wäre, auf Deutsch so schnell zu rappen als auf Englisch.

Chefket: Ja, aber guck mal. Es gibt ja auch sehr viele Lückenfüller, die man immer wieder reinbringen kann. "GewinnerDerBerlinerVolleyballLiga“? Oder so Phrasen wie "AlleMeineJungs“ oder "HeyMutterficker“ und "AlleMeineLeuteBeiMir“. (lacht) Auf Deutsch kannst du wie gesagt immer wieder diese schnellen Worte mit rein bringen.

rap.de: Kollegah ist ja jetzt mehr so ein Vertreter der Internet-Generation. Welchen künstlerischen Background habt ihr?

Gris: Ah, Chefket ist schon eine Generation jünger als ich, für mich ist der schon voll New School, Immer wenn ich mit dem und Amewu abhänge, fühle ich mich echt wie 41.

rap.de: Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?

Gris: 31.  Ich war ja damals bei Papa Staiger. Und als wir da angefangen haben, hatte ja noch niemand von uns eine E-Mail-Adresse. Wir haben da aus Spaß gerappt und haben halt auch gemerkt, dass wir das gut können und dann RoyalBunker-mäßig Tapes raus gebracht. Und bei ihm (zeigt zu Chefket) ist es ja ganz anders.

Chefket: Ja, ganz anders. Ich war erstmal der einzige Rapper in meiner Stadt.  Ich habe auch englisch gerappt und war in einer Schulband. Mit der haben wir dann so lokale Wettbewerbe gewonnen und wurden dann für 18 Monate in der Pop-Akademie Mannheim gecoacht. Ich habe dann aber das Handtuch geschmissen, weil ich mich textlich noch nicht so weit gefühlt habe. Außerdem habe ich zu der Zeit ziemlich viel gekifft und wusste nicht, was ich wollte. Musik sollte es schon sein, aber nicht in diese Richtung. Dann habe ich erstmal eine CD gemacht, mit einem eigenen Computer produziert und sie in der Stadt halt auch verkauft, eine Release-Party gemacht und irgendwann gemerkt"Okay, ich muss hier weg!“.
Dann bin ich nach Berlin gegangen und habe hier erstmal viel gefreestyled. Ich war ja vorher auf Studienfahrt hier und habe gemerkt, dass es mir hier gefällt. Es ist jetzt nicht so, dass in Heidenheim, wo ich herkomme, alles rassistisch war, aber man hat gemerkt, dass es die Leute hier nicht juckt, ob ich Türke bin oder nicht, und wo mein Name herkommt und was der bedeutet.
Das war sehr angenehm, nicht immer über Kopftücher und den EU-Beitritt reden. zu müssen Hier ist es wesentlich besser zusammen gewachsen, gerade Neukölln oder Kreuzberg. Da fühle ich mich auch echt zu Hause. Ich wollte auch nicht einfach in die nächstgrößte Stadt ziehen, sondern dachte mir, "Wenn schon, dann richtig“.
Hier ist es auch interessanter wegen den Mieten oder dem Essen, weil hier alles wesentlich günstiger ist. Es gibt hier einen regen Austausch mit anderen Künstlern, alle Plattenfirmen sind hier. Es lag einfach nahe, hier her zu kommen.  

rap.de: Du sagst auf Deinem Album, dass Du von Kindergeld gelebt hast. Von 150 Euro?!

Chefket: 120 Euro betrug meine Miete, ich habe damals am Gesundbrunnen gewohnt. Und dann habe ich mich immer so durchgeschnorrt.


rap.de: Du hast pro Monat 30 Euro gehabt?

Chefket: Naja, ich bin ja kein Waise. Also, wenn ich jetzt wirklich gar kein Geld mehr hatte, konnte ich halt noch meine Eltern anrufen. Aber das war halt immer die allerletzte Option, das hat ja auch viel mit Stolz zu tun. Meine Eltern sollten ja nicht denken, dass ich im Arsch bin oder so.
Dann kam diese Sertab Erener-Geschichte. Sertab Erener ist die türkische Gewinnerin des Grand Prix 2003 und mit der durfte ich dann Auftritte in der Türkei machen. Ich wurde da hingeflogen, habe da in richtig guten Hotels gewohnt, zu einem Zeitpunkt, als ich in Berlin noch bei irgendwelchen Leuten gewohnt habe, die völlig entnervt von mir waren. Ich dachte mir echt, "Alter, wenn die das wüssten, dass ich eigentlich total pleite bin“. Da habe ich dann auch gemerkt, dass es langsam bergauf geht. Aber da war ich dann immer so der Vorzeige-Türke und musste bei so MultiKulti-Sachen auftreten. Das war halt wegen des Geldes ganz interessant.

rap.de: Und dann hast du 2008 bei End of the Weak gewonnen.  

Chefket: Genau, da waren Flowin Immo, S-Rok… Ach, ganz viele gute Leute. Vielleicht hatte ich einfach Glück. Und dann waren die Weltmeisterschaften und da bin ich dann halt Zweiter geworden. Da hätte ich eigentlich gewinnen sollen. Ich bin ein guter Verlierer, aber das Krasse war, dass ich auf Englisch gerappt und gefreestyled habe. Und wenn ein Ami hier auf deutsch gefreestyled hätte, hätte der auf jeden Fall gewonnen.

rap.de: (zu Gris) Interessierst Du Dich für solche Wettbewerbe? Oder, würdest du bei sowas auch mitmachen?

Gris: Ah, dafür freestyle ich viel zu wenig! Ich habe das früher sehr gerne gemacht und dann ist das so ein bisschen eingeschlafen. Ich stecke die Energie lieber in Texte.
Aber ich gucke mir heute auch noch gerne Feuer über Deutschland an, weil ich das so unterhaltsam finde.  

Chefket: Das ist wie eine Talkshow, die die Unterschicht vorführt. (Schweigen) Ach, Quatsch! (lacht)

rap.de: Gris, Dein Album heißt "Schwarzweiß In Farbe“. Was sind die drei Dinge, die Euren Alltag bunter machen?

Gris: Also, bei mir sind es Musik, Malerei und meine Freunde.  

Chefket: Natürlich Musik. Ich bin im Moment einfach glücklich damit, Musik machen zu können und ein Dach über dem Kopf zu haben. Ich kann aufstehen und denke an Reime. Okay, ab und zu an die Miete. Aber es ist halt echt ein geiles Gefühl.

rap.de: Hast Du Angst vor dem Tag, an dem Du einfach leer bist, dass Du nicht mehr an Reime denken kannst??

Chefket: Ach, solche Tage habe ich auch jetzt manchmal, wenn man sich mit anderem Kram beschäftigen muss.
Als ich keine Wohnung hatte, hat Amewu mir geholfen. Ich hab zu der Zeit echt in verschiedenen Studios geschlafen und hatte immer nur so Texte "Öh, ich habe keine Wohnung!“ Ich hatte echt eine Blockade. Und dann haben wir so einen Zombie-Track geschrieben, wo wir Gehirne essen und dann ist diese Blockade verschwunden.

rap.de: Macht ihr hauptberuflich Musik? Oder wovon lebt ihr?

Gris: Ich bin ab 2011 Kunstlehrer. Ich arbeite jetzt schon in einer Nachhilfeschule, und in zwei Jahren dann halt Lehrer. Dann bin ich auch glücklich. Nee, noch glücklicher.  

rap.de: Ich hatte immer das Gefühl, dass der Kunstunterricht der Unterricht ist, den niemand so richtig ernst nimmt. Wo alle mp3-Player am Start haben.

Gris: Das finde ich aber auch gut, dass der Unterricht lockerer ist. Mich stört, dass alles so rationalisiert wird. Ich finde, dass dieser Unterricht die letzte Bastion eines jungen Menschen ist, wo man nicht gezwungen wird, da zu sitzen und zu lernen.
Natürlich kann man das nicht ausufern lassen und natürlich sind nicht alle gleich interessiert, aber ich könnte mir jetzt auch nicht vorstellen, Physiklehrer zu werden, da hätte ich nach einem halben Jahr ein Burn Out-Syndrom. Ich stehe da voll hinter und fühle mich in diesem Metier auch wohl.

rap.de: Was für Kunst beeindruckt dich?

Gris: Unbekannte. Ich bin zum Beispiel sehr aktiv auf so einer Seite, kunst-web.de, da habe ich auch ein Profil. Die Leute fragen mich immer nach denselben Namen wie Dali oder so und dann gibt es da auf der Seite Leute, die keine Sau kennt und die richtig krasse Sachen machen. Natürlich beeindrucken mich auch die großen Meister, weil die wahnsinnige Sachen gemacht haben, aber so in letzter Zeit tendiere ich zu den Leuten, die irgendwo in ihrem Kämmerchen malen und nie Ausstellungen haben. Einfach Leute, die das offensichtlich nicht wegen Geld machen.

rap.de: Warum hasst du Jonathan Meese?

Gris: Woher weißt du das denn? Ich hasse ihn eigentlich gar nicht.

rap.de: Zumindest sagst du im JUICE Interview, dass er derjenige ist, der niemals Dein Cover malen dürfte.

Gris: Ach so. Chefket dürfte auch niemals mein Cover malen, aber ich hasse ihn trotzdem nicht. Ich hasse Jonathan Meese jetzt nicht, aber ich habe unabhängig von seiner Kunst Interviews und eine Dokumentation von ihm gesehen und da war der einfach unglaublich unsympathisch.
Der hat zum Beispiel nachts bei irgendeinem Großhandel angerufen und gemeint "Ich brauche noch einen Keilrahmen und das und das und das“ und dann haben die morgens um drei für den geöffnet. Dann ist er wieder zurück in sein Atelier und eine total dünne Assistentin ist hinter ihm hergelaufen und hat seine Sachen getragen. Währenddessen hat er über sein Geld gesprochen. Das ist einfach so ein Durchdreher-Typ. Deshalb war er mir wahnsinnig unsympathisch und darum darf er mein Cover nicht malen. Wobei das wahrscheinlich marketingmäßig total gut wäre.

rap.de: Wie würde eine Dokumentation über Euer Leben aussehen? Hättet ihr auch eine Assistentin, die alles hinter euch her trägt?

Gris: Die würden wir extra engagieren, damit es so aussieht, als hätten wir die!

Chefket: Ich glaube, sie würde mir leid tun und ich würde ihr alles hinterher tragen, weil ich mir denken würde, dass man nicht so unhöflich sein darf.

Gris: Und dann sagen die Leute so "Boah, Opfer! Der trägt seiner Assistentin die Sachen hinterher. Mann, ist der dumm!“. Mhm, eine Dokumentation… Sie würde zuerst einmal erschreckend langweilig sein, dann aber auch wahnsinnig spektakulär. Spektakuläre Langweile.

Chefket: Keiner will sehen, wie ich den ganzen Tag nach mir selbst google. (Gelächter) Wenn man so was Dokumäßiges macht, dann wird das ja aber auch alles irgendwie geplant. Das ist ja keine Reality-Show, in der man filmt, wie ich aufwache und erst mal furze oder so. Das ist so gemacht, dass es irgendwie noch interessant bleibt und deshalb würde man da alles bündeln, was innerhalb einer Woche passiert.

Gris: Ich würde hoffen, dass es noch ein bisschen lustig wäre. Dass man als Zuschauer dabei Spaß  hätte. Nicht unbedingt weil mein Leben so lustig ist, sondern wegen den verrückten Leuten um mich herum.

Chefket: Ich denke, wenn man diese Doku in einem bestimmten Rahmen machen würde, könnte das schon interessant sein. Sobald man irgendwas macht, kann ja infolgedessen auch irgendwas passieren. Sobald du mit einer Kamera und vielen Leuten rumläufst und in einen Supermark gehst, passiert schon was. Bei mir wäre es sonst auch nicht so interessant. Außer vielleicht für Leute, die wissen wollen, wie ich meine Sachen einrappe und Texte schreibe und den ganzen Tag der Loop läuft und die Nachbarn so cool sind und keinen Stress machen.

rap.de: Wie kam es denn eigentlich dazu, dass du bei diesem "Deutschlands Vergessene Kinder“-Projekt mitgemacht hast?

Chefket: Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie das alles zusammen kam, aber ich habe irgendwann die Anfrage per E-Mail bekommen und direkt angefangen zu schreiben.
Da geht es um drei Kinder, eins ist schwarz, eins Türke und eins Deutsch, denen es scheiße geht, aber bei denen es am Ende noch Hoffnung gibt. Bei dem Deutschen hatte ich ein bisschen Probleme, weil ich nicht genau wusste, was ich da sagen soll, aber es hat gut geklappt.
Wir haben dann ein Video gemacht und ich habe mir extra einen Bart wachsen lassen, weil ich mir gedacht habe "Vielleicht wird’s scheiße und dann erkennt mich jeder“. Aber es ist gut geworden und ich spiele da einen Journalisten. Jetzt kommt der zweite Teil raus und da sind wir auch angefragt worden. Abgabetermin war der 15. September und wir haben jetzt immer noch Zeit, es abzugeben. Glücklicherweise, wir schreiben nämlich gerade noch die Hook.

rap.de: Kriegt man da eigentlich irgendwas vorgegeben oder wird einfach gesagt "Vernachlässigte Kinder, was fällt euch dazu ein?“?

Chefket: Also, im Endeffekt ging es um das Buch von diesem Wolfgang Büscher. "Deutschlands Sexuelle Tragödie“ oder so. Ich wollte aber nicht irgendwas über ein Mädchen machen, was sich mit 12 schon prostituiert, sondern eher zeigen, dass die Kinder auch die Kraft haben, was zu machen. "Der Blinde Gärtner“ hieß das Lied.
Ich war da mit ein paar Sachen nicht so ganz zufrieden, aber im Endeffekt war es ein Video für umsonst. Ich habe einfach nur den Track abgegeben, das Video gemacht und mehr weiß ich zu dem Projekt gar nicht. Ich habe kein Feedback bekommen, was die Einnahmen waren und inwiefern die ARCHE dadurch profitiert hat. Keinen Plan.

Gris: Wir haben übrigens auch noch was anderes gemacht, was so ähnlich war. Wir haben zwei CDs aufgenommen für Istanbuler Straßenkids. Das entstand zusammen mit einem ehemaligen Streetworker aus Berlin, der jetzt in der Schweiz wohnt.
Das ist ein super Album geworden, ist aber nur ein Slimcase und gibt es auch nicht im Laden. Und ein gewisser Teil des Erlöses geht eben an diesen Verein für Istanbuler Straßenkids. Da haben wir bei beiden Alben Songs für gemacht, beim letzten mit Justus und jetzt mit Amewu. Aber eigentlich mache ich das alles nur für die Promo! (lacht)

Chefket: Was ich noch sagen wollte: Die End Of The Weak Weltmeisterschaft findet 2010 in Berlin statt.

rap.de: Dann wünschen wir Euch und der Veranstaltung weiterhin viel Erfolg und bedanken uns für das Interview.

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